Panorama

Waffenrecht in den USA

Die verlogene Debatte

Das Massaker von Las Vegas hat in den USA eine neue Diskussion über die Waffengesetze ausgelöst. Doch sie wird zu nichts führen. Denn um das Thema sinnvoll anzupacken, müssten die Amerikaner unbequeme Einsichten akzeptieren.

Ein Kommentar von , New York

AP

Mitarbeiter des Weißen Hauses bei einer Schweigeminute für die Opfer von Las Vegas

Dienstag, 03.10.2017   07:29 Uhr

Selbst Sarah Huckabee Sanders, die US-Regierungssprecherin, rang um Fassung. Als sie einige Opfer des Massakers von Las Vegas beim Namen nannte, traten ihr Tränen in die Augen. Doch ihr Mitgefühl endete bei der Frage nach den Konsequenzen. "Es gibt eine Zeit und einen Ort für eine politische Debatte", sagte sie. Diese Zeit sei aber nicht jetzt - sondern, nun ja, ein andermal.

Doch wann bitte? Wenn die Toten begraben sind? Bei der nächsten Massenschießerei? Wenn man den Horror, der sich in Las Vegas ereignete, längst wieder vergessen hat? Was motiviert einen zum gemeinsamen Handeln, wenn nicht der Tod von Dutzenden Mitmenschen?

Die traurige Antwort: Diese Zeit wird in den USA wohl nie kommen. 20 Kinder und sieben Lehrerinnen starben 2012 in der Sandy Hook Elementary School in Connecticut. Nichts tat sich. 49 Discogänger, viele Schwule und Lesben, starben voriges Jahr im Latino-Nachtklub "Pulse" in Orlando. Nichts tat sich. Sechs Menschen wurden im Juni bei einem Baseballtraining von Kongressabgeordneten verletzt, darunter der Republikaner Steve Scalise. Nichts tat sich.

Nichts wird sich tun, solange die Amerikaner nicht erkennen, wie verlogen die Debatte ist.

Video von Trump zu Las Vegas: "Ein Akt des absolut Bösen"

"Die Antworten sind nicht einfach", sagt US-Präsident Donald Trump. Dabei liegen sie auf der Hand. 313.000 Schusswaffentote in zehn Jahren. Mehr als 1500 Massenschießereien seit Sandy Hook. Die lockersten Waffengesetze der westlichen Welt. Kein anderes Land hat solche Statistiken. Kein anderes Land hätte es so einfach, etwas zu ändern.

Stattdessen ergibt man sich immer wieder nur Ritualen, auf beiden Seiten. Flaggen auf Halbmast, Mahnwachen, Schweigeminuten, verdunkelte Wolkenkratzer, die Lebensgeschichten der Opfer und die Heldentaten der Retter. Die US-Medien fangen damit auch jetzt schon wieder an.

Es sind Momente, die das Land kurz im Schmerz einen. Doch die Einheit endet bei der Waffe. Und über die lässt sich nicht diskutieren, ohne dass die Diskussion sofort auf Reflexe reduziert wird, die jeden Sinn ersticken: Pro gegen Contra, Republikaner gegen Demokrat, Waffenfreund gegen Waffenfeind. Die, die davon politisch profitieren, heizen das nur an: Hillary Clinton, log Trump im Wahlkampf, wolle allen Amerikanern alle Schusswaffen abnehmen. "Sperrt sie ein!", skandierten seine Anhänger.

Dabei ist das Thema so viel komplