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Kritisches Polizei-Buch: Zyniker in Uniform

Von , Bielefeld

Mauscheln, vertuschen, prügeln: Der Bielefelder Autor Stefan Schubert geht in seinem neuen Buch mit der Institution Polizei ins Gericht. Doch er zeigt auch, wie einfache Beamte unter den Belastungen des Dienstes und den zuweilen absurden Entscheidungen ihrer Vorgesetzten leiden.

Polizei-Buch: Mauscheln, vertuschen, prügeln Fotos
dapd

Wenn man mit Stefan Schubert durch Bielefeld schlendert, ist das wie eine Zeitreise zurück in sein uniformiertes Leben. Er zeigt nach links, er deutet nach rechts, er gerät ins Plaudern: hier ein Überfall, dort eine Schlägerei, Blaulichtfahrten, Festnahmen, und nach Dienstschluss im Kollegenkreis immer wieder hoch die Tassen. "Manches fehlt mir", sagt er.

Schubert, 41, war Polizeiobermeister und schied schließlich aus dem Dienst aus, weil er sich privat wiederholt an Hooligan-Krawallen beteiligt hatte. Dieses Doppelleben eines Mannes, der im Beruf das Gesetz vertreten sollte und es in seiner Freizeit immer wieder brach, verarbeitete der Bielefelder vor zwei Jahren in seinem ersten Buch "Gewalt ist eine Lösung". Es wurde ein ziemlicher Erfolg.

Jetzt legt der Selfmade-Schriftsteller und ehemalige Fitnessstudio-Betreiber also seinen zweiten Bericht vor: "Inside Polizei. Die unbekannte Seite des Polizeialltags" ist ein halbdokumentarisches Sammelsurium unglaublicher Geschichten, die sich hinter den Fassaden vermeintlich biederer Behörden ereignet haben sollen und von denen die Steuerzahler bislang nicht unbedingt wissen konnten.

Seine Mission

"Polizeiführer und Behördenleitungen verheimlichen Vorgänge und leiten, seitdem sie bestehen, Medien und die Öffentlichkeit bewusst in die Irre", so beginnt Schuberts Buch - und damit formuliert der Autor durchaus seine Mission. Er will anschreiben gegen die Mauer des Schweigens, ähnlich wie es etwa die "Berliner Zeitung" im Januar 2010 tat, als sie enthüllte, welches Ausmaß von Kriminalität und Elend die Ordnungshüter in der Hauptstadt täglich routiniert verschweigen.

So rekonstruiert Schubert etwa den fehlgeschlagenen Zugriff eines Spezialeinsatzkommandos (SEK), bei dem ein Mann erschossen und ein Beamter schwer verletzt wurde. Aus Gesprächen mit Polizisten, die sich ihm gegenüber erstmals öffneten, erfuhr er, wie im Nachhinein peinliche Details der verpatzten Erstürmung einer Wohnung vertuscht wurden.

Die Behörden verschwiegen demnach, dass die Verletzung des Polizisten, die auch als Begründung für die Tötung des Angreifers herhalten musste, in Wahrheit von einem Beamten verursacht worden war. Er hatte versehentlich seinem Kollegen in den Fuß geschossen. Das Ermittlungsverfahren gegen den Schützen wurde dennoch eingestellt, dienstliche Konsequenzen gab es nicht.

Prügelnde Polizisten

Ähnlich ist der Fall eines Bielefelder SEK-Beamten und früheren GSG-9-Elitepolizisten gelagert, den Schubert beschreibt. Der Polizeikommissar hatte nicht nur ohne Genehmigung seines Dienstherrn in Libyen Gaddafis Spezialeinheiten ausgebildet, sondern nach einer Kneipentour auch gemeinsam mit einem Kollegen einen Junkie zusammengeschlagen. Die Beamten, die sich gegenseitig deckten, konnten schließlich nur durch die Aussagen anderer Polizisten überführt werden, die das Geschehen zufällig beobachtet hatten.

