Mädchenmord in Emden: "Die Polizei hat gravierende Fehler gemacht"

Wer hat die elfjährige Lena in Emden umgebracht? Die Frage schien beantwortet - jetzt hat sich herausgestellt: Der zunächst Tatverdächtige ist unschuldig. Die Polizei muss Kritik einstecken, der Druck auf die Behörden wächst.

Überwachungsaufnahmen aus Emden: Wer ist die Person auf dem Video? Zur Großansicht
dapd/ Polizei

Überwachungsaufnahmen aus Emden: Wer ist die Person auf dem Video?

Emden - Sechs Tage nach der Tötung von Lena wissen die Behörden nicht, wer die Elfjährige umgebracht hat. Sie wissen nur, wer es nicht getan hat: ein 17-Jähriger, der als Tatverdächtiger in Untersuchungshaft saß und am Freitag entlassen wurde - weil "Fakten eine Täterschaft des Jungen ausschließen", wie Bernard Südbeck, Leiter der Staatsanwaltschaft Aurich, sagte. Aufgrund welcher Erkenntnisse der Schüler nicht als Täter in Frage kommt, erläuterte Südbeck nicht.

Damit weicht die Erleichterung, den vermeintlichen Täter gefunden zu haben, der Ungewissheit: Denn die Ermittler haben offenbar noch keine andere konkrete vielversprechende Spur. "Die Ermittlungen gehen nicht von vorne los, wir stecken mittendrin", sagte Südbeck. Man sei auf einem sehr guten Weg. Konkrete Angaben machte er nicht - etwa zur Frage, ob man einen neuen Tatverdächtigen habe.

"Das Profil, nach dem wir suchen, hat sich nicht geändert", sagte Südbeck. Man gehe immer noch davon aus, dass der Mann auf dem Video der Täter sei. Ob man von einem oder mehreren Tätern ausgehe, wollte Südbeck aus ermittlungstaktischen Gründen nicht sagen.

"Die Festnahme war kein Fehler"

Nach der Festnahme des Unschuldigen wächst der Druck auf die 40 Mitglieder der Mordkommission. "Die Festnahme war kein Fehler", sagte Südbeck. Sie sei auch nicht voreilig gewesen. "Zum Zeitpunkt, als wir den Haftbefehl beantragt haben, waren wir davon überzeugt, dass der Verdächtige als Täter in Frage kommt." Man habe aber immer darauf hingewiesen, dass es sich um einen Verdächtigen handle und die Unschuldsvermutung gelte.

Deutliche Kritik am Polizeieinsatz übte der Kriminologe Christian Pfeiffer. "Die Polizei hat gravierende Fehler gemacht", sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Trotz dürftiger Verdachtsmomente hätten sie den Jugendlichen öffentlich in Handschellen vorgeführt. Durch die Aufrufe zur Lynchjustiz habe dieser "den blanken Horror erlebt". Die Polizei habe damit rechnen müssen, dass sich der Name des Verdächtigen über das Internet in Windeseile verbreite, sagte Pfeiffer.

Im Internet hatten manche Personen die Unschuldsvermutung schon seit der Festnahme des 17-Jährigen ignoriert. Auf der Facebook-Seite "Schweigeminute für Lena 11 aus Emden" schrieb ein Nutzer etwa: "Diesen ehrenlosen herzlosen hund sollten sie foltern und töten." Ein anderer Nutzer postete: "Es ist eine Schweinerei was der Kerl mit so einem kleinen Mädchen gemacht hat. Man müßte diesem Kerl die Eier abschneiden so das er das nicht mehr machen kann oder man müßte ihn umbringen."

Entlasteter Jugendlicher wird von Spezialisten betreut

Es gibt aber auch Nutzer, die zur Besonnenheit mahnen: "Manche sollten auch nachdenken, bevor Sie hier online hetzen, was wenn es nicht der Täter war?" Zudem wurde am Freitag nach der Freilassung des 17-Jährigen die Facebook-Gruppe "NEIN zu Vorverurteilungen durch BILD & Co." gegründet.

"Was bei Facebook und anderen sozialen Netzwerken läuft, darauf haben wir wenig Einfluss", sagte Staatsanwalt Südbeck. Man trete Hetzaufrufen in sozialen Netzwerken massiv entgegen und werde gegebenenfalls gegen die Urheber ermitteln. "Für die Sicherheit des Jungen ist gesorgt, dafür kann ich mich verbürgen." Der Schüler werde von speziell ausgebildeten Beamten betreut.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) forderte ein energisches Vorgehen gegen die Urheber. "Wer hinter den Lynchaufrufen steckt, muss die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Es darf nicht toleriert werden, dass einige soziale Netzwerker glauben, in unserem Rechtsstaat Wild-West-Methoden wiederbeleben zu dürfen", sagte GdP-Bundeschef Bernhard Witthaut. Aufrufe zur Lynchjustiz hatte es auch bei einem Auflauf von rund 50 Personen vor einer Polizeiwache gegeben.

