Kritik an Odenwaldschule "Wir fuhren genitalien"

Eine kleine Künstlergruppe zeigt ihren ganz eigenen Blick auf die teils große, teils schreckliche Geschichte der Odenwaldschule. Sie ergänzt die offizielle Ausstellung zum Schuljubiläum - mit Motiven, die sarkastischer kaum sein könnten.

Bernd Benz/Elke Bojarski/Stephan Haeger

Aus Ober-Hambach berichten und


Der Satz ist böse, der Satz ist zynisch, der Satz ist jetzt vielleicht auch pietätlos. Aber er ist treffend für das, was alle an der Odenwaldschule bewegt, so treffend wie kein anderer, der in diesen Tagen des Jubiläums zu hören oder zu lesen ist.

Gerold Becker ist tot, die Nachricht hat sich in dem idyllischen Schuldorf nahe Heppenheim am Rande der hessischen Bergstraße verbreitet. Und nun steht Stephan Haeger in der Turnhalle und hängt das Plakat auf, das er gemeinsam mit zwei Künstlerfreunden gestaltet und erst wenige Stunden zuvor aus der Druckerei geholt hat.

Rechts unten, auf einem Hintergrund, der wie ein Grabstein aussieht, steht der Satz: "Ich sterbe mich aus der Verantwortung." Daneben eine vertrocknete Rose in einer Vase, am Rand ist ein bisschen Buchsbaum zu erkennen.

Keine Schulchronisten am Werk

Becker ist gestorben, ohne dass er sich zu seinen Taten geäußert hätte. Eine dürre "Erklärung" vom März ausgenommen, die in allgemeinen Worten fast nichts zu den Vorwürfen sagt, die beim 100. Schuljubiläum in Diskussionsrunden und im Rahmen von Ausstellungen thematisiert werden. Eine Podiumsdiskussion hat es gegeben, eine Wahrheitskommission wurde eingerichtet, und auch in den offiziellen Ausstellungen wird der Missbrauch nicht ausgespart. Auf vielen Tafeln wird erklärt, was geschehen ist - soweit es denn bekannt ist.

Stephan Haeger und seine beiden Partner, Bernd Benz und Elke Bojarski, haben einen anderen Zugang zum Thema. Sie selbst waren nicht Schüler hier, aber sie haben einen gemeinsamen Freund. Der ist von Becker und einem anderen Lehrer missbraucht haben. Mit ihren Plakaten wollen sie auf den Schrecken aufmerksam machen, "wir fördern mit unserer Arbeit Aufklärung und Auseinandersetzung über jeglichen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft".

Aber wie. Schon ihre Homepage lässt ahnen, dass hier keine offiziellen Schulchronisten am Werk sind. Die Adresse: www.hodenwald.de.

Nicht lustig, aber beklemmend

Auch bei den übrigen Kunstwerken schrecken sie vor Wortspielen nicht zurück, ganz im Gegenteil. Nicht alle sind so nahe liegend wie der Kalauer: "Im Odenwald, da bleibt kein Hoden kalt!" Ein anderes Motiv zeigt einen grünen VW-Bus. Mit einem solchen Fahrzeug sollen die Täter ihre Schüler zuweilen in den Urlaub mitgenommen haben, um sie dort zu missbrauchen. Mehrmals ging es in den Süden, zum Beispiel an den Gardasee. Deshalb steht nun auf dem Plakat mit dem VW-Bus zu lesen: "Wir fuhren genitalien."

Das muss man nicht lustig finden, aber beklemmend ist es allemal, wenn es in dieser Umgebung zu sehen ist. Hier hatten so viele gehofft, dass Gerold Becker doch noch sprechen und nicht länger schweigen würde.

Aber die Wahrheitskommission, die während des Schuljubiläums tagt, muss die Wahrheit nun endgültig zu ergründen suchen, ohne dass die beiden Haupttäter noch zur Verfügung stehen. Der eine, ein Musiklehrer, ist schon seit 2006 tot. Und nun nimmt auch Gerold Becker die Antworten mit ins Grab - er stirbt sich aus der Verantwortung.

Morgens früh um sechs, gibt es erstmal Sex

Die kleine Künstlergruppe will in ihrem Engagement nicht nachlassen und hofft darauf, dass ihre Werke auch an anderen Orten gezeigt werden. Finanziell unterstützt werden sie von einem Altschüler, und die Schulleitung "respektiert unsere Arbeit", sagt Plakatkünster Haeger. Insgesamt zwölf Motive haben er und seine beiden Mitstreiter bisher entworfen.

Darunter ein Hexengedicht, das so anfängt: "Morgens früh um sechs/gibt es erst mal Sex." Und dann geht es weiter, bis mittags.

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