Verbrechen Wie Extremisten und Kriminelle um Flüchtlinge werben

Integration verkehrt: Um die Zuwanderer bemühen sich zunehmend auch Extremisten und Schwerkriminelle. Die Sicherheitsbehörden sind alarmiert.

Razzia gegen Diebesbanden in Köln
DPA

Razzia gegen Diebesbanden in Köln

Von und


Es liegt schon etwas zurück, da fuhren vor einer Flüchtlingsunterkunft in Köln-Chorweiler zwei Reisebusse vor. Kinder, Jugendliche und Eltern stiegen ein, ihr Ziel war ein Indoor-Spielplatz im Süden der Stadt. Hinterher bekamen die Kleinen noch Essen und Geschenke. Auch wurden die Zuwanderer eingeladen, Deutschunterricht zu nehmen.

Es klang nach einem perfekten Beispiel dafür, wie zivilgesellschaftliche Akteure sich um Neuankömmlinge bemüht hatten. Das Problem war nur: Hinter der Aktion steckte der salafistische Verein "Medizin mit Herz", der vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Verfassungsschützer warnen

Seit Monaten schon bringen Islamisten Decken, Kleidung, Korane in Flüchtlingsunterkünfte, sie laden Zuwanderer in Moscheen ein oder geben Hilfestellung bei Behördengängen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) hat nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen seit September insgesamt 313 Fälle registriert, in denen Salafisten Kontakt zu Zuwanderern suchten. Darüber hinaus erhielt das BfV seither knapp 200 vage Hinweise, dass Extremisten auf Flüchtlinge zugegangen sind oder zugehen wollten. So versuchte etwa ein Dolmetscher in einer Hamburger Unterkunft, allein reisende, jugendliche Flüchtlinge für die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) zu begeistern.

BfV-Chef Hans-Goerg Maaßen hatte bereits im Herbst vor dem Phänomen gewarnt und zugleich ein "erhebliches Rekrutierungspotenzial" ausgemacht. Vor allem jugendliche Zuwanderer, die ohne Eltern nach Deutschland gekommen seien, "könnten eine leichte Beute für Islamisten sein", so Maaßen. Viele Bundesländer versuchen daher, Mitarbeiter in Flüchtlingsunterkünften für das Problem zu sensibilisieren.

Doch wichtiger noch als die Schulung von Sozialarbeitern könnte sein, in welchem Ausmaß die Integration der Zuwanderer gelingt. "Wenn Tausende junge Männer in den nächsten Jahren erkennen sollten, dass sie keine berufliche Chance in Deutschland haben, kann daraus ein massives Problem für die Sicherheitslage im Land entstehen", sagt ein Verfassungsschützer. Dennoch könne er kaum Bemühungen erkennen, Flüchtlingen einen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt zu verschaffen. "Das halte ich für grob fahrlässig", so der Beamte.

Zumal sich nicht nur Extremisten um die Neuankömmlinge bemühen. Mehrere Ermittler aus dem Bereich der organisierten Kriminalität schildern übereinstimmend und unabhängig voneinander, dass zunehmend Berufsverbrecher den Kontakt zu Flüchtlingen suchten. Gerade in Metropolen sei es immer wieder zu beobachten, dass junge Männer von Landsleuten zu Straftaten angestiftet würden, die schon länger in Deutschland lebten, sagt ein Polizist.

"Sie kommen hierher und haben kein Geld"

Die "Welt am Sonntag" berichtete unlängst, kriminelle arabische Großfamilien versuchten, in Berlin Flüchtlinge für Einbrüche oder den Drogenhandel zu rekrutieren. Der Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra sagte der Zeitung: "Sie kommen hierher und haben kein Geld. Und ihnen wird gezeigt, wie man ungelernt sehr schnell an Geld kommen kann."

Die Not werde ausgenutzt und ihnen werde eingetrichtert, selbst in einem deutschen Gefängnis gehe es ihnen immer noch besser als im Krieg. "Viele von ihnen können kein Deutsch und sind dadurch natürlich anfällig, wenn sie von jemandem in ihrer Heimatsprache angesprochen werden", so Kamstra.

Das scheint auch in Düsseldorf zu funktionieren. Dort fiel einer Kriminalhauptkommissarin der massive Altersunterschied in diversen Gruppen von Nordafrikanern auf. Ein oder zwei Männer seien stets deutlich älter als der Rest, notierte sie in einer vertraulichen Analyse über Kriminelle aus dem Maghreb.

Es scheine so, als lernten sie den Nachwuchs an, machten ihn mit örtlichen Gegebenheiten vertraut. Dazu passe, dass die Älteren üblicherweise "vielfach einschlägig kriminalpolizeilich bekannt" seien, die Jüngeren hingegen unbeschriebene Blätter und zumeist "erst vor wenigen Tagen oder Stunden in Nordrhein-Westfalen angekommen", so die Beamtin.

Rekrutierung im Teehaus

Auch der Kriminalhauptkommissar und stellvertretende Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK) in NRW, Oliver Huth, bestätigt diesen Eindruck. Huth sagte SPIEGEL ONLINE, häufig würden Asylbewerber von Landsleuten in Cafés oder Teehäusern angesprochen. Es seien aber auch Fälle bekannt, in denen Flüchtlinge direkt aus Unterkünften abgeholt worden seien.

"Vielfach müssen diese Männer Geld nach Hause schicken, um ihre Familien zu unterstützen oder Schleuser zu bezahlen", so Huth. "Und das Geld muss schnell fließen. Die können nicht warten, bis über ihren aufenthaltsrechtlichen Status entschieden ist."

Darüber hinaus gibt es nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamts (BKA) Asylbewerber, die wohl nur nach Deutschland kommen, um hier Straftaten zu begehen. Täter würden gezielt angeworben und reisten als Flüchtlinge nach Deutschland, heißt es in der vertraulichen BKA-Studie "Georgische Tatverdächtige im Bereich der Klein- und Bandenkriminalität mit Schwerpunkt Laden- und Einbruchsdiebstahl". Demnach steigt die Zahl der georgischen Asylbewerber seit Jahren, obwohl kaum einer von ihnen anerkannt wird. Die Schutzquote liegt bei 0,4 Prozent.

Laut Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz wird in vielen Fällen bereits in Georgien festgelegt, wer in Deutschland wo Asyl beantragt, um dann dort "arbeiten" zu können. Mehrere Bundesländer hätten festgestellt, dass sich "im räumlichen Umfeld" von Asylbewerberunterkünften, die mit Georgiern belegt worden sein, "verstärkt Kriminalitätsschwerpunkte bildeten". Es bestehe vermutlich ein Kausalzusammenhang, so das BKA.

Dass sich die Lage der Zuwanderer auch noch auf andere Art und Weise ausnutzen lässt, haben kriminelle Clans in Berlin entdeckt. Nach Erkenntnissen der Ermittler kauften die Sippen Mehrfamilienhäuser - und bieten sie nun als Flüchtlingsunterkünfte an.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.