Richterin im Prozess gegen US-Teamarzt "Ich danke Ihnen, Sie sind meine Heldin"

175 Jahre Haft wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs: Der Prozess gegen den Ex-Arzt Larry Nassar erregte nicht nur wegen seiner Dimension Aufsehen. Sondern auch wegen Rosemarie Aquilina, der Richterin.

Rosemarie Aquilina in Ingham County Circuit Court in Lansing, Michigan
AFP

Rosemarie Aquilina in Ingham County Circuit Court in Lansing, Michigan


Sie nahm sich Zeit, um mehr als 150 Frauen mit Missbrauchserfahrungen im Gerichtssaal zu Wort kommen zu lassen. Sie hörte geduldig zu, lobte ihren Mut und machte ihnen klar, sie seien nun "keine Opfer mehr, sondern Überlebende": Richterin Rosemarie Aquilina hat viel Zustimmung für die Art erfahren, wie sie den Prozess gegen den früheren US-Teamarzt Larry Nassar geführt hat.

Der Arzt hatte jahrzehntelang junge, teils minderjährige Turnerinnen und andere Sportlerinnen unter dem Deckmantel der ärztlichen Behandlung missbraucht. In zehn Fällen bekannte er sich in dem Prozess in Lansing im US-Bundesstaat Michigan schuldig. Er sitzt bereits im Gefängnis, weil er wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden war. Aquilina verurteilte ihn wegen massenhaften sexuellen Missbrauchs nun zu einer Freiheitsstrafe von bis zu 175 Jahren.

In ihrer Urteilsverkündung fand sie drastische Worte: "Ich würde nicht einmal meine Hunde zu Ihnen schicken", sagte die 59-jährige Richterin. "Sie verdienen es nicht, jemals wieder das Gefängnis zu verlassen. Ich habe gerade Ihr Todesurteil unterschrieben."

Im Video: "Ich habe gerade Ihr Todesurteil unterschrieben"

Schon während des Verfahrens hatte Aquilina dem Angeklagten unmissverständlich deutlich gemacht, das er die Konsequenzen seines Handeln tragen müsse - und sei es zunächst einmal nur, indem er sich die leidvollen Geschichten der betroffenen Frauen persönlich anhöre und dies aushalte.

Als Nassar der Richterin etwa einen Brief schrieb, in dem er darum bat, bei den Aussagen der Zeuginnen nicht mit im Gerichtssaal sitzen zu müssen, weil das emotionalen Stress bei ihm verursache, herrschte ihn die 59-Jährige einem BBC-Bericht zufolge an: "Vier oder fünf Tage lang hier zu sitzen und den Frauen zuzuhören, ist mit Sicherheit ein sehr kleines Übel, wenn man bedenkt, welche Freude Sie auf ihre Kosten hatten und wie Sie ihr Leben ruiniert haben."

"Sie sind meine Heldin"

Zu Nassars Opfern gehören mehrere Olympiasiegerinnen, darunter Simone Biles. "Ich bin eine von vielen Überlebenden, die von Larry Nassar sexuell missbraucht worden sind", teilte die 20-Jährige Anfang Januar via Twitter mit. Nasser habe auch sie einer sogenannten Spezialbehandlung unterzogen. Dieses Verhalten sei absolut inakzeptabel und abstoßend gewesen, von jemandem, dem sie habe vertrauen sollen, schrieb Biles, offensichtlich ermutigt durch die #MeToo-Debatte und das laufende Gerichtsverfahren unter der Leitung Aquilinas.

Nach dem Urteil richtete Biles ihren ausdrücklichen Dank an die Richterin: "Sie sind meine Heldin!" Biles würdigte zudem all die Frauen, die im Gericht so mutig von ihren Erlebnissen berichtet hatten, "während sie das Monster ansahen. Er hat nicht länger die Macht, euch eure Freude und Fröhlichkeit zu stehlen."

Mehr als 150 Athletinnen hatten im Gerichtssaal teilweise unter Tränen erklärt, dass sich der Mediziner an ihnen vergangen habe - eine ungewöhnliche hohe Anzahl an Zeuginnen. Viele Opfer und ihre Eltern bedankten sich laut BBC nach dem Prozess bei Aquilina ausdrücklich dafür, dass sie den Frauen diese Plattform gegeben und ihnen ermöglicht habe, vor dem Täter zu sprechen.

"Der gefährlichste Typus"

"Er war ein Monster, das mich mit mehr Schmerzen und Narben zurückließ", sagte die Turnerin Jade Capua laut einem Bericht der "New York Times". Rachael Denhollander sagte: "Larry ist der gefährlichste Typus eines Missbrauchstäters. Einer, der seine Opfer mit kühl kalkulierten Methoden zu manipulieren vermag."

Viele Menschen hätten ihr nicht geglaubt, als sie von dem Missbrauch erzählt habe, beklagte Jamie Dantzscher, die bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney Bronze gewonnen hatte. "Leute nannten mich Lügnerin und Hure und beschuldigten mich, ich wolle mich nur wichtigmachen, um Aufmerksamkeit zu bekommen." Die Schwimmerin Marie Anderson verwies auch auf das Leid ihrer Familie: "Meine Eltern werden jetzt für immer mit der Tatsache leben müssen, dass sie mich zu einem sexuellen Raubtier brachten."

Die ehemalige Turnerin Rachael Denhollander, die als eine der ersten ihr Schweigen gebrochen hatte, kritisierte bei ihrem Auftritt vor Gericht auch die Gesellschaft: "Das kommt davon, wenn Verantwortliche nicht angemessen auf Enthüllungen sexuellen Missbrauchs reagieren. Das kommt davon, wenn Institutionen eine Kultur schaffen, in der Missbrauch ohne Einschränkung gedeihen kann."

Denhollander spielte darauf an, dass es viele Jahre dauerte, bis die Anschuldigungen gegen Nassar Gehör fanden. Aquilinia dankte Denhollander ausdrücklich für ihren Mut: "Sie sind einer der tapfersten Menschen, den ich jemals in meinem Gerichtssaal gesehen habe. Mit Ihnen begann alles."

Die Richterin sei bei den Aussagen der Frauen oft eher "wie eine Therapeutin denn als Richterin" aufgetreten, lobte nun die BBC. Sie sei den Opfern mit viel Empathie entgegentreten. "Sie sind stark und mutig", sagte sie etwa und appellierte an die Frauen: "Lassen Sie Ihren Schmerz hier zurück. Gehen Sie raus in die Welt, vollbringen Sie Großes."

"Wie eine gute Hexe"

Olympiasiegerin Aly Raisman ermutigte die Richterin laut "Guardian" mit den Worten: "Alles, was Sie und andere Überlebende gesagt haben, ist gehört worden. Sie waren niemals das Problem, sondern Teil der Lösung." Aquilina arbeite "bei Gott hart daran, das, was falsch läuft, wieder zu korrigieren."

Aquilina hat fünf Kinder, sie arbeitete nach dem Studium zunächst für den damaligen Senator von Michigan und als Juristin in der Nationalgarde. 2008 wurde sie Bezirksrichterin. Nach Angaben der BBC beschreibt sie sich selbst als "Kämpferin" und als Mensch, der "kein Nein" akzeptiere. In ihrer Freizeit schreibt sie Bücher, vor allem Krimis.

Ihr selbst ist die Aufmerksamkeit um ihre Person nach dem Verfahren offenbar nicht so recht. "Es geht hier nicht um mich", betonte sie.

fok/dpa

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