Internationale Banden Das Milliardengeschäft der Ladendiebe

Der Staat zeigt sich machtlos, die Händler sind frustriert: Millionen Ladendiebstähle pro Jahr verursachen in Deutschland einen enormen Schaden. Offenbar schlagen immer häufiger gut organisierte Banden zu.

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Er hatte sie oft erwischt, der Polizei übergeben - und am nächsten Tag waren sie wieder da. Irgendwann rief der Leiter eines Supermarkts im Berliner S-Bahnhof Lichtenberg nicht mehr die Staatsmacht herbei, er nahm das Recht selbst in die Hand, zumindest glaubte er das.

"Ich hatte das Gefühl, mit der Polizei, das bringt nichts", sagte André S. vor Gericht, nachdem er einen obdachlosen Ladendieb so verprügelt hatte, dass der an den Folgen starb. S. wurde zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt.

"Strafen", sagte der Richter, "das machen wir."

Doch wenn es um Ladendiebstähle geht, ist das mit dem Strafen so eine Sache. Wie aus einer Statistik des Bundesjustizministeriums hervorgeht, verurteilten Gerichte in Deutschland im Jahr 2016 rund 126.000 Täter wegen Diebstahls und 10.500 wegen schweren Diebstahls. Dem standen allerdings laut Kriminalstatistik etwa 378.000 angezeigte Ladendiebstähle gegenüber. 2017 waren es 353.000 angezeigte Taten.

Und das ist nur ein Bruchteil des Ausmaßes, in dem wirklich gestohlen wurde: Das Dunkelfeld ist gewaltig, es liegt bei etwa 98 Prozent. Von kaum einer Straftat erfährt die Polizei so selten wie von Ladendiebstählen.

Eine Studie des Handelsforschungsinstituts EHI kommt zu dem Ergebnis, dass es 2016 in Wahrheit etwa 26 Millionen Ladendiebstähle in Deutschland gab. Und statt der rund 40 Millionen, die die Polizei an Schäden errechnet, veranschlagt das EHI einen von Ladendieben verursachten Schaden von 2,26 Milliarden Euro.

"Profis am Werk"

Tatsächlich erfährt die Polizei nur in den seltensten Fällen von Ladendiebstählen. Denn Händler alarmieren die Ordnungshüter nur dann, wenn sie den Täter ertappen, überführen und festhalten konnten. Das berichten nicht nur Polizisten und Verkäufer, auch die Kriminalstatistik gibt einen eindeutigen Hinweis darauf: So liegt die Aufklärungsquote für Ladendiebstähle darin konstant bei etwa 90 Prozent. Der beeindruckende Wert deutet stark darauf hin, dass Beamte nur in den Fällen anrücken, in denen sie den Täter gleich mitnehmen können.

Doch wer sind die Diebe? Handel und Polizei beobachten gleichermaßen, dass Ladendiebstähle immer häufiger von gut organisierten Banden begangen werden. "Da sind inzwischen sehr oft Profis am Werk", sagt Erich Rettinghaus von der Deutschen Polizei-Gewerkschaft. "Die Vorstellung, dass Ladendiebstähle alleine auf das Konto von Jugendlichen und Drogensüchtigen gehen, ist leider naiv."

Laut Kriminalstatistik sind 49 Prozent der mutmaßlichen Ladendiebe Wiederholungstäter, bei schwerem Ladendiebstahl sind es sogar rund 76 Prozent. Nur sechs Prozent der mutmaßlichen Ladendiebe bringt die Polizei mit Drogen in Verbindung. "Wir haben es vielfach nicht mit Gelegenheitstätern zu tun", so Rettinghaus.

Im Video: Kriminalstatistik 2018 - wie sicher ist Deutschland?

Sehr oft reisen die professionell agierenden Täter aus dem Ausland an. So ist der Anteil Nicht-Deutscher, die des schweren Ladendiebstahls verdächtigt werden, seit 2007 rasant gestiegen, von 40 auf inzwischen knapp 70 Prozent. Die Profis kommen nach Erkenntnissen der Ermittler verstärkt aus Osteuropa, Nordafrika und Georgien.