Eine besondere Qualität gewinnt Schuberts Buch aber durch den Blick in den Alltag und die Gedankenwelt der Ordnungshüter ("Auftrag ist Auftrag"). Erhellend etwa ist sein Bericht über den Einsatz einer Hundertschaft der Bereitschaftspolizei beim Castor-Transport in Gorleben. Die Beamten, mit denen der Autor bekannt ist, hatten weniger mit gewaltbereiten Autonomen zu kämpfen denn mit sinnentleerten Anweisungen und Dutzenden Stunden quälender Langeweile.

"Am späten Abend, als die letzten Anrufe zu Hause bei den Liebsten getätigt waren", schreibt Schubert, "steuerte die eigentliche, die verborgene Hauptbeschäftigung von Polizisten bei eintönigen Einsätzen ihrem Höhepunkt entgegen - dummes Zeug labern! Erwachsene Männer entwickelten sich zu pubertierenden Teenagern zurück und versuchten, sich fortlaufend mit neuen Äußerungen, Mutmaßungen und Diffamierungen zu überbieten."

Limousinen mit Politikern

Doch der frühere Beamte, der ähnliche Einsätze mitgemacht hat, schildert auch, wie es ist, sich 20 Stunden lang in voller Schutzmontur bei Eiseskälte und ohne Verpflegung ein aufreibendes Räuber-und-Gendarm-Spiel mit Demonstranten zu liefern. Und wie die Polizisten darauf reagieren, wenn dann aus Berlin Limousinen mit Politikern anrollen, die sich auf Seiten der Protestierer engagieren und die Ordnungshüter als Gegner wahrzunehmen scheinen.

Schubert beschreibt zudem den Zynismus der Polizisten. Deutlich wird der beispielsweise, wenn ein Ausbilder seinen Schülern Tipps zum Suizid gibt: "Erschießen Sie sich bitte aus Rücksicht auf Ihre Angehörigen nicht zu Hause."

Angesichts der hohen Selbstmordrate unter Ordnungshütern - alleine in Nordrhein-Westfalen nahmen sich in den vergangenen zehn Jahren 74 Beamte das Leben - erscheint das kaltherzige Imponiergehabe unfassbar. Aber es ist echt.