Getötetes Mädchen in Emden beerdigt

Die elfjährige Lena wurde am Freitag beigesetzt. Die Beerdigung auf einem städtischen Friedhof in Emden fand im engsten Familienkreis statt. Pastor Manfred Meyer sagte, "wir verlieren ein besonderes Mädchen, Lena wird uns fehlen". Eine Stadt, eine ganze Region trauere mit der Familie. Der Tod könne die Erinnerung an ein "offenes, Vertrauen schenkendes und Freundschaft stiftendes Kind" nicht nehmen.

Polizisten hatten während der Beisetzung den Eingang zum Friedhof komplett abgeschirmt. Den Angehörigen habe so ermöglicht werden sollen, in aller Ruhe Abschied zu nehmen, sagte eine Polizeisprecherin.

ulz/dapd/AFP/dpa

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1.
glen13 30.03.2012
Zitat von sysopDPAWer hat die elfjährige Lena in Emden umgebracht? Die Frage schien beantwortet - jetzt hat sich herausgestellt: Der zunächst Tatverdächtige ist unschuldig. Die Polizei muss massive Kritik einstecken, der Druck auf die Behörden wächst. Mädchenmord in Emden: "Die Polizei hat gravierende Fehler gemacht" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,824810,00.html)
Ich hätte gerne einmal konkrete Informationen. 1. Es sind 50 Ermittler. Wo kommen die her? Doch nicht hoffentlich alle aus Emden? 2. Wie ist die Qualifikation der Ermittler? Woraus setzen die sich zusammen? Spezialisten für irgend etwas oder normale Kripobeamte? 3. Reicht die Qualifikation der regionalen Polizei aus, um solche Mordfälle zu klären oder wäre es wichtig, externe Spezialisten um Rat zu fragen und gegebenenfalls sogar die Fahndung leiten zu lassen?
2. nicht nur die sozialen netzwerke...
Schlunze 30.03.2012
...vor allem teile der "qualitätsmedien", auch die ör-sender mit solchen seriösen magazinen wie z.b. "brisant", haben sehr öffentlichkeitswirksam dazu beigetragen, dass ein weiteres junges leben zerstört wurde...!
3. .
TS_Alien 30.03.2012
Aus Hinweisen und Behauptungen werde Indizien, sogar Beweise (der GdP-Vorsitzende spricht davon), und schliesslich ein dringender Tatverdacht. Dabei hat die Polizei nichts Greifbares in Händen gehalten. Absolut nichts. Und dennoch soll alles korrekt abgelaufen sein (Aussage des Oberstaatsanwalts). Reflektiert da jemand auch nur ansatzweise? Ein Skandal!
4.
Ty Coon, 30.03.2012
Zitat von sysopDPAWer hat die elfjährige Lena in Emden umgebracht? Die Frage schien beantwortet - jetzt hat sich herausgestellt: Der zunächst Tatverdächtige ist unschuldig. Die Polizei muss massive Kritik einstecken, der Druck auf die Behörden wächst. Mädchenmord in Emden: "Die Polizei hat gravierende Fehler gemacht" - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Panorama (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,824810,00.html)
Immer vorausgesetzt, daß die Emder Polizei alles getan hat, um die Identität des Verdächtigen geheimzuhalten, wovon ich ausgehe, hat sie sich doch bisher professionell und richtig verhalten: da hat sich jemand in Widersprüche verwickelt, da war U-Haft durchaus angeraten. Gleichzeitig hat sie in andere Richtungen weiterermittelt und keine relevanten Erkenntnisse zum Tathergang öffentlich gemacht. Besser kann die Polizei eigentlich nicht handeln. In Emden wird nun wohl jeder wissen, wie der Verdächtige heißt. Man kann nur hoffen, daß die "Bild" noch nicht Wind von seinem Namen bekommen hat.
5.
mwroer 30.03.2012
Zitat von glen13Ich hätte gerne einmal konkrete Informationen. 1. Es sind 50 Ermittler. Wo kommen die her? Doch nicht hoffentlich alle aus Emden? 2. Wie ist die Qualifikation der Ermittler? Woraus setzen die sich zusammen? Spezialisten für irgend etwas oder normale Kripobeamte? 3. Reicht die Qualifikation der regionalen Polizei aus, um solche Mordfälle zu klären oder wäre es wichtig, externe Spezialisten um Rat zu fragen und gegebenenfalls sogar die Fahndung leiten zu lassen?
