Kriminalitäts-Ranking Warum sich deutsche Frauen öfter belästigt fühlen

Grabschereien, Tätlichkeiten, Vergewaltigungen: Deutschlands Frauen klagen besonders häufig über sexuelle Übergriffe - weit mehr als im Europa-Durchschnitt, zeigt eine neue Studie zur EU-Kriminalität. Sind Deutschlands Männer besonders aggressiv?

Von Franziska Badenschier


Hamburg - Ein Bauarbeiter pfeift der Frau im Minirock hinterher. Ein klassischer Fall von sexueller Belästigung - in einigen europäischen Ländern. In anderen dagegen nicht. "Was für eine Italienerin nicht anstößig erscheint, kann für eine Schwedin oder eine Deutsche bereits schwerwiegend sein", sagt Robert Manchin. Er hat eine aktuelle Opferstudie mit mehr als 35.000 repräsentativ ausgewählten Menschen aus den 15 alten EU-Staaten sowie Polen, Ungarn und Estland koordiniert.

Sexuelle Übergriffe gegen Frauen in EU-Ländern

EU-Land Sexuelle Übergriffe binnen eines Jahres*
Irland 3,8%
Schweden 3,3%
Deutschland 2,4%
Österreich 2,2%
Dänemark 1,9%
Niederlande 1,9%
Griechenland 1,6%
Großbritannien 1,5%
Finnland 1,4%
Polen 1,3%
Estland 1,1%
Belgien 0,9%
Italien 0,7%
Luxemburg 0,6%
Portugal 0,5%
Frankreich 0,4%
Spanien 0,3%
Ungarn 0,1%
EU-Durchschnitt 1,5%

Quelle: EU ICS
*: Anteil an weiblichen Befragten, die angaben, begrabscht, unsittlich berührt oder in anderer Weise Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein

Das Projekt "European Crime and Safety Survey" (EU ICS), durchgeführt unter Leitung des Meinungsforschungsinstituts Gallup, zeigt enorme Unterschiede in Europa: Sexuelle Übergriffe auf Frauen sind in manchen Ländern scheinbar ein viel größeres Problem als in anderen.

Zum Beispiel Deutschland: Hier sagen 24 von 1000 Frauen, dass sie Opfer von sexuellen Übergriffen wurden - von anstößigem Verhalten über Handgreiflichkeiten bis hin zu Vergewaltigungen. Zum Vergleich: In Italien fühlten sich dem EU-ICS-Report zufolge sieben von 1000 Frauen von sexuellen Übergriffen betroffen, im EU-Durchschnitt 15 von 1000. Wie sind solche Unterschiede zu erklären?

Zunächst: Die Forscher gingen bei der Umfrage sehr offen vor. Damit die Frauen bei der Frage nach sexuellen Übergriffen nicht gleich abblocken, haben sie eine diskrete Formulierung gewählt: Man wolle zunächst eine "ziemlich persönliche" Frage stellen, schrieben sie. Menschen würden manchmal "grabschen, berühren oder tätlich werden", aus sexuellen Motiven und in einer offensiven Weise - ob zu Hause, auf der Straße, in der Kneipe, in der Schule oder an anderen Orten. "Hat Ihnen jemand so etwas angetan?"

Deutliche Worte wie Vergewaltigung sollten keinesfalls auftauchen. Die Frage entspreche dem Strafrecht - und nicht dem, wie Frauen das Problem ganz persönlich definieren würden, sagt Projektpartner Helmut Kury vom Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht in Freiburg. Klar sei, dass es nicht um einfache Anmache gehe.

Die Forscher gingen dann noch weiter ins Detail, um die Schwere der sexuellen Übergriffe festzustellen. Von den deutschen Frauen, die sich als Opfer sehen, gab nur ein Prozent eine Vergewaltigung zu Protokoll - sechs Prozent berichteten über eine versuchte Vergewaltigung.

Klar ist: Gerade sexuelle Straftaten zu erfassen, ist schwierig. Das sagt auch Kury - schließlich erstatten längst nicht alle Betroffenen Anzeige. "Kriminalitätsstatistiken unterschätzen Kriminalität prinzipiell." Manchen Schätzungen zufolge werde nur jede zehnte Straftat angezeigt, Vergewaltigungen sogar nur in jedem 20. bis 50. Fall.

