Kriminalität Mehr Sexualtaten, mehr Drogen - woran liegt das?

Bei manchen Verbrechen verzeichnet die Statistik einen deutlichen Anstieg - etwa bei Sexualdelikten. Warum ist das so? Und wie ist die Entwicklung der Gewalttaten zu erklären?

Zollbeamte mit beschlagnahmten Kokainpäckchen
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Zollbeamte mit beschlagnahmten Kokainpäckchen

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Ist Deutschland sicherer geworden? Oder greift die Kriminalität um sich? Auf der Grundlage der an diesem Dienstag vorgestellten Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) lässt sich diese Frage nicht seriös beantworten - auch wenn Innenminister Horst Seehofer (CSU) es trotzdem tut. Das liegt vor allem daran, dass die Statistik nur einen Teil der Kriminalität erfasst. (Lesen Sie hier die Hintergründe über die Tücken der Statistik.)

Trotzdem kann die Statistik als ein Baustein helfen, die Kriminalität in Deutschland zu erfassen. Wohnungseinbrüche etwa sind laut PKS stark zurückgegangen - und hier ist die Statistik tatsächlich zuverlässig, weil die allermeisten Einbrüche der Polizei gemeldet werden.

Wie aber sieht es bei den Delikten aus, bei denen es 2017 mehr Fälle gab als in den Vorjahren? Sexual- oder Drogendelikte etwa? Hier sind die Erklärungen oft komplexer. Drei Beispiele.

1. Sexualstraftaten

Die #MeToo-Debatte, die Ereignisse der Kölner Silvesternacht, Fälle wie die Vergewaltigung auf der Bonner Siegaue: Sexualstraftaten standen in den vergangenen Monaten immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Im September vergangenen Jahres verkündete der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) einen sprunghaften Anstieg der Vergewaltigungen im ersten Halbjahr 2017.

Tatsächlich ist die Zahl der angezeigten Sexualstraftaten von 2016 auf 2017 in ganz Deutschland stark gestiegen: laut Polizeilicher Kriminalstatistik von 47.400 Fällen auf rund 56.000.

Woran liegt das?

Es hat - so die Polizei - wenig mit tatsächlichen Taten, sondern vor allem mit der Statistik selbst zu tun. Nach der Kölner Silvesternacht regelte der Bundestag das Sexualstrafrecht grundlegend neu. Diese Änderungen traten im November 2016 in Kraft, machten sich also 2017 voll bemerkbar.

Durch die Reform liegt die Schwelle für eine Straftat niedriger; der Täter muss beispielsweise keine Gewalt mehr anwenden oder androhen, es reicht, wenn er sich über den "erkennbaren Willen" des Opfers hinwegsetzt ("Nein heißt Nein"). Zudem wurden auch völlig neue Straftatbestände geschaffen wie die "sexuelle Belästigung". Darunter fällt zum Beispiel das sogenannte Grapschen, das vor der Änderung als "Beleidigung auf sexueller Grundlage" verfolgt wurde. Das jedoch war keine Sexualstraftat, sondern eine Beleidigung und wurde statistisch auch als solche gezählt.

Im Video: Kriminalstatistik 2018 - Wie sicher ist Deutschland?

Tatsächlich ist die Gesamtzahl von Sexualstraftaten und Beleidigungen auf sexueller Grundlage von 2016 auf 2017 leicht gesunken, wie die Grafik zeigt. Dies spricht für eine Verschiebung zwischen diesen beiden Straftatengruppen und nur für einen leichten Anstieg der gemeldeten Taten. Letzteren erklärt das Münchner Landeskriminalamt mit einer "erhöhten Anzeigebereitschaft" der Bevölkerung.

Handfeste Belege haben die Bayern für ihre Behauptung indes nicht: In Deutschland fehlen aktuelle, regelmäßige sogenannte Dunkelfeldstudien, die zeigen könnten, wie sich die Anzeigebereitschaft der Bevölkerung von 2016 auf 2017 entwickelt hat. Traditionell ist diese Bereitschaft äußerst gering. Rund 95 Prozent aller Sexualstraftaten werden einer Studie des niedersächsischen Landeskriminalamts zufolge der Polizei nicht angezeigt - und dieser Wert ist seit Jahren konstant. Allerdings reicht die Untersuchung auch nur bis ins Jahr 2016, erfasst also mögliche neuere Entwicklungen nicht.

2. Gewaltkriminalität

Wird Deutschland gewalttätiger? Experten beantworten diese Frage mit Nein - allerdings mit einigen Einschränkungen. Unstrittig ist: Die Zahl der Gewalttaten nimmt seit 2007 fast kontinuierlich ab. Unter anderem Raubdelikte werden seit Jahren deutlich seltener. Seit 1987 gab es bezogen auf die Bevölkerung noch nie so wenig Handtaschenraube wie vergangenes Jahr, die Zahl der Raubüberfälle auf Straßen, Wegen und Plätzen hat 2017 ein 20-Jahrestief erreicht.

Durchwachsen ist die Entwicklung bei Körperverletzungen. Hier gab es bis 2007 einen Anstieg - dieser prägt ganz maßgeblich die Entwicklung der Gewaltkriminalität, schließlich werden unter diesem Begriff diverse Delikte zusammengezählt, darunter gefährliche Körperverletzung, Mord und Totschlag, aber auch einige Sexualdelikte.

