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Kriminalität Wo Rocker und Rechte gemeinsame Sache machen

NPD-Kader Roßmüller: Rechtsextremist und Rocker in Personalunion Zur Großansicht
Robert Andreasch

NPD-Kader Roßmüller: Rechtsextremist und Rocker in Personalunion

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Rocker bewachen Neonazi-Konzerte, rechte Schläger unterstützen Bikerbanden: Wie stark sind Kameradschaften und Motorradklubs in Deutschland verzahnt? Eine vertrauliche Analyse gibt Aufschluss.

Hamburg - Die bislang letzte politische Spur hinterließ der bayerische NPD-Funktionär Sascha Roßmüller Mitte September im Netz. Damals schwadronierte der "Nationaldemokrat" über die "weltpolitische Großwetterlage" und keilte gegen die "Brüsseler Gleichschaltungsadministration". Einen Monat später musste er dann ins Gefängnis - allerdings nicht wegen seines Traktats.

Roßmüller ist nicht nur Rechtsextremist, sondern auch Rocker. Und als Führungsfigur der Bandidos Regensburg soll sich der 41-Jährige bei einer Straßenschlacht mit der rivalisierenden Gang des Gremiums MC Straubing im Dezember 2010 strafbar gemacht haben. Damals wurden zwei Männer niedergestochen. Die Staatsanwaltschaft Regensburg wirft Roßmüller daher schweren Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung vor.

Der massige Bayer mit einer offensichtlichen Vorliebe für Kurzarmhemden und Ewiggestriges verkörpert ein Phänomen, das die Sicherheitsbehörden seit einiger Zeit mit großer Aufmerksamkeit betrachten. Nach dem Auffliegen des "Nationalsozialistischen Untergrunds", von dessen Existenz Polizei und Verfassungsschutz nichts geahnt hatten, analysieren Beamte nunmehr intensiv die Schnittmenge zwischen Rechten und Rockern. Die Sorge ist groß, dass sich eine Mischszene herausbilden könnte, in der Extremisten und Schwerkriminelle gemeinsame Sache machen.

In ihrem vertraulichen "Lagebild zu Verbindungen zwischen rechtsextremistischer Szene und Rockergruppierungen" stellen das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) und das Bundeskriminalamt (BKA) aktuell fest, dass es tatsächlich immer wieder zu einem "punktuellen Zusammenwirken" beider Milieus kommt. Das sei vor allem dann der Fall, wenn solche Kooperationen sich zu "beiderseitigem Vorteil" auswirkten - etwa wenn Rocker gegen Geld rechte Konzerte bewachten:

  • So habe das Sicherheitsunternehmen eines Mitglieds des Motorradklubs Gremium aus dem thüringischen Mühlhausen im Mai 2013 den Auftritt der Hooligan-Band Kategorie C in Sollstedt gesichert.

  • So hätten Rocker des Rats MC im März 2014 ihr Klubheim für ein Konzert der rechten Szene zur Verfügung gestellt und Bier ausgeschenkt.

  • So besuchten sich Neonazis und Rocker zwischen Osnabrück und Emden immer wieder gegenseitig zu bestimmten Anlässen.

Jedoch können die Behörden bislang nicht feststellen, dass Rockergangs von Rechtsextremisten indoktriniert oder benutzt würden. Generell hätten die Banden wenig Interesse an einer übergroßen Nähe zu Neonazis, weil diese häufig die Polizei auf den Plan riefen. Darunter könnten die Geschäfte der Gangs leiden. Die Extremisten wiederum störten sich an der großen Zahl von Migranten, die inzwischen in den Motorradgangs mitmischten, heißt es in dem Papier.

Insgesamt kommen Verfassungsschutzämter und Polizeibehörden zusammen auf 522 Personen, die sowohl Kontakte in die rechte Szene als auch in das Rockermilieu pflegen.

Die 228 bei den Inlandsnachrichtendiensten registrierten Neonazis mit Rockerkontakten (von insgesamt 22.170 Rechtsextremisten in Deutschland) zeigen demnach Präferenzen für die Motorradgangs Hells Angels und Gremium, verteilen sich aber generell über die gesamte Bikerszene.

78 von diesen 228 Extremisten ließen ihre politischen Aktivitäten ruhen, sobald sie Rocker geworden seien, so die Analysten von BKA und BfV.

Der Auswertung zufolge bekleiden Neonazis eher untergeordnete Positionen in den Bikerbanden. Als Ausnahmen gelten die Bandidos Roßmüller und Peter Borchert, 41. Letzterer treibt seit Jahren sein Unwesen in Schleswig-Holstein, war dort unter anderem Landesvorsitzender der NPD und gehört zum Führungszirkel der in Neumünster beheimateten Rockergang.

76 Männer gelten der deutschen Polizei als Schnittmenge zwischen Rocker- und Neonaziszene, denen wiederum insgesamt etwa 7300 beziehungsweise 18.000 Personen zugerechnet werden. Dieser harte Kern gehört also einem Motorradklub an und ist den Ermittlungsbehörden zugleich als rechter Straftäter bekannt.

Die meisten Bezüge haben polizeilich bekannte Rechtsextremisten demnach zu Rockerbanden in Brandenburg, Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und Sachsen. Nordrhein-Westfalen, wo der Großteil aller deutschen Rocker lebt, weist nur vier Kontakte auf, genauso viele wie Hessen.

Die Polizei zählte in ihren Datenbanken 373 Männer, die mögliche Verbindungen sowohl zu Rockern als auch zu Neonazis haben, darunter sind laut Auswertung ein rechtsextremer "Gefährder" und acht "relevante Personen" der rechten Szene, 91 von ihnen sind als gewalttätig eingestuft. Die gesamte Gruppe beging zwischen 2007 und 2014 insgesamt 290 Straftaten, darunter vor allem Propagandadelikte.

Auch diese der Polizei bekannten Neonazis orientieren sich überwiegend zu den Motorradgangs Hells Angels und Gremium.

In ihrer 30-seitigen Analyse kommen BfV und BKA letztlich zu dem Ergebnis, dass es keine strukturelle Zusammenarbeit zwischen Rockern und Rechten gibt. Es handele sich um "freundschaftliche Verhältnisse von Einzelpersonen und wirtschaftliche Interessen". Allerdings ähneln sich beide Milieus in ihren Strukturen: Hier wie dort findet man Männerbünde mit einem Hang zu Waffen, Uniformen und einem obskuren Ehrbegriff - Kontakte zwischen den Szenen erleichtert das eher.

Interessanterweise scheint die Rockersubkultur jedoch mittlerweile auch auf andere Szenen durchzuschlagen. So ahmen salafistische Gruppierungen die Insignien der Motorradgangs nach. Einschlägige Versandhändler der Szene bieten Kutten an, auf denen neben allerlei anderen Abzeichen in Anlehnung an die Slogans der Bikerbanden "MFFM" zu lesen ist: "Muslim forever, forever Muslim."

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Die großen Rockerklubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradklubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradklub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.


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