Oskar Gröning im Auschwitz-Prozess "In einem Konzentrationslager ist das nun mal so"

Im Auschwitz-Prozess legt Oskar Gröning weiter unumwunden Zeugnis ab über die Verbrechen des NS-Regimes. Das Zuhören wird mit jedem Satz unerträglicher. Eine Holocaust-Überlebende berichtet, warum sie den Nazis dennoch vergeben hat.

Oskar Gröning vor Gericht (Dienstag): Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen
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Oskar Gröning vor Gericht (Dienstag): Angeklagt wegen Beihilfe zum Mord in 300.000 Fällen


Als Freiwilliger der Waffen-SS gehörte Oskar Gröning von 1942 bis 1944 der Abteilung IV der Kommandantur des Konzentrationslagers Auschwitz an, war zuständig für die Verwaltung der Wertsachen und Geldbeträge der todgeweihten Juden. Er erfuhr rasch, was in dem Lager geschah, als er als 21-Jähriger "euphorisch" dort eintraf. Mag sein, dass er sich die Hände selbst nicht blutig gemacht hat, wie er über die Jahre hinweg immer beteuerte. Doch er ist dabei gewesen.

Er hat gesehen und gehört und wahrscheinlich auch gerochen, dass Tausende und Abertausende Menschen in Gaskammern umgebracht und dann verbrannt wurden. Dass sie starben wie die Fliegen. Und dass sie behandelt wurden wie Ungeziefer.

Als Angeklagter bestreitet er dies nicht. "Ich hatte Kenntnis und ich informierte mich", sagt er vor dem Landgericht Lüneburg. Er redet freimütig über den Betrieb, die Organisation, erinnert sich noch an den einen oder anderen "Zwischenfall".

"In Birkenau", fährt er fort, "waren nur Juden aus Ungarn. Wenn drei Transporte zugleich kamen, ging es ziemlich turbulent zu. Denn da war nicht viel Platz." Es habe dort aber schneller selektiert werden können als im Lager Auschwitz I, weil die Ankommenden, so Gröning, nicht erst auf Lkw "weggeschafft" werden mussten, sondern zu Fuß in den Tod gingen. Die einen rechts, die anderen links, je nach Arbeitstauglichkeit. "Meine Eindrücke waren schrecklich", sagt er. "Mir wurde bewusst, dass diese Kraftanstrengung des Dritten Reiches, die ungarischen Juden loszuwerden, auf einem nicht nachvollziehbaren Hass beruhen musste."

Dieser Hass erstaunte Gröning offenbar. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters, was er an der Rampe beobachtet habe, antwortet er: "Was ich sicher weiß, ist, dass es keine Exzesse gab. Es ging alles ruhig vonstatten. Die Vieh- und Güterwagen wurden geöffnet, und die Juden mussten nicht mal ihr Gepäck selber rausbringen. Es hieß: Da ist Personal, das sich kümmert." Es sei viel ordentlicher und nicht so strapaziös zugegangen wie im Lager Auschwitz I. "Man kann sich ja vorstellen, was los ist", sagt er, "wenn 45 bis 50 Waggons mit jeweils 80 Personen auf einmal kommen."

"In einem Konzentrationslager ist das nun mal so", sagt er, als ob er Selbstverständliches zum Besten gibt. Dann beschreibt er, wie "normal" und "sauber" es im Vernichtungslager Birkenau zuging. "Die Ankommenden standen in Fünfer-Reihen. Weiß der Teufel, wer sich das ausgedacht hat. Der Ablauf wurde durch Häftlinge gesteuert. Das war ihr Job, ihr eigenes Interesse. Sie hatten ja auch Vergünstigungen wie Speck, Essen, Huren. Das ging am besten, wenn Ordnung war." Es sollten an den Gleisen auch keine Koffer herumliegen. "So konnte man in 24 Stunden 5000 Leute versorgen."

