Kriminalstatistik Alltags-Brutalität alarmiert Politik und Polizei

Deutschland verroht. Der neuen Kriminalstatistik zufolge werden immer mehr Gewalttaten begangen, oft von Jugendlichen - laut Polizeigewerkschaft wird zusehends enthemmt und brutal zugeschlagen. Allerdings enthält der neue Bericht auch einige gute Nachrichten.

Von Ingo Arzt und


Berlin - Fast eine Stunde lang mussten die Fotografen warten, bis Wolfgang Schäuble (CDU) endlich die Geste des hart durchgreifenden Innenministers machte: geballte Faust, entschlossener Blick. Es ging um die Bekämpfung von Terrorismus und grenzüberschreitender Kriminalität, um die wenigen Bereiche also, die dem Innenminister bei der Vorstellung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2006 heute in Berlin das zufriedene Lächeln aus dem Gesicht trieben. Gierig klickten da die Auslöser der Kameras.

Minister Schäuble: "Ärgern können Sie mich nicht"
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Minister Schäuble: "Ärgern können Sie mich nicht"

Zuvor hatte sich Schäuble ausgesprochen entspannt gegeben: "Deutschland gehört zu sichersten Ländern der Welt", resümierte er angesichts der Zahlen, die er gelassen referiert hatte: 6,3 Millionen Straftaten wurden im Jahr 2006 registriert - 1,4 Prozent weniger als 2005. Die Aufklärungsquote ist mit 55,4 Prozent die höchste seit der Wiedervereinigung. "Insgesamt eine positive Entwicklung", sagte Schäuble, die auf die "hervorragende Arbeit der Polizei" zurückzuführen sei.

In einem Bereich allerdings gab die Statistik Anlass zu Sorge: Seit dem Jahr 1994 nimmt die Zahl der Gewaltdelikte in Deutschland kontinuierlich zu. Seinerzeit waren es knapp über 150.000 Fälle, im Jahr 2005 bereits 212.000, im vergangenen Jahr nochmals 3000 mehr.

Die Zahl leichter Körperverletzungen hat sich seit 1993 fast verdoppelt. Diese Entwicklung könne "auch auf eine erhöhte Bereitschaft der Bevölkerung zurückzuführen sein, Körperverletzungsdelikte bei der Polizei zur Anzeige zu bringen", schränkte Schäuble ein. Doch Berlins Innensenator Erhart Körting (SPD), der zurzeit der Innenministerkonferenz vorsitzt, sagte: "Es geht nicht nur um das Anzeigeverhalten, die Gewaltbereitschaft insgesamt ist gestiegen."

Im Bereich der gefährlichen und schweren Körperverletzung registrierten die Behörden laut Innenministerium gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 2,6 Prozent (151.000 Fälle). Auch Mord und Totschlag kamen 2006 häufiger vor als im Vorjahr (plus drei Prozent, 2470 Fälle), wenngleich die Zahl der vollendeten Tötungsdelikte um 9,6 Prozent sank. Demgegenüber stand jedoch eine deutliche Massierung der Mord- und Totschlagsversuche (plus 9,4 Prozent).

Auch die Jugendgewalt hat im vergangenen Jahr zugenommen. Bei einfachen Körperverletzungen stieg die Zahl der jugendlichen Tatverdächtigen um 2,7 Prozent und die der heranwachsenden Tatverdächtigen um 4,6 Prozent. Die Ursachen dieser Entwicklung soll demnächst eine Studie zur Jugendgewalt in Deutschland klären. Erste Ergebnisse der Befragung von etwa 50.000 Schülern werden nach Angaben des Innenministeriums zum Jahresende vorliegen.

Die Gesamtzahl der Tatverdächtigen ging nach offiziellen Angaben im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Folge zurück. Sie liegt nun bei 2,3 Millionen Personen (minus 1,3 Prozent). Fast ein Viertel davon waren Mädchen und Frauen. Auch die Zahl der nichtdeutschen Tatverdächtigen sei um 3,2 Prozent auf 503.000 gesunken, so Schäuble.

Ein Viertel aller Fälle ist Straßenkriminalität

Rückläufig ist ebenfalls die Zahl der Diebstähle, vor allem die Zahl der Auto-Diebstähle (minus 16 Prozent). Gleichzeitig werden Betrügereien verbreiteter (plus 0,5 Prozent). Vor allem Waren- und Warenkreditdelikte (plus 8,8 Prozent) liegen im Trend - was auf die vermehrte Nutzung des Internets zurückzuführen ist.

