Kuckuckskinder-Urteil "Getäuschte Männer können endlich ihren Schadenersatz geltend machen"

Männer, die jahrelang für Kinder zahlten, deren Vater sie gar nicht waren, können ab jetzt ihre möglichen Regressansprüche selbständig durchsetzen. Das entschied heute der Bundesgerichtshof in Karlsruhe.


Karlsruhe - In dem aktuellen Verfahren hatte der Scheinvater der drei sogenannten Kuckuckskinder vom mutmaßlichen biologischen Vater, dem jetzigen Lebensgefährten seiner Ex-Frau, die Rückzahlung des Unterhalts gefordert. Nach Ansicht der Richter kann allein die Weigerung des mutmaßlichen biologischen Vaters, die Vaterschaft feststellen zu lassen, nicht mehr die Durchsetzung des Regressanspruchs verhindern. SPIEGEL ONLINE sprach mit Winfried Heck, Fachanwalt für Familienrecht und Vorsitzender des Väterzentrums Berlin.

Bundesgerichtshof in Karlsruhe: "Durch die neuen Techniken wachsen Begehrlichkeiten"
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Bundesgerichtshof in Karlsruhe: "Durch die neuen Techniken wachsen Begehrlichkeiten"

SPIEGEL ONLINE: Herr Heck, wie bewerten Sie die Entscheidung des BGH?

Heck: Für die getäuschten Männer ist sie positiv zu bewerten. Sie können nun endlich vor Gericht gehen und ihren Schadenersatz geltend machen. Ob sie das Geld allerdings zurückbekommen, bleibt offen, da der biologische Vater im Prozess nicht zum DNA-Test gezwungen werden kann. Meines Erachtens ist das ein ganz kleiner Kreis, den diese Entscheidung betrifft. Für diese Männer bedeutet das, dass sie ihre Rechte durchsetzen können und der biologische Vater nachzahlen muss - wenn man ihn benennen kann.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet die Entscheidung für die Frauen?

Heck: Ich glaube, die wenigsten Frauen hintergehen ihre Männer bewusst. Aber die, die einen Test verweigern, müssen nun damit rechnen, dass man sie dazu zwingen kann, bei der Suche nach dem biologischen Vater zu kooperieren.

SPIEGEL ONLINE: Experten vermuten, dass zwischen fünf und zehn Prozent aller Kinder in Deutschland sogenannte "Kuckuckskinder" sind. Rechnen Sie mit einem Ansturm auf deutsche Gerichte nach der Entscheidung?

Heck: Nein, damit rechnen wir vom Väterzentrum Berlin nicht. Das sind wirklich wenige Ausnahmefälle. Wir schätzen die Zahl eher auf ein bis zwei Prozent, verlässliche Studien gibt es leider nicht. Fünf bis zehn Prozent aller Kinder stammen vielleicht nicht von ihrem formellen Vater ab, aber das muss ja nicht im Geheimen stattfinden.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland lassen pro Jahr 40.000 Männer heimlich genetische Vaterschaftstests machen - ohne Einwilligung der Frau. Raten Sie dazu?

Heck: Wir raten davon entschieden ab. Seit der Gesetzesänderung kann man einen Test über das Gericht erlangen. Die meisten Frauen schreckt das ab und sie willigen in Vaterschaftstests ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig sind solche Tests für zweifelnde Männer?

Heck: Ihnen bringen sie natürlich Gewissheit. Aber ich warne davor: Durch die neuen Techniken wachsen Begehrlichkeiten. Für 100 Euro nimmt man schnell mal ein Kaugummi des Kindes und schickt es ein – aber ich frage diese Männer immer: Was wollen sie? Wenn sie ohnehin mit der Frau zusammenbleiben wollen, kann so ein Test – je nach Ergebnis – oft unangenehme Auswirkungen haben. Und das Kind bleibt auf der Strecke.

SPIEGEL ONLINE: Gegner heimlicher Tests sprechen von einer Verletzung der Intimsphäre des Kindes und einer Kriminalisierung der Gesellschaft. Andererseits: Ist ein heimlicher Abstammungstest für das Kind nicht besser als ein über ein Gerichtsverfahren erzwungener?

Heck: Das Väterzentrum rät, mit offenen Karten zu spielen. Ein heimlicher Test bringt einen heimlichen Wissensvorsprung. Der Vater schaut danach sein Kind mit anderen Augen an und agiert möglicherweise als Richter.

SPIEGEL ONLINE: Spielt es eine Rolle, ob Männer, die um Klarheit kämpfen, mit den Frauen verheiratet sind oder eher nicht?

Heck: Das spielt eine große Rolle. Die Ehe ist eine feste Institution und der Ehemann ist automatisch Vater des in der Ehe geborenen Kindes. Es sind meist junge, unverheiratete Männer, die von der Mutter getrennt sind oder keine feste Beziehung zu ihr haben, die um ihre Rechte kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Die sie nicht wirklich haben. Welche Rechte fehlen diesen Vätern in Deutschland?

Heck: Ohne die Zustimmung der Mutter gibt es kein gemeinsames Sorgerecht. Das ist für die meisten Männer das Problem. Es müsste ein gemeinsames Sorgerecht für nicht verheiratete Eltern geben. Wenn die Beziehung gut geht, spielt das keine Rolle – wenn sich die Eltern aber trennen, ist das das größte Problem. Ebenso müsste das Umgangsrecht konkreter formuliert werden: Wie oft dürfen Väter ihre Kinder unterm Jahr genau sehen? Und der Unterhalt muss so geregelt sein, dass dem getrennt lebenden Vater noch genug Geld zum Leben bleibt und er nicht den Anreiz zum Arbeiten verliert und den Unterhalt das Amt zahlen lässt.

Das Interview führte Julia Jüttner



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