Dies gilt für alle europäischen Länder. Aber wieso fühlen sich deutsche Frauen nun öfter belästigt als andere? Die Grenze, ab der man sich belästigt fühlt, "hat mit Einstellungen und Erfahrungen zu tun", sagt Forscher Kury SPIEGEL ONLINE. Es geht um die Stellung und das Bild der Frau in der Gesellschaft - danach richtet sich, was allgemein als anstößig gilt.

Deutsche Frauen sind emanzipierter

Kury erklärt einen Teil der hohen deutschen Werte außerdem damit, dass Berichte über Sexualdelikte die Bevölkerung sensibilisiert haben. Die Botschaft dieser Berichte sei meistens verurteilend und im Sinne einer harten Bestrafung - wie in der aktuellen Diskussion über hochgefährliche Sexualstraftäter, die wegen einer grotesken Gesetzeslücke freikommen. Ob Sicherungsverwahrung, ob Vergewaltigung durch den Ehemann: Die deutschen Gesetze werden schärfer, "sie sind stärker auf Sanktionen aus, vorsichtiger und restriktiver", sagt Kury.

Eine wichtige Rolle spielt dem Strafrechtsforscher zufolge die Emanzipation. In Deutschland ist die Schwelle von akzeptabler Anmache zum inakzeptablen sexuellen Übergriff niedriger - und in Deutschland lassen Frauen sich weniger gefallen. Sie sprechen die Probleme eher an. Frauen in anderen Ländern dagegen "trauen sich gar nicht zuzugeben, sexuell belästigt worden zu sein", sagt Kury. Auch deshalb sei die Dunkelziffer von Opfern sexueller Straftaten "enorm hoch". Dazu kommen Furcht vor der Rache des Peinigers, der Wunsch nach Verdrängung des Geschehen, Vorwürfe von Außenstehenden, man sei selbst schuld - und die Angst vor Stigmatisierung. Wenn eine Frau sich "outet", wie es Kury ausdrückt, dann wird sie oft immer noch schräg angesehen. "Das wissen die Frauen und schweigen."

Sexuelle Übergriffe gegen Männer in EU-Ländern

EU-Land Sexuelle Übergriffe binnen eines Jahres*
Dänemark 1,9%
Niederlande 1,4%
Deutschland 0,8%
Irland 0,7%
Schweden 0,5%
Griechenland 0,5%
Großbritannien 0,5%
Spanien 0,4%
Finnland 0,3%
Portugal 0,3%
Italien 0,3%
Österreich 0,2%
Belgien 0,2%
Ungarn 0,2%
Luxemburg 0,0%
Frankreich 0,0%
EU-Durchschnitt 0,5%

Quelle: EU ICS
*: Anteil an männlichen Befragten, die angaben, begrabscht, unsittlich berührt oder in anderer Weise Opfer eines sexuellen Übergriffs geworden zu sein

Das hat auch damit zu tun, dass die Übeltäter meist aus dem "sozialen Nahbereich" kommen, sagt Kury. Die EU-Studie bricht mit dem Mythos vom unbekannten Sextäter, der hinterm Busch lauert. In Zahlen: 22 Prozent der Männer, die sexuelle Übergriffe begangen haben, sind Ex-Partner der Frauen. 17 Prozent sind Kollegen oder der Chef - und in je 16 Prozent aller Fälle sind es der aktuelle Partner oder ein enger Freund.

Die EU-Studie untersucht übrigens erstmals auch die sexuelle Belästigung von Männern. Die Werte sind deutlich niedriger als bei Frauen; auch hier ist Deutschland auf Platz drei - hinter Dänemark und den Niederlanden, die mit weitem Abstand führen.

Diese Daten sind noch deutlich schwieriger zu deuten als bei der Erhebung unter Frauen. Um die drastischen Unterschiede zu erklären (in einigen Ländern gibt es Null-Prozent- oder gar keine belastbaren Werte), dürfte erneut die Frage nicht unwichtig sein, wie offen im jeweiligen Land die Betroffenen über Übergriffe reden - und was sie darunter genau verstehen.



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