Der Polizeialltag bestehe eben nicht aus den keimfreien Bildern der Werbebroschüren, schreibt Schubert. Ein Happy End gebe es eher selten.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. .
TS_Alien 14.02.2012
Polizisten haben einen schwierigen Beruf. Wie manche andere Menschen auch, z.B. Ärzte im Schichtdienst oder Lehrer. Fehler passieren da zwangsläufig, wobei die Fehler bei Polizisten oder Ärzten durchaus dramatische Folgen haben können. Polizisten werden auch viel zu oft im Stich gelassen, z.B. von den Vorgesetzten, den Politikern und den Richtern. Dennoch muss man Fehler sauber aufarbeiten. So wie dies in anderen Berufen auch gemacht wird. Mir fallen da sofort Piloten ein. Da wird nach einem schweren Unfall sehr sorgfältig ermittelt. Bei der Polizei darf nichts vertuscht werden. Eine Polizei, die etwas vertuscht, begräbt den Rechtsstaat. Denn wem soll man dann noch vertrauen, wenn man als Bürger ein berechtigtes Anliegen hat? Über meine negativen Erfahrungen mit der Polizei könnte ich momentan zumindest schon eine kleine Broschüre schreiben. Vielleicht wird auch noch ein Buch daraus.
2. Mir kommen die Tränen!
chrimirk 14.02.2012
Zitat von sysopdapdMauscheln, vertuschen, prügeln: Der Bielefelder Autor Stefan Schubert geht in seinem neuen Buch mit der Institution Polizei ins Gericht. Doch er zeigt auch, wie einfache Beamte unter den Belastungen des Dienstes und den zuweilen absurden Entscheidungen ihrer Vorgesetzten leiden. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,815232,00.html
Ist Polizeidienst Zwangsverpflichtung? Jeder/jede kann doch seinen/ihren Arbeitsplatz und Ort selbst wählen. Und wo kann man z. B. Pferdereiten als Beruf mit Pensionsberechtigung ausüben? Und die Vorgesetzten: Sie in der Polizei grundsätzlich blöder, schlimmer usf. als in anderen Beamtendiensten, von der Privatwirtschaft ganz zu schweogen? Polizeidienst ist die andere Seite des Verbrechens und des Vergehens. Dienst dort tun, heisst auch eine hohe Affinität für solche Genres zu besitzen. Ich will nicht gleich behaupten, Polizisten sind die, bei denen es für die dunkle Seite nicht gereicht hat.
3. Aha.
cyn 14.02.2012
Zitat von chrimirkIst Polizeidienst Zwangsverpflichtung? Jeder/jede kann doch seinen/ihren Arbeitsplatz und Ort selbst wählen. Und wo kann man z. B. Pferdereiten als Beruf mit Pensionsberechtigung ausüben? Und die Vorgesetzten: Sie in der Polizei grundsätzlich blöder, schlimmer usf. als in anderen Beamtendiensten, von der Privatwirtschaft ganz zu schweogen? Polizeidienst ist die andere Seite des Verbrechens und des Vergehens. Dienst dort tun, heisst auch eine hohe Affinität für solche Genres zu besitzen. Ich will nicht gleich behaupten, Polizisten sind die, bei denen es für die dunkle Seite nicht gereicht hat.
Das wäre auch eine völlig hirnrissige Aussage. In Wahrheit ist es so: Dealer, Zuhälter, Schläger, Räuber, Hehler, Einbrecher und sonstiges Gesocks sind nämlich genau die, bei denen es für ein anständiges Leben "nicht gereicht hat". Die "dunkle Seite", wie sie sie nennen, stellt keine Anforderungen. Der Polizeiberuf schon.
4. Ob NRW...
sachfahnder 14.02.2012
Zitat von sysopdapdMauscheln, vertuschen, prügeln: Der Bielefelder Autor Stefan Schubert geht in seinem neuen Buch mit der Institution Polizei ins Gericht. Doch er zeigt auch, wie einfache Beamte unter den Belastungen des Dienstes und den zuweilen absurden Entscheidungen ihrer Vorgesetzten leiden. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,815232,00.html
... Hessen, BWL oder Bayern, nicht nur bei der POLIZEI, sondern bei fast allen Diensten die selbe "Leier"! Und generell gilt: "Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken", denn würden diese meshuggenen Strukturen sauber geführt, gäbe es diese Problematik vermutlich nicht!
5.
.Limbus 14.02.2012
Zitat von chrimirkIst Polizeidienst Zwangsverpflichtung? Jeder/jede kann doch seinen/ihren Arbeitsplatz und Ort selbst wählen. Und wo kann man z. B. Pferdereiten als Beruf mit Pensionsberechtigung ausüben? Und die Vorgesetzten: Sie in der Polizei grundsätzlich blöder, schlimmer usf. als in anderen Beamtendiensten, von der Privatwirtschaft ganz zu schweogen? Polizeidienst ist die andere Seite des Verbrechens und des Vergehens. Dienst dort tun, heisst auch eine hohe Affinität für solche Genres zu besitzen. Ich will nicht gleich behaupten, Polizisten sind die, bei denen es für die dunkle Seite nicht gereicht hat.
Polizisten sind Menschen wie Sie und ich, und haben auch Fehler (damit schließe ich Korruption, Gewalt, Versagen usw. mit ein), das bezweifelt kein Mensch, allerdings die Polizisten die ich bis jetzt traf, haben i.d.R. weit höhere menschenkenntnisse als der Durchschnitt ,und tun einen guten Dienst. Und wir brauchen Polizisten, würden wir so extrem hohe Standards stellen, dass statistisch gesehen eine von 1000 Personen "tauglich" für den Dienst wären, würden wir alle darunter leiden. Und der Einsatz, insbesondere in Großstädten, wurde in den letzten Jahren nicht gerade einfacher. Allerdings ihr zweiter Absatz, verzeihung, ist Schwachsinn, nach der Logik wären auch alle Feuerwehrmänner potenzielle Pyromanen, oder um mal ein aktuelles Beispiel zu nehmen, welches vielleicht aus Sie betrifft: alle "Killerspiel" Spieler sind potenzielle Amokläufer. Leute die das behaupten, verkehren ebenfalls nach dem Schema des Verallgemeinerns nach extrem seltenen Vorfällen, während die breite Masse außen vor bleibt.
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