Von Birger Menke
Hamburg - Wenn ein Mensch ein Kind ermordet, wenn jemand Eltern den größtmöglichen Schmerz zufügt, reagiert die Gesellschaft. Keine Tat wird als derart verabscheuungswürdig angesehen, keine Tat setzt derart Emotionen auch unter denjenigen frei, die das Opfer überhaupt nicht kannten.
Das gilt immer und zu allererst für die Stadt, in der ein solches Verbrechen geschieht: In Emden leben rund 50.000 Menschen, nach dem Mord an einer Elfjährigen am vergangenen Samstag, so war vielerorts zu lesen, machte sich Fassungslosigkeit und Entsetzen breit, aus manchem Einwohner sprach gar Verzweiflung, wenn er sich zum Mord äußerte.
Es ist dann vom Ende der Beschaulichkeit die Rede. Wo früher ostfriesisches Idyll war, herrschen Schock und Starre. Doch das ist nicht alles: Wut, das wird keiner leugnen, ist ebenfalls eine natürliche Reaktion auf den Mord eines Kindes.
Doch nach dem Verbrechen in Emden wurde sie mancherorts zu offenem Hass gegen einen Jugendlichen, der unschuldig ist. In der Folge des gewaltsamen Tods eines Mädchens ereignete sich ein Desaster, das Kriminologen, Strafrechtler und Polizeivertreter nun beginnen, aufzuarbeiten.
Dabei ist es zunächst ein normaler Vorgang: Wenn die Polizei ausreichend Verdachtsmomente hat, nimmt sie denjenigen fest, den sie belasten. Doch was ist, wenn es sich um einen Jugendlichen handelt? Wenn es sich um eine kleine Stadt wie Emden handelt, in der sich ein Name schnell von Nachbarschaft zu Nachbarschaft herumgesprochen hat? In der Journalisten recherchieren, von denen manche den Namen weitertragen: Kennen Sie ihn? Was wissen Sie über ihn?
"Zu jeder Zeit richtig gehandelt"
Am Dienstag nahmen Polizisten einen 17-Jährigen fest. Schon hier seien Fehler gemacht worden, lautet die Kritik an diesem Freitag: Warum musste man mit uniformierten Beamten vorgehen? Wo doch klar sein musste, dass sich der Einsatz herumsprechen musste? Schnell waren auch die Medien vor Ort, rot geklinkerte Fassade, Jalousien runtergezogen, so gewann das Lebensumfeld des vermeintlichen Täters an Kontur, so wurde das Haus beschrieben, vor dem sich längst auch Schaulustige versammelt hatten.
Die Polizei habe den Jungen öffentlich in Handschellen vorgeführt, kritisierte der Kriminologe Christian Pfeiffer. Oberstaatsanwalt Bernard Südbeck wies die Kritik am Freitag zurück: Polizei und Staatsanwaltschaft hätten "zu jeder Zeit richtig gehandelt". "Wir nehmen Festnahmen so vor, dass ein Tatverdächtiger nicht fliehen kann." Wie dies gewährleistet werden könne, werde immer im Einzelfall entschieden.
Er hielt am Freitagmittag eine improvisierte Pressekonferenz ab, er stand an einer Straße, im Hintergrund das Polizeirevier. Ein Mädchen ist ermordert worden, doch es ging jetzt auch um einen anderen jungen Menschen.
Im Internet hatte jemand dazu aufgerufen, die Polizeiwache zu stürmen, in der der 17-Jährige saß. In der Nacht zum Mittwoch belagerten rund 50 Menschen stundenlang das Polizeigebäude in Emden. Es sollen Parolen gerufen worden sein, wie sie dann auch auf Facebook zu lesen waren: "Es gibt nur eins: Erschießen", schrieb einer bei Facebook. "Diesen ehrenlosen herzlosen hund sollten sie foltern und töten", postete ein anderer. An manchen Stellen wurde der Name des zu diesem Zeitpunkt noch Verdächtigen veröffentlicht.
Am Freitag wurde der 17-Jährige aus der Untersuchungshaft entlassen. Einfach nach Hause zurückkehren ist vorerst offenbar nicht möglich für ihn, er befindet sich laut Oberstaatsanwalt Südbeck in polizeilicher Obhut.
Fakten hätten ihn entlastet, er sei unschuldig, verkündeten die Ermittler. Dass man ihn am Mittwoch in Untersuchungshaft genommen hatte, verteidigte Oberstaatsanwalt Südbeck energisch: "Am Mittwochabend waren wir auf dem Stand, dass wir den Tatverdächtigen als dringend tatverdächtig angesehen haben." Er habe sich in Vernehmungen in Widersprüche verwickelt, seine Alibis seien nicht zutreffend gewesen. "Es blieb uns zu diesem Zeitpunkt keine andere Wahl, und dazu stehen wir."
Welche Fakten schließlich seine Unschuld bewiesen, sagte er nicht. Er zeigte sich zuversichtlich, dass der Täter überführt wird. "Wir sind auf einem sehr guten Weg. Und ich bin nach wie vor sehr zuversichtlich, dass wir den Täter des Morddelikts auch bekommen werden", sagte Südbeck.
"Wie wollen sie diesem Mann je wieder ein normales Leben geben?"
Doch auch wenn der Fall aufgeklärt werden sollte: Die Kritik an der ersten Festnahme wird einen Fahndungserfolg nicht ganz vergessen machen. "Man hatte den Eindruck, dass sie einen Täter präsentieren wollten", sagte die Vizepräsidentin des Verbands deutscher Strafrechtsanwälte und Strafverteidiger. Seine Identität sei nicht ausreichend von den Behörden geschützt worden. "Wie wollen sie diesem Mann je wieder ein normales Leben geben?"
Der Kriminologe Pfeiffer sprach von gravierenden Fehlern. Durch die Aufrufe zur Lynchjustiz in sozialen Netzwerken habe der junge Mann "den blanken Horror erlebt", sagte der Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen. Die Polizei habe damit rechnen müssen, dass sich der Name des 17-Jährigen über das Internet verbreite.
Der Regensburger Kriminologe Henning Ernst Müller mahnte, dass auch Polizei und Staatsanwaltschaft ihre Art der Öffentlichkeitsarbeit überdenken sollten. Wenn vorläufige Ermittlungsergebnisse in Strafverfahren der Öffentlichkeit mitgeteilt würden, könne dies enorm gefährlich sein.
Einig waren sich Kriminologen und Polizeivertreter darin, diejenigen zu bestrafen, die im Internet drohten und hetzten. Der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle von Bund und Ländern, Rudolf Egg, sagte, die Urheber müssten strafrechtlich verfolgt werden. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei, Bernhard Witthaut, forderte die "volle Härte des Gesetzes" für die Aufrufe zur Selbstjustiz. Es dürfe nicht toleriert werden, dass "einige soziale Netzwerker glauben, in unserem Rechtsstaat Wild-West-Methoden wiederbeleben" zu können.
Auch in Emden scheint man sich schon auf die Suche gemacht zu haben: Derjenige, der zum Sturm auf die Polizeiwache aufgerufen habe, stamme aus Ostfriesland, sagte Oberstaatsanwalt Südbeck.
Während am Freitag die einen kritisierten und sich die anderen verteidigten, trug in Emden ein Elternpaar seine Tochter zu Grabe.
Mit Material von dpa, dapd, AFP
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