Nein die kommen nicht alle aus Emden. Kripobeamte der entsprechenden Abteilungen SIND hochqualifiziert aber wenn es Sie beruhigt, es sind auch 'Spezialisten' des Niedersächsischen Landeskriminalamtes dabei - ergo erledigt sich Frage 3. Am besten lassen wir alle anderen Missbrauchs und Mordfälle liegen damit der eine Fall mit Medienaufmerksamkeit auch schnell gelöst wird. Waren Sie bei den anderen Morden nach sexuellem Missbrauch auch so interessiert an der Qualifikation und Zusammensetzung der SoKo's oder auch nur daran ob es welche gab? Nein die Polizei hat KEINEN Fehler gemacht. Haftbefehle werden gegen dringend Tatverdächtige erlassen. Wer so selten realitätsfremd ist und glaubt dies sei immer und sofort der Täter hat offenbar zuviel CSI gesehen. Bei Missbrauch und Mord wird ggfls. einfach schneller verhaftet weil extreme Fluchtgefahr besteht und man sich in DE eine 'nicht Verhaftung' durch die Medien überhaupt nicht mehr leisten kann.
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Mord in Emden - Chronologie
Mädchenleiche
Samstag, 24. März: Am Abend wird in einem Parkhaus im ostfriesischen Emden die Leiche eines elfjährigen Mädchens gefunden. Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus.
Sonderkommission "Parkhaus"
Sonntag, 25. März: Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigen, dass das Mädchen getötet wurde. Spuren in dem Parkhaus und das Ergebnis der Obduktion wiesen eindeutig auf ein Gewaltverbrechen hin, heißt es. Die Polizei richtet eine 40-köpfige Sonderkommission "Parkhaus" ein
Fahndung läuft an
Montag, 26. März: Am Vormittag untersuchen erneut etwa zwei Dutzend Beamte auf allen drei Ebenen des Parkhauses nach Spuren und einer möglichen Tatwaffe. Die Überwachungskameras werden ausgewertet. Auf einer Pressekonferenz bestätigen die Ermittler am Nachmittag, dass die Straftat einen sexuellen Hintergrund hat. Die Beamten fahnden nach einem dunkel gekleideten jungen Mann. Am Abend halten die Menschen in Emden eine Schweigeminute für das elfjährige Mädchen ab.
Polizei veröffentlicht Überwachungsvideo
Dienstag, 27. März: Die Polizei veröffentlicht Ausschnitte von Videoaufnahmen aus dem Parkhaus. Für Hinweise zur Ergreifung des Täters setzt die Stadt Emden eine Belohnung in Höhe von 10.000 Euro aus. Am Abend wird ein Tatverdächtiger festgenommen.
Tatverdächtiger sagt aus
Mittwoch, 28. März: Der junge Mann sagt nach anfänglichem Schweigen aus, legt aber kein Geständnis ab. Am Abend wird Haftbefehl gegen den 17-Jährigen aus Emden erlassen. Der junge Mann bestreitet weiterhin, die Tat begangen zu haben.
Behörden geben Pressekonferenz
Donnerstag, 29. März: Auf einer Pressekonferenz teilt die Polizei mit, dass der Verdächtige für die Tatzeit kein Alibi besitzt. Außerdem soll sich der 17-Jährige bei den Vernehmungen in Widersprüche verwickelt haben. Die Polizei veröffentlicht eine neue Videoaufnahme, auf der der mutmaßliche Täter zu sehen ist.
Tatverdächtiger wird freigelassen
Freitag, 30. März: Polizei und Staatsanwaltschaft teilen mit, dass der festgenommene 17-Jährige unschuldig ist und aus der Untersuchungshaft entlassen wird. Neuen Ermittlungsergebnissen zufolge könne der Jugendliche nicht der Täter sein. Das getötete Mädchen wird auf einem städtischen Friedhof in Emden beigesetzt.

Quelle: dapd

Erneute Festnahme
Samstag, 31. März: Die Ermittler nehmen einen 18-Jährigen fest. Hinweise aus der Bevölkerung hätten den Tatverdacht konkretisiert, das Ergebnis einer DNA-Analyse hätten den Verdacht untermauert, so die Polizei.
Geständnis
Sonntag, 1. April: Die Ermittler geben bekannt, dass der 18-Jährige die Tötung des elfjährigen Mädchens zugegeben hat.
Fotostrecke
Getötetes Mädchen: Emden im Schockzustand