Nebenkläger im Auschwitz-Prozess "Ich wusste, das ist das Ende meiner Familie"

Max Eisen hat Auschwitz überlebt, doch seine Familie wurde in dem Konzentrationslager getötet. Vor dem Landgericht Lüneburg sprach der 86-Jährige nun als Zeuge über die NS-Gräuel und die letzten Sekunden mit seinem Vater.

Auschwitz-Überlebender Max Eisen in Lüneburg: "Der Welt erzählen, was passiert ist"
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Auschwitz-Überlebender Max Eisen in Lüneburg: "Der Welt erzählen, was passiert ist"


Max Eisen war 15 Jahre alt, als er sich im Vernichtungslager Auschwitz von seinem Vater und seinem Onkel verabschieden musste. Zwei Sekunden lang habe er dafür Zeit gehabt. Sein Vater habe ihn gesegnet und gesagt: "Wenn du überlebst, wirst du der Welt erzählen, was passiert ist." Und Eisen wusste: "Das ist das Ende meiner Familie."

Heute ist Eisen 86 Jahre alt und Nebenkläger im Lüneburger Auschwitz-Prozess. Am Donnerstag sagte er als Zeuge aus - und erzählte, was passiert ist: In erschütternden Details schilderte er die Verschleppung seiner Familie in den Tod. Schon auf dem Bahntransport von Ungarn in das Vernichtungslager seien Menschen gestorben. In Auschwitz angekommen, kurz nach der Trennung an der Rampe, hätten sein Vater und sein Onkel gefragt: "Werden wir unsere Familien heute wiedersehen?" Und die Häftlinge antworteten laut Eisen: "Eure Familien sind durch den Schornstein gegangen."

Seine Mutter, seine kleine Schwester und seine beiden Brüder hat Eisen nie wiedergesehen - ebenso seine Tante und die Großeltern. Sein Vater und sein Onkel wurden vergast. Max Eisen wurde nach einem überstandenen Todesmarsch im Mai 1945 befreit.

"Die Welt muss wissen, was passiert ist"

In Lüneburg ist der frühere SS-Mann Oskar Gröning angeklagt, ihm wird Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen vorgeworfen. Er hatte zuvor erklärt, ihm sei klar gewesen, dass wohl kaum ein Jude lebend aus dem Konzentrationslager herauskommen würde. "Ich konnte mir das nicht vorstellen." Bei den Schilderungen Eisens zeigte Gröning keine große Regung.

Zu Prozessbeginn hatte sich Gröning zu seiner moralischen Mitschuld bekannt. Der 93-Jährige gestand, im KZ geholfen zu haben, Geld der Häftlinge einzusammeln und an die SS weiterzuleiten. Die Anklage wirft ihm vor, dem NS-Regime so wirtschaftliche Vorteile verschafft und das systematische Töten unterstützt zu haben.

Ein weiterer Auschwitz-Überlebender, William Glied, sagte am Donnerstag, für ihn sei es nicht wichtig, ob Gröning ins Gefängnis komme. Die Welt müsse aber wissen, was passiert sei, denn noch immer gebe es viele Holocaust-Leugner.

An der Rampe im Konzentrationslager seien er und sein Vater nach rechts geschickt worden, sagte Glied. Rechts - das hieß Leben. Seine Mutter und seine Schwester mussten nach links. Glied sah sie nie wieder. "Ich habe mich nie verabschieden können. Sie sind einfach aus meinem Leben verschwunden."

Die Nebenklage konzentrierte sich am Donnerstag auf die Frage, ob Gröning tatsächlich nur der "Buchhalter von Auschwitz" war, wie er später genannt wurde. Oder ob er häufiger auch bei der Selektion eintreffender Juden dabei war. Dann könne ihm auch eine Mittäterschaft an den Morden angelastet werden, argumentierte die Nebenklage. Gröning hatte ausgesagt, an der Rampe in Auschwitz-Birkenau in der fraglichen Zeit nur dreimal im Einsatz gewesen zu sein.

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aar/dpa

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