In einem vertraulichen Bericht hat das Bundeskriminalamt (BKA) vor einiger Zeit die Methoden georgischer Ladendiebe und Einbrecher analysiert. Die Kriminalisten kommen dabei zu dem Ergebnis, dass die von Georgiern in Deutschland begangenen Delikte "professionell geplant und arbeitsteilig" ausgeführt werden. Täter werden demnach gezielt angeworben und kommen als Flüchtlinge nach Deutschland. So steigt die Zahl der georgischen Asylbewerber seit Jahren, obwohl kaum einer von ihnen anerkannt wird. Die Schutzquote ist verschwindend gering. Die Schleusungen kosteten jeweils etwa 5000 Euro, die "abgearbeitet" werden müssten, so das BKA.

"Deutschland bietet organisierten Einbrecher- und Diebesbanden geradezu optimale Möglichkeiten zur Begehung von Straftaten, wobei der Strafverfolgungsdruck in Deutschland als eher gering einzustufen ist", schreibt das BKA in seiner internen Analyse. Eines der größten Probleme für die Polizei ist demnach, die einzelnen Diebstähle als Teil "eines gut organisierten und bandenmäßig strukturierten Netzwerks zu erkennen", so das BKA. Viel zu oft würden Ladendiebstähle als "Massen- oder Bagatellkriminalität" betrachtet.

Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamts Rheinland-Pfalz wird bereits in Georgien festgelegt, wer in Deutschland wo Asyl beantragen muss, um dann dort "arbeiten" zu können. Mehrere Bundesländer hätten festgestellt, dass sich "im räumlichem Umfeld" von Asylbewerberunterkünften, die mit Georgiern belegt worden seien, "verstärkt Kriminalitätsschwerpunkte bildeten". Es bestehe vermutlich ein Kausalzusammenhang, heißt es in der Analyse.

Einer sichert, einer beobachtet, einer greift zu

Erfahrene Ermittler beschreiben das Vorgehen professioneller Ladendiebe als arbeitsteilig. Häufig sichert einer die Fluchtmöglichkeiten, beobachtet das Personal oder lenkt es ab. Ein anderer legt einen sogenannten Bunker an, in dem die Beute gesammelt wird. Das kann ein Rucksack sein, der zunächst versteckt wird und den sich schließlich ein dritter Täter nimmt. Er geht dann mit dem Diebesgut aus dem Geschäft. "Manchmal siegt auch pure Dreistigkeit", sagt ein Kriminalbeamter. Es habe schon Fälle gegeben, in denen die Täter "vollgepackte Einkaufswagen" einfach aus dem Laden geschoben hätten. "Und niemand hat sie gehindert." Häufig sei das Personal mit der Situation überfordert oder habe Angst, so der Polizist.

Diebesgut in Hagen (Archiv)
Polizei Hagen

Diebesgut in Hagen (Archiv)

Die georgischen Ladendiebe stehlen laut BKA vorwiegend Kleidung, Kosmetika und Drogerieartikel, Alkohol und Zigaretten. In einem großangelegten Ermittlungsverfahren hat die Staatsanwaltschaft Kempten vor Jahren errechnet, dass jeder georgische Ladendieb pro Tag 500 Euro erwirtschaftet. Es sind allerdings auch Fälle bekannt geworden, in denen einzelne Täter an einem Tag Waren im Wert von 2000 Euro gestohlen haben. Die Gesamtschadenssumme, die alleine georgische Strukturen verursachen, liegt laut BKA bei Hunderten Millionen Euro jährlich.

Die Beute wird schließlich auf verschiedenen Wegen außer Landes gebracht. Teilweise fungieren in Deutschland lebende Landsleute, die Im- und Exportfirmen betreiben, als Logistiker. Sie setzen Frachtcontainer ein. Die Beute wird auch mit Autos oder per Post außer Landes geschafft. Die Mobilität der Banden ist - auch was ihren Aktionsradius angehe - nach Erkenntnissen der Ermittler groß. Und sie sind flexibel in dem, was sie tun: "Wenn wir mehr Streifen in Wohngebiete schicken, steigt sehr bald die Zahl der Ladendiebstähle", sagt ein Beamter eines Landeskriminalamts. Teilweise sprächen die Täter in abgehörten Telefonaten darüber, ob sie "heute drinnen oder draußen arbeiten wollten", sagt er.

