Kriminelle Jugendliche Der finale Tritt des Teufelsmädchens

Sie schlugen ihre Opfer, traten sie und sprangen auf ihre Köpfe: Eine Londoner Jugendgang ist mit besonderer Brutalität gegen wehrlose Menschen vorgegangen, ein Mann starb. Mit dabei war die 14-jährige Chelsea. Jetzt muss sie für acht Jahre in den Knast.


London - Es ist der 30. Oktober 2004, als die Schlägerbande durch die Straßen von South Bank zieht. In dem Stadtteil südlich des Zentrums der britischen Hauptstadt suchen sie nach Opfern für einen brutalen "Spaß". Der 37-jährige Barkeeper David Morley sitzt mit einem Freund auf einer Parkbank; er ist ein zufällig ausgewähltes Opfer. Die Jugendlichen sollen kurz mit ihm gesprochen haben, berichtet der britische "Guardian". Dann stoßen sie beide Männer zu Boden und schlagen und treten zu - mit unglaublicher Brutalität.

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London: Jugendliche ohne Gnade

44 Schlagverletzungungen, eine gerissene Milz und fünf gebrochene Rippen diagnostizieren die Ärzte später. Die zum Tatzeitpunkt 14-jährige Chelsea soll Morley den finalen Tritt verpasst haben. Wie gegen einen Fußball habe sie gegen seinen Kopf getreten, sagte ein Zeuge. Innerhalb der nächsten Stunde attackierten die Schläger noch sechs andere Menschen. Jedes der Opfer war absolut ahnungslos und wurde völlig überrumpelt, sagte Richter Brian Barker bei der Urteilsverkündung.

Jetzt haben die Verurteilten ihre Haft angetreten. Zwölf Jahre Gefängnis wegen Totschlags und gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung lautete das Urteil für drei der Jugendlichen. Die heute 16-jährige Chelsea muss für acht Jahre hinter Gitter. Und zu diesem Anlass bekam auch das "Teufelsmädchen", wie die britische Zeitung "Sun" den Teenager nannte, ein Gesicht.

Bis dahin war sie in den britischen Zeitungen nur als "das Mädchen" aufgetaucht. Die Namen der beiden minderjährigen Mitglieder der Schlägerbande durften nicht genannt werden, mit Rücksicht auf ihr Alter. Nun hob der Richter dieses Verbot wieder auf - entsprechend den "außergewöhnlichen Umständen dieses Falls". Chelsea habe eine wesentliche Rolle beim Tod von David Morley gespielt, sagte Barker.

Teilnahmslos hatten die Angeklagten das Urteil aufgenommen. Mit derselben Gleichgültigkeit, mit der die Jugendlichen diejenigen attackierten, die an jenem Oktoberabend ihren Weg kreuzten. Während der Verhandlung sehen sich Beobachter an die Protagonisten aus dem Roman "Clockwork Orange" erinnert, in dem eine skrupellose Jugendgang in London aus reinem Spaß an der Gewalt Wehrlose zusammenschlägt, Raubüberfälle und Vergewaltigungen zelebriert.

"Wir planen einen Dokumentarfilm"

Die Neuauflage aus dem wahren Leben hat aber noch eine andere Qualität: "Happy Slapping" heißt das in Großbritannien grassierende Phänomen in der Sprache der Beteiligten beschönigend, "fröhliches Schlagen". In der Praxis bedeutet es, dass Schlägerbanden unschuldige Opfer verprügeln, diese Attacken filmen und die Filme später ihren Freunden zeigen oder sie im Internet verbreiten.

Auch Chelsea hat die Überfälle ihrer Clique mit dem Videohandy gefilmt. Sie habe die Gang angeführt, zitiert die Zeitung "The Independent" einen der beteiligten Jugendlichen: "Sie wollte filmen, wie Menschen zusammengeschlagen werden." Die 14-Jährige soll den Barkeeper aufgefordert haben, für die Kamera zu posieren - mit den zynischen Worten: "Wir planen einen Dokumentarfilm über 'Happy Slapping'".

Auch der schwierige familiäre Hintergrund der Angeklagten könne die Tat nicht mildern, sagte der Richter. Nach Angaben des "Guardian" war Chelseas Mutter heroinabhängig, der Vater Alkoholiker. Sie lebte bei Pflegeeltern. Der 19-jährige Darren sei hyperaktiv und habe eine elende Kindheit gehabt. Er soll später mit der Tat angegeben und detailliert erzählt haben, wie er auf Morleys Kopf gesprungen sei, schreibt "The Independent".

David Morley hatte 1999 den Anschlag in der Schwulenbar "Admiral Duncan" im Londoner Viertel Soho überlebt, bei dem eine Nagelbombe drei Menschen getötet und 70 zum Teil schwer verletzt hatte. Gegen die brutale Attacke der Jugendgang hatte er keine Chance: Morley starb im Krankenhaus.

Sandra Kaupmann



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