Kriminologen führen den Anstieg der Körperverletzungsdelikte allerdings nicht auf einen tatsächlichen Anstieg der Taten zurück. Vielmehr wird eine Körperverletzung heute deutlich häufiger angezeigt als noch vor einigen Jahrzehnten. "Der nach 2007 einsetzende Rückgang der Gewaltkriminalität ist hingegen nicht als Rückgang der Anzeigebereitschaft zu interpretieren; es handelt sich vielmehr um einen echten Rückgang der Gewaltkriminalität, was auch Dunkelfeldbefragungen bestätigen konnten", sagt der Kriminologe Dirk Baier.

Eine Ausnahme des grundsätzlich positiven Abwärtstrends: Die Zahl der Gewalttaten ist von 2015 auf 2016 um rund zehn Prozent angestiegen. Dieser Anstieg sei nahezu vollständig auf die Flüchtlinge zurückzuführen, sagt Baier. Der Forscher führt zwei Gründe an: Einerseits seien junge Männer grundsätzlich gewalttätiger als die Durchschnittsbevölkerung. Zum anderen hätten die Aufenthaltsbedingungen Straftaten begünstigt, etwa die Unterbringung in großen Sammelunterkünften und die fehlende Beschäftigung.

In der Debatte um Gewalt beklagen Polizeigewerkschaften zudem eine wachsende Brutalität. "Wir beobachten seit Jahren eine Verrohung der Gesellschaft. Gewalt wird als probates Mittel zur Konfliktlösung angesehen. Kommunikative Lösungsansätze scheiden oft aus oder finden keine Resonanz", sagt Erich Rettinghaus von der Deutschen Polizei-Gewerkschaft.

Auch Oliver Malchow von der Gewerkschaft der Polizei erkennt eine Veränderung: Vor 30 Jahren habe es eher lautstarke Wortwechsel und Schubsereien gegeben. "Heute ist es oftmals so, dass selbst auf am Boden liegenden Menschen noch weiter eingetreten wird", so Malchow. Den Beamten schlage zudem immer öfter brutale Gegenwehr entgegen.

Diese Einschätzung lässt sich statistisch nicht überprüfen. Die PKS enthält nämlich keine Informationen über die Schwere einer Körperverletzung. Ob jemand nach einem Hieb mit einem Schlagring ein blaues Auge hat oder mit lebensgefährlichen Verletzungen im Koma liegt - beide Vorfälle werden in der Statistik identisch gezählt. Die These, die Brutalisierung jugendlicher Gewalt nehme zu, könne auf Grundlage der amtlichen Statistik nicht geprüft werden, so der Konstanzer Strafrechtsforscher Wolfgang Heinz. Kriminologen beklagen diesen Missstand seit Langem. Doch die Politik tut wenig, um ihn zu beheben.

3. Rauschgift

Die Zahl der Rauschgiftdelikte hat sich seit den Neunzigerjahren mehr als verdoppelt. Mittlerweile ist jede 20. von der Polizei erfasste Straftat ein Drogendelikt. In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Tatverdächtigen bezogen auf die Bevölkerung um rund 30 Prozent gewachsen. Auch im vergangenen Jahr hat sich der Trend fortgesetzt. Registrierte die Polizei 2016 rund 303.000 Rauschgiftdelikte, waren es 2017 rund 331.000.

Woher kommt das?

Die Polizei kontrolliert mehr - vor allem in Gegenden wie den Bahnhofsvierteln deutscher Großstädte, in denen Betäubungsmittel verbreitet sind. Denn bei Drogenstraftaten handelt es sich um ein klassisches Kontrolldelikt. "Je mehr Ermittler und Sonderkommissionen ich einsetze, desto mehr Taten decke ich auf", sagt der stellvertretende Vorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamter, Sebastian Fiedler. Gleiches gelte für die organisierte Kriminalität, Korruption, Umwelt- oder die Wirtschaftskriminalität. "Die Zunahme der Rauschgiftkriminalität ist also ein Erfolg und die erneute Abnahme der Wirtschaftskriminalität ein Misserfolg polizeilicher Arbeit", so Fiedler.

So hat etwa die Frankfurter Polizei nach offiziellen Angaben deutlich häufiger am Hauptbahnhof kontrolliert. Die Bilanz: rund 26 Prozent mehr erfasste Fälle. Hinzu kommt, dass seit 2017 der Zoll verstärkt Sendungen kontrollieren kann - und diese Zahlen wurden erstmals in der PKS erfasst. Die Zahl der Schmuggeldelikte am Frankfurter Flughafen stieg von 55 auf 1210.

Die Vielzahl der Drogenfunde könnte zudem damit zu tun haben, dass Betäubungsmittel heute weit verbreitet sind. Der Markt in Deutschland ist groß - und er wird bedient. Ermittler sprechen von einer regelrechten "Kokain-Schwemme", die aus Südamerika auch ins Bundesgebiet drängt. Darauf deutet unter anderem auch der Umstand hin, dass die Behörden in 2017 so viel Kokain beschlagnahmt haben wie nie zuvor: etwa sieben Tonnen.

Die strengeren Kontrollen der Polizei auf den Straßen haben in den vergangenen Jahren zwar zu mehr Tatverdächtigen geführt. Die Zahl der wegen Drogendelikten verurteilten Menschen blieb jedoch weitestgehend konstant. Die Staatsanwaltschaft stellte die allermeisten Verfahren ein.

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