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Prozess gegen früheren Auschwitz-Wachmann: Die Frage nach der Mitschuld

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Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau: Auch hier soll Reinhold Hanning Dienst getan haben

Reinhold Hanning soll als Wachmann im KZ Auschwitz Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen geleistet haben. Nun beginnt in Detmold der Prozess gegen ihn. Der Fall steht für einen späten Sinneswandel der deutschen Justiz.

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Als junger Mann war Reinhold Hanning Mitglied der SS, stationiert am zentralen Schauplatz der Verbrechen des NS-Regimes: dem KZ Auschwitz. Nun, mehr als 70 Jahre später, steht Reinhold Hanning ab Donnerstag vor dem Landgericht Detmold, angeklagt wegen seiner mutmaßlichen Rolle bei diesen Verbrechen.

Hanning soll dabei geholfen haben, dass die KZ-Maschinerie weiterlief, der Vorwurf: Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen. Der 94-Jährige hat zugegeben, in Auschwitz stationiert gewesen zu sein. Die Beteiligung an Tötungen bestreitet er.

Hanning, Jahrgang 1921, trat als Jugendlicher in die Hitlerjugend ein, mit 19 meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS. Als Angehöriger des SS-Totenkopfsturmbanns soll Hanning der Anklage zufolge von Januar 1943 bis Mitte Juni 1944 in Auschwitz stationiert gewesen sein und verschiedene Aufgaben erfüllt haben: Suche nach Flüchtigen, Bewachung von Selektionen an der Rampe, Begleitung von Gefangenen zu den Gaskammern.

6500 SS-Leute in Auschwitz, 29 in der Bundesrepublik verurteilt

Das reiche für eine Verurteilung wegen Beihilfe, meinen die Ankläger: Durch seine Arbeit habe Hanning die tausendfachen Tötungen der Lagerinsassen gefördert oder zumindest erleichtert - Hanning habe dabei geholfen, dass die Mordmaschinerie Auschwitz weiterlief. Darin sehen die Ermittler seinen Beitrag zum Massenmord.

Diese Sichtweise hat sich erst in den vergangenen Jahren durchgesetzt, sie markiert einen Sinneswandel in der Justiz: Jahrzehntelang wurden nur diejenigen verfolgt, die den Massenmord befohlen, zur Leitung der Vernichtungslager gehört, selbst gemordet hatten oder durch besondere Grausamkeit aufgefallen waren, sogenannte Exzesstäter.

Von den 6500 SS-Leuten in Auschwitz, die den Krieg überlebt hatten, wurden in der Bundesrepublik gerade 29 verurteilt; in der DDR waren es rund 20. Dahinter verbarg sich die Haltung, fast alle NS-Täter als willenlose Helfer Hitlers oder Himmlers anzusehen, die gleichsam zu ihren Verbrechen gezwungen worden waren.

Rechtsauffassung verhinderte Verurteilungen lange

Ein Beispiel: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main stellte noch 1985 ein Ermittlungsverfahren gegen den im vergangenen Jahr verurteilten Auschwitz-Bürokraten Oskar Gröning ein. Es fehle ein "hinreichender Tatverdacht", schrieb ein Oberstaatsanwalt damals. Gröning könne Beihilfe zu Mord nicht vorgeworfen werden, weil "die Kausalität seiner Tätigkeit für den Erfolg der Vernichtungsaktion nicht gegeben" gewesen sei.

Die zweifelhafte Rechtspraxis änderte sich erst mit dem Verfahren gegen den SS-Wachmann John Demjanjuk. Ihm konnte man keine konkreten Taten im Vernichtungslager Sobibór nachweisen - und trotzdem verurteilte ihn das Landgericht München 2011 wegen Beihilfe zum Mord. Ähnlich hatte zuvor der Bundesgerichtshof entschieden und den Hamburger Studenten Mounir al-Motassadeq der Beihilfe zum Mord für schuldig befunden, weil er Geld an die Attentäter vom 11. September 2001 überwiesen hatte.

Bis sich diese Rechtsauffassung auch im Fall Gröning durchsetzte, dauerte es. Noch im Januar 2013 lehnten es Frankfurter Staatsanwälte ab, die Ermittlungen gegen Gröning wieder aufzunehmen. Die Staatsanwaltschaft in Hannover sah den Fall anders und klagte ihn im August 2014 an.

"In Auschwitz durfte man nicht mitmachen"

Das Landgericht Lüneburg verhängte schließlich vier Jahre Haft. Das Lager sei "eine insgesamt auf die Tötung von Menschen ausgerichtete Maschinerie" gewesen. Gröning habe eindeutig Beihilfe zum Mord geleistet, auch wenn er nur ein "Rad im Getriebe" und für das Funktionieren des Lagers nicht von kausaler Bedeutung gewesen sei.

Inzwischen hat sich in der deutschen Justiz ein Satz des Kölner Strafrechtlers Cornelius Nestler durchgesetzt, der sich um die juristische Aufarbeitung des Menschheitsverbrechens Holocaust sehr verdient gemacht hat: "In Auschwitz durfte man nicht mitmachen." Punkt. Und wenn man es doch tat, machte man sich schuldig.

Das Landgericht Detmold muss nun darüber befinden, ob Reinhold H. sich schuldig gemacht hat - auch wenn der Greis auf der Anklagebank mit dem SS-Wachmann von damals kaum noch etwas gemein hat. Mit H.s Gesundheit steht es nicht zum Besten. Ein vom Gericht beauftragter Arzt bescheinigte ihm eingeschränkte Verhandlungsfähigkeit - nun sollen die Sitzungen maximal zwei Stunden pro Prozesstag dauern.

Das Landgericht hat zunächst zwölf Verhandlungstermine anberaumt.


Zusammenfassung: Ab Donnerstag muss sich der 94-jährige Reinhold Hanning vor dem Landgericht Detmold wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen verantworten. Hanning war als SS-Mitglied in Auschwitz stationiert. Ihm wird vorgeworfen, nach Flüchtigen gesucht, die Selektionen an der Rampe bewacht und Gefangene zu den Gaskammern begleitet zu haben.

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