Als einen Hintermann machten die Behörden den in Barcelona lebenden georgischen "Dieb im Gesetz" Kakha S. aus. In München wachte sein Statthalter in Deutschland über die Geschäfte. Bei ihm liefen die Zahlungen der Banden aus Dortmund, Münster, Braunschweig, Berlin, Hamburg und Nürnberg zusammen, Mitgliedsbeiträge für die Bande und deren Schutz. "Bei Ausfallen einzelner Personen, beispielsweise aufgrund einer Inhaftierung, wurde die Funktion sofort durch ein anderes Mitglied der Organisation wahrgenommen", so das BKA.

Der Handelsverband Deutschland (HDE) fordert seit Jahren eine strengere Strafverfolgung von Ladendieben. "Die Politik muss in einem ersten Schritt den Strafrahmen für schweren Ladendiebstahl erweitern und die Spielräume der Justiz für Verfahrenseinstellungen verringern", sagt HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Auch Polizei-Gewerkschafter Rettinghaus plädiert dafür, Diebstahlsdelikte schärfer zu verfolgen: "Wir müssen hier wirklich etwas tun." Es verfestige sich sonst der Eindruck, "dass dem Staat der Wille zur Rechtsdurchsetzung fehlt", so Rettinghaus.

Diesen Eindruck hatte auch Supermarkt-Chef André S. aus Berlin. Am Ende schwang er sich selbst zum Richter auf - und landete hinter Gittern.


Zusammengefasst: In der Kriminalstatistik liegt die Aufklärungsquote für Ladendiebstähle bei etwa 90 Prozent. Doch das Dunkelfeld ist gewaltig, von kaum einer Straftat erfährt die Polizei so selten wie von Ladendiebstählen. Das Handelsforschungsinstitut EHI schätzt den Schaden auf mehr als zwei Milliarden Euro jährlich, die Ermittler machen gut organisierte internationale Banden dafür verantwortlich.

insgesamt 52 Beiträge
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Seite 1
Solid 20.05.2018
1. Online Handel
Die Lösung ist der Versandhandel. Der spart sich teure Miete für Ladengeschäfte und Personal und dort werden auch keine Kosten von Ladendiebstahl auf ehrliche Kunden umgelegt.
MT98 20.05.2018
2. Ob das nun kriminelle Banden sein sollen,
oder eben nur mehrere Personen, welche eine andere Kultur haben, sind doch nicht wichtig. Wenn ein oder mehrere Diebe ertappt werden, dann „müssten“ diese „festgehalten“ werden (meistens Frauen als Verkäuferinnen!) und die Polizei muss zur Feststellung der Personalien gerufen werden. In dieser Kette der Ereignisse gibt es sehr viele „PROBLEME“. Allerdings kommt am Ende auch nicht wirklich etwas heraus. Also, jetzt nicht so tun, als wäre dieses Problem schon sehr lange vorhanden und es könnte nicht verändert werden. Es kann verändert werden, aber da müssten besonders von der Politik Fehler eingestanden werden. Diese Fehlerzugabe wird niemals geschehen. Die Verluste durch die Mitnahme von Waren, ohne zu bezahlen, werden noch schlimmer werden. Der Fokus liegt allerdings nicht ausschließlich bei den hochwertigen Gütern, sondern besonders in den einfachen Lebensmittelmärkten. Wer etwas Einblick hat, weiß wovon ich schreibe (Achtung: „ich habe es auch nur aus nichtbestätigten Quellen gehört“ – man muss heute sehr vorsichtig ein, denn nicht der Dieb ist der eigentliche böse).
panzerknacker 51 20.05.2018
3. Schaden?
So ein Unsinn. Die Diebstahl-Rate ist doch in der Preisgestaltung mit berücksichtigt. Das bezahlt der ehrliche Kunde. Also ist der "Schaden" auf den Einzelnen bezogen marginal, ärgerlich allerdings allemal.
vga2003 20.05.2018
4. Wo ist das Problem- Herr Diehl?
Ich zitiere Ihren Kollegen Herrn Jakob Augstein aus dem reichhaltigen Fundus seiner Kolumnen: Ein Recht, das nicht durchsetzbar ist, verliert seine Legitimität. Und der Rechtsstaat, der auf einem nicht durchsetzbaren Recht beharrt, schwächt sich selbst. PECH FÜR DAS RECHT.
dennis3110 20.05.2018
5. Schaden
Sekundär entsteht kein Schaden, dieser wird über die Preise wieder wett gemacht. Insofern bleibt festzuhalten, dass wir alle für diesen immensen schaden aufkommen.
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