Mit jedem Satz wird das Zuhören unerträglicher

Gröning als junger Mann: "Wir hätten wohl in vernünftiger Weise reagiert"
AP/Museum Auschwitz-Birkenau

Gröning als junger Mann: "Wir hätten wohl in vernünftiger Weise reagiert"

Versorgen? "Ja, natürlich: Der nächste Transport wurde erst geöffnet, wenn der vorige versorgt war. Der Ordnung wegen wurde so lange gewartet, bis der Waggon abgefertigt war. Alles andere hätte Unruhe verursacht." Wörtlich: Die Kapazität der Gaskammern und der Krematorien sei ja begrenzt gewesen.

Mit jedem Satz wird das Zuhören unerträglicher. Es ist zwar gut, dass da einer unumwunden Zeugnis ablegt über die Verbrechen des NS-Regimes. Aber wie er es tut! Wie er die Notwendigkeit von Ruhe und Ordnung beim Töten hervorhebt!

"Gab es Anweisungen für den Fall von Unruhe?" fragt der Vorsitzende. "Nein", antwortet Gröning. "Wir hätten wohl in vernünftiger Weise reagiert."

"Wie war die Stimmung unter den Ankommenden?", will das Gericht wissen. "Unbedarft und völlig ahnungslos." Auf ein Zeichen von Scham wartet man vergebens.

Einer der Richter zitiert aus Grönings Vernehmung als Zeuge im Jahr 1978. Da sagte er, dass manchmal nichts los gewesen sei an der Rampe und dass manchmal 24 Stunden ununterbrochen habe "gearbeitet" werden müssen. Heute erinnert sich Gröning anders. Er sagt: "Nein, so war es nicht. Einen solchen Dienstplan hätte man völlig ändern müssen." Mehrfach beteuert er, dass doch keiner habe wissen können, welche Ausmaße das annehmen würde.

Noch heute scheint ihn dies am meisten zu stören: die Ausmaße, die "es" annahm.

"Nur ein kleiner Unteroffizier"

Gröning bedauert, dass in Auschwitz der militärische Drill gefehlt habe. "Ein solches System musste aufweichen," sagt er. "Es gab Leute, die sich das Leben bequem machten mit Seidendecken zum Schlafen und besserer Verpflegung. Was die Juden eben so mitbrachten." Die Transporte seien unterschiedlich eingeschätzt worden. "Bei den abgerissenen Polen war nichts zu holen, aber die Ungarn, das wussten wir, die hatten dicken Speck."

Am Ende seiner Befragung durch das Gericht schiebt Gröning noch einen Satz hinterher: "Ich bin nur ein kleiner Unteroffizier gewesen."

Auschwitz-Überlebende Eva Kor: Vergebung als Akt der Selbstbefreiung
DPA

Auschwitz-Überlebende Eva Kor: Vergebung als Akt der Selbstbefreiung

Ob er verstanden hat, was die erste Überlebende, die 80-jährige Eva Mozes Kor, anschließend vortrug? Sie sprach Englisch, ein Dolmetscher übersetzte. Gröning bemühte sich, nicht hinzuhören. Vielleicht weil er selbst weiß, was die Gefangenen erlitten haben. Oder weil er schlecht hört und auch gar nicht verstehen will.

Kors Eltern und zwei ihrer Schwestern überlebten Auschwitz nicht. Nur sie und ihre Zwillingsschwester Miriam kamen davon, weil sie in die Hände von Josef Mengele, dem Lagerarzt, gerieten, der an ihnen Experimente vornahm. "Mengele schaute meine Fieberkurve an und lachte", erinnert sie sich. Dann habe er gesagt: "Schade. Sie ist noch so jung."

Dank eines unbändigen Überlebenswillens schafften es die beiden Schwestern. Kors schaffte es aber auch, wie sie sagt, weil sie den Nazis vergeben hat. "Ich habe dadurch wieder Macht über mein Leben. Viele Menschen haben Schmerz und Zorn in sich, aber damit überlebt man nicht." Vergebung sei ein Akt der Selbstbefreiung. "Kostenlos und ohne Nebenwirkungen."

Gröning lächelt nicht bei diesem Satz. Er hört auch nicht hin, als die alte Dame ihn auffordert, der jungen Generation mitzuteilen, dass es in Auschwitz keine Gewinner gegeben habe, sondern nur Verlierer. "Das Nazi-Regime hat nicht funktioniert. Sagen Sie das der Jugend, Herr Gröning!"

Was am ersten Prozesstag geschah

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