Die registrierten Fälle sexuellen Missbrauchs von Kindern sanken den Angaben zufolge deutlich um 8,6 Prozent auf 12.765 und erreichten den niedrigsten Wert seit 1993. Allerdings ist in diesem Bereich laut dem Bericht von einer hohen Dunkelziffer auszugehen.

Wie schon 2005 machte die Straßenkriminalität mit über anderthalb Millionen Fällen rund ein Viertel der Gesamtkriminalität aus, jedoch mit erneut sinkender Tendenz (minus vier Prozent). Taschendiebstähle nahmen um 8,7 Prozent ab, Rauschgiftdelikte verringerten sich um 7,8 Prozent.

Kriminalitätshochburg unter den Großstädten war weiterhin Frankfurt am Main mit 17.570 Delikten pro 100.000 Einwohnern. Allerdings waren hier die registrierten Straftaten im Vergleich zu 2005 um 6,1 Prozent zurückgegangen. Mit einigem Abstand folgten Hannover mit 15.690 (plus drei Prozent) und Berlin mit 15.030 Delikten (minus 2,4 Prozent).

Bedenken gegenüber der Statistik

Kritik an der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) kam heute vom Bund Deutscher Kriminalbeamter. Die Gewerkschaft der Kriminalpolizisten hält die Aussagefähigkeit der Statistik für unzulänglich. Seit Jahren werde darin der Anstieg der Gewaltkriminalität festgestellt und von Politikern bedauert, ohne dass Gegenmaßnahmen ergriffen würden, sagte der BDK-Vorsitzende Klaus Jansen. Das liege schlicht daran, dass die PKS nicht auf wesentliche Zusammenhänge hinweise.

Zur Verbesserung der Aussagekraft und besseren analytischen Verarbeitung der PKS forderte der BDK, den Migrationshintergrund deutscher Tatverdächtiger in der PKS festzuhalten. In der jetzigen Form diene die PKS der Polizei lediglich noch als Nachweis ihrer geleisteten Arbeit, statt analytische Grundlage für überfällige Kriminalstrategien zu sein.

Der Rückgang der Drogenkriminalität sei lediglich ein Indiz dafür, dass die Polizei in diesem Bereich weniger ermittelt habe, sagte Jansen. Die tatsächliche Dimension der Internetkriminalität werde durch die Zahlen der PKS nur zu Bruchteilen dargestellt. Eine erhebliche personelle und technische Verstärkung der kriminalpolizeilichen Ermittlung müsse im Bereich der Bekämpfung der IuK-Kriminalität (Informations- und Kommunikationstechnik) stattfinden.

"Immer häufiger enthemmte, brutale Gewalt"

Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, nutzte die mediale Aufmerksamkeit für ein Lob an die Beamten. "Die hohe Leistungsbereitschaft und ungebrochene Motivation der Polizeibeschäftigten produzieren den Glanz des Erfolges, in dem sich die Politik so gerne sonnt", so Freiberg. Deutschland ist seiner Auffassung zufolge jedoch nicht sicherer geworden. Der Anstieg der Gewaltkriminalität habe nicht gestoppt werden können. "Immer häufiger schlägt Polizisten in ihrem Dienst enthemmte, brutale Gewalt entgegen", mahnte Freiberg. Die entscheidenden gesellschaftlichen "Baustellen" seien "Erziehung, Bildung und Integration".

Bundesinnenminister Schäuble antwortete ausweichend auf Fragen, warum er angesichts des Rückgangs der Kriminalität darauf poche, die Sicherheitsgesetze zu verschärfen. So soll ein neues Anti-Terror-Gesetz unter anderem verdeckte Online-Durchsuchungen von Computern ermöglichen. Schäuble sagte, durch das Internet gebe es neue technische Möglichkeiten, die Terroristen oder Schwerkriminelle nutzen könnten. "Ehe das Telefon erfunden war, mussten sie sich auch nicht mit seiner Überwachung beschäftigen."

Schäuble hatte in der Vergangenheit zudem gefordert, das Grundgesetz zu ändern, um die Bundeswehr nicht nur in Katastrophenfällen im Inneren einsetzten zu können, zum Beispiel während der Fußballweltmeisterschaft im vergangenen Jahr. Ob man ihn damit ärgern könne, dass die Bundeswehr offensichtlich nicht vonnöten war, um eine friedliche WM zu gewährleisten, wollte ein Journalist wissen. "Ärgern können sie mich nicht", versicherte Schäuble, "ich bin viel zu guter Laune."

Mit Material von AP und ddp



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