Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kriminalität: Raus auf die Straße

Von

München gilt als sicher, 2008 gab es nur drei Morde. Ein Verdienst der friedliebenden Menschen? Oder der energischen Ordnungshüter?

Die Leichen liegen meist in den Villen im Stadtteil Bogenhausen oder im gutbürgerlichen Westen. Früher wurden sie gern am Freitagabend gefunden, inzwischen hat sich ihre Entdeckung vorzugsweise auf den Sonntagabend, 20.15 Uhr, verschoben. Sie sind allesamt Opfer eines gewaltsamen Todes, wurden vergiftet, erschossen, erstochen. Das war beim "Kommissar" so, bei "Derrick" und beim "Alten", und es gilt heute mehr denn je im Revier des bayerischen "Tatort"-Duos Leitmayr/Batic. Geldgier, Hass und Eifersucht beherrschen die Oberschicht an der Isar.

So viel zum Film.

Münchner Streifenwagen: falsch verstandene Liberalität
DDP

Münchner Streifenwagen: falsch verstandene Liberalität

In der Realität lebt es sich in München sicherer als in den meisten Großstädten der Republik. Die verblüffendste Zahl stammt vom Vorjahr: Da zählte das Polizeipräsidium nur drei Morde. Obwohl es auch in der bayerischen Hauptstadt nicht an Faktoren für soziale Brennpunkte mangelt. So ist München die deutsche Stadt mit der dichtesten Besiedlung.

Das begünstigt normalerweise Kriminalität und erschwert die Aufklärung. Doch die jüngste Statistik zeigt: In München gibt es zwar Rotlichtmilieu, Drogenhandel und Gewalt, bezogen auf die Einwohnerzahl aber nur halb so viele Straftaten wie in Frankfurt am Main. Kaum anders fällt der Vergleich zu Berlin aus.

Sind die Münchner also bessere Menschen? Gottesfürchtig und anständig? Haben sie mehr Ehrfurcht vor ihrem Nächsten? Oder sind es die gemeinhin als härter eingestuften bayerischen Gesetzeshüter, die das Böse abschrecken?

Mehr zu München
SPIEGEL Extra München

Hermann Dobler / Mauritius Images / Imagebroker
Bayerns Welt-Hauptstadt
Die Diva des Südens
Das SPIEGEL Extra befand sich als Beilage im SPIEGEL 20/2009 an allen Kiosken in Bayern
Konrad Gigler, Leitender Kriminaldirektor im Polizeipräsidium München, hat sein ganzes Berufsleben der Verbrechensbekämpfung verschrieben. Der erfahrene Kriminalist sieht seine Heimatstadt quasi von Natur aus im Vorteil gegenüber anderen Ballungsräumen. So liegt der Großflughafen, der beispielsweise den Frankfurtern eine Menge Zoll- und Einreisedelikte beschert, außerhalb Münchens und belastet die Statistik dort nicht. Um einen riesigen Hafen samt seiner Anziehungskraft für die Unterwelt, wie ihn Hamburg besitzt, muss man sich an der Isar ebenfalls nicht kümmern.

Doch darüber hinaus gebe es eine Reihe von Aspekten, meint Gigler, da leiste die Stadt selbst einen erheblichen Beitrag. Bei den Sozialausgaben und bei Hilfsangeboten für sozial benachteiligte Bürger greife die Verwaltung seit Jahren tief in die Kasse. Da die Menschen mithin irgendwie irgendein Auskommen haben, sei die Schwelle zu Eigentumsdelikten relativ hoch.

Einen klaren Zusammenhang sehen Kriminologen auch zwischen der Verbrechensrate und der Arbeitslosenquote einer Stadt; in München war letztere mit 4,4 Prozent im Jahr 2008 außergewöhnlich niedrig. Wer einen Job hat, hat eine Wohnung, ein stabiles Umfeld und Hobbys. Und gerät ebendeshalb seltener auf die schiefe Bahn.

Doch all diese komfortablen Begleitumstände, so glaubt man im Münchner Polizeipräsidium, wären nicht viel wert ohne die richtige Sicherheitsstrategie - und die unterscheidet sich durchaus von der anderer deutscher Städte. So beharrt München schon seit Jahrzehnten auf einer strikten Trennung von Schutz- und Kriminalpolizei. Das bedeutet: Beamte in Uniform bleiben draußen auf der Straße und verhindern Verbrechen oder greifen unmittelbar ein. Kriminalbeamte übernehmen den Innendienst und die Ermittlungsarbeit.

"Ich will nicht, dass der Streifenpolizist lange mit Schreibkram im Büro zu tun hat. Dann fehlt er mir vor Ort", sagt Gigler. Das Münchner Modell mit möglichst viel mobilem Personal gewährleistet, dass die Streifenwagen bei einem Notruf sehr schnell an den Tatort gelangen. Oft stellen Beamte deswegen den Beschuldigten, etwa nach einer Schlägerei, schon ein paar Minuten später auf der Flucht.

Die ständige Präsenz und Mobilität, sagen Kriminalisten, erwecke eine subjektive Sicherheit beim Bürger und eine gehörige Unsicherheit bei möglichen Tätern. "Ich möchte, dass man sich in München zu jeder Zeit und an jedem Ort bewegen kann, ohne Angst vor einem Überfall zu haben", so Kriminaldirektor Gigler.

Anderen Städten taugt die Münchner Strategie inzwischen als Vorbild. Als Udo Nagel, der frühere Chef der Münchner Verbrechensbekämpfung, 2002 als Polizeipräsident nach Hamburg wechselte, kopierte er an der Elbe die zentrale Führung der Polizei. Waren zuvor in den Hamburger Stadtteilen Polizeieinheiten für ihr jeweiliges Revier selbst zuständig, folgten die Ordnungshüter fortan einem einheitlichen, abgestimmten Konzept. "Wenn einer die grobe Richtung vorgibt", davon ist Nagel überzeugt, verspreche das "mehr Erfolg".

Manches, was der Münchner Kriminalstatistik zugute kommt, ist indes von keiner Polizeistrategie zu beeinflussen. Denn im Süden, so Nagels Erfahrung, sei die soziale Kontrolle einfach stärker ausgeprägt: "Hier stört es viele Leute, wenn jemand in der S-Bahn die Füße auf den Sitz legt, und man sagt das dann auch, klar und deutlich." In München mischten sich die Menschen ein, im Norden habe er manchmal eine "falsch verstandene Liberalität" erlebt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Reichtum
Max Robbe 14.05.2009
Zitat von sysopMünchen gilt als sicher, 2008 gab es nur drei Morde. Ein Verdienst der friedliebenden Menschen? Oder der energischen Ordnungshüter? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,624572,00.html
Ein Folge davon, dass die Stadt und deren Bewohner genug Geld haben. Man braucht sich nicht auf das unsichere Geschäft mit der Kriminalität einlassen um Geld zu verdienen. Anders als in diesen heruntergekommenen Hansestädten.
2. Kann aber auch daran liegen, dass München schlicht langweilig ist
TheExpatriot 17.05.2009
kwT
3. Wer sich einmischt, der wird aufgemischt
Israel_Hands 17.05.2009
»"Hier stört es viele Leute, wenn jemand in der S-Bahn die Füße auf den Sitz legt, und man sagt das dann auch, klar und deutlich." In München mischten sich die Menschen ein, im Norden habe er manchmal eine "falsch verstandene Liberalität" erlebt.« Das Opfer der berüchtigten Münchner U-Bahn-Schläger weiß eine andere Geschichte über die Folgen von Einmischung gegen flegelhaftes Benehmen gewisser Elemente der Gesellschaft zu erzählen. Nicht Liberalität, sondern blanke und berechtigte Angst (wer sich einmischt, der wird aufgemischt) führen zur Zurückhaltung.
4. Oh weia
john mcclane, 17.05.2009
Zitat von TheExpatriotkwT
Also wenn es das Markenzeichen einer aufregenden Stadt sein soll, daß ich dort permanent fürchten muß, zusammengeschlagen, überfallen, beraubt, mit Drogen konfrontiert zu werden etc. pp., dann lebe ich doch mit dem größten Vergnügen in einer langweiligen Stadt. Wers gern aufregend hat, kann ja ruhig nach Bagdad ziehen...
5. Oha
Hercules Rockefeller, 17.05.2009
Zitat von TheExpatriotkwT
Soso, dass ist ja mal ein interessantes Täterprofil. So entsteht Verbrechen aus Mangel an Langeweile? Wer gut verdient, viele Freunde hat, jeden Tag was erlebt-der rastet aus und sagt sich "ich will in den Knast!"? Zum Thema: Wenn es denn so gut funktioniert in München, dann sollte man es vielleicht in ganz Deutschland so machen. 3 Morde pro Jahr, dass ist ja paradiesisch-und man muss bedenken, nicht das Prekariat und Otto Normal murksen sich da ab, sondern die von und zus aus der Upper Class. Deren Verlust kann die Gesellschaft verschmerzen, gerade in diesen Zeiten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: