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14. Mai 2009, 14:56 Uhr

Kriminalität

Raus auf die Straße

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München gilt als sicher, 2008 gab es nur drei Morde. Ein Verdienst der friedliebenden Menschen? Oder der energischen Ordnungshüter?

Die Leichen liegen meist in den Villen im Stadtteil Bogenhausen oder im gutbürgerlichen Westen. Früher wurden sie gern am Freitagabend gefunden, inzwischen hat sich ihre Entdeckung vorzugsweise auf den Sonntagabend, 20.15 Uhr, verschoben. Sie sind allesamt Opfer eines gewaltsamen Todes, wurden vergiftet, erschossen, erstochen. Das war beim "Kommissar" so, bei "Derrick" und beim "Alten", und es gilt heute mehr denn je im Revier des bayerischen "Tatort"-Duos Leitmayr/Batic. Geldgier, Hass und Eifersucht beherrschen die Oberschicht an der Isar.

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Münchner Streifenwagen: falsch verstandene Liberalität
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Münchner Streifenwagen: falsch verstandene Liberalität

In der Realität lebt es sich in München sicherer als in den meisten Großstädten der Republik. Die verblüffendste Zahl stammt vom Vorjahr: Da zählte das Polizeipräsidium nur drei Morde. Obwohl es auch in der bayerischen Hauptstadt nicht an Faktoren für soziale Brennpunkte mangelt. So ist München die deutsche Stadt mit der dichtesten Besiedlung.

Das begünstigt normalerweise Kriminalität und erschwert die Aufklärung. Doch die jüngste Statistik zeigt: In München gibt es zwar Rotlichtmilieu, Drogenhandel und Gewalt, bezogen auf die Einwohnerzahl aber nur halb so viele Straftaten wie in Frankfurt am Main. Kaum anders fällt der Vergleich zu Berlin aus.

Sind die Münchner also bessere Menschen? Gottesfürchtig und anständig? Haben sie mehr Ehrfurcht vor ihrem Nächsten? Oder sind es die gemeinhin als härter eingestuften bayerischen Gesetzeshüter, die das Böse abschrecken?

Konrad Gigler, Leitender Kriminaldirektor im Polizeipräsidium München, hat sein ganzes Berufsleben der Verbrechensbekämpfung verschrieben. Der erfahrene Kriminalist sieht seine Heimatstadt quasi von Natur aus im Vorteil gegenüber anderen Ballungsräumen. So liegt der Großflughafen, der beispielsweise den Frankfurtern eine Menge Zoll- und Einreisedelikte beschert, außerhalb Münchens und belastet die Statistik dort nicht. Um einen riesigen Hafen samt seiner Anziehungskraft für die Unterwelt, wie ihn Hamburg besitzt, muss man sich an der Isar ebenfalls nicht kümmern.

Doch darüber hinaus gebe es eine Reihe von Aspekten, meint Gigler, da leiste die Stadt selbst einen erheblichen Beitrag. Bei den Sozialausgaben und bei Hilfsangeboten für sozial benachteiligte Bürger greife die Verwaltung seit Jahren tief in die Kasse. Da die Menschen mithin irgendwie irgendein Auskommen haben, sei die Schwelle zu Eigentumsdelikten relativ hoch.

Einen klaren Zusammenhang sehen Kriminologen auch zwischen der Verbrechensrate und der Arbeitslosenquote einer Stadt; in München war letztere mit 4,4 Prozent im Jahr 2008 außergewöhnlich niedrig. Wer einen Job hat, hat eine Wohnung, ein stabiles Umfeld und Hobbys. Und gerät ebendeshalb seltener auf die schiefe Bahn.

Doch all diese komfortablen Begleitumstände, so glaubt man im Münchner Polizeipräsidium, wären nicht viel wert ohne die richtige Sicherheitsstrategie - und die unterscheidet sich durchaus von der anderer deutscher Städte. So beharrt München schon seit Jahrzehnten auf einer strikten Trennung von Schutz- und Kriminalpolizei. Das bedeutet: Beamte in Uniform bleiben draußen auf der Straße und verhindern Verbrechen oder greifen unmittelbar ein. Kriminalbeamte übernehmen den Innendienst und die Ermittlungsarbeit.

"Ich will nicht, dass der Streifenpolizist lange mit Schreibkram im Büro zu tun hat. Dann fehlt er mir vor Ort", sagt Gigler. Das Münchner Modell mit möglichst viel mobilem Personal gewährleistet, dass die Streifenwagen bei einem Notruf sehr schnell an den Tatort gelangen. Oft stellen Beamte deswegen den Beschuldigten, etwa nach einer Schlägerei, schon ein paar Minuten später auf der Flucht.

Die ständige Präsenz und Mobilität, sagen Kriminalisten, erwecke eine subjektive Sicherheit beim Bürger und eine gehörige Unsicherheit bei möglichen Tätern. "Ich möchte, dass man sich in München zu jeder Zeit und an jedem Ort bewegen kann, ohne Angst vor einem Überfall zu haben", so Kriminaldirektor Gigler.

Anderen Städten taugt die Münchner Strategie inzwischen als Vorbild. Als Udo Nagel, der frühere Chef der Münchner Verbrechensbekämpfung, 2002 als Polizeipräsident nach Hamburg wechselte, kopierte er an der Elbe die zentrale Führung der Polizei. Waren zuvor in den Hamburger Stadtteilen Polizeieinheiten für ihr jeweiliges Revier selbst zuständig, folgten die Ordnungshüter fortan einem einheitlichen, abgestimmten Konzept. "Wenn einer die grobe Richtung vorgibt", davon ist Nagel überzeugt, verspreche das "mehr Erfolg".

Manches, was der Münchner Kriminalstatistik zugute kommt, ist indes von keiner Polizeistrategie zu beeinflussen. Denn im Süden, so Nagels Erfahrung, sei die soziale Kontrolle einfach stärker ausgeprägt: "Hier stört es viele Leute, wenn jemand in der S-Bahn die Füße auf den Sitz legt, und man sagt das dann auch, klar und deutlich." In München mischten sich die Menschen ein, im Norden habe er manchmal eine "falsch verstandene Liberalität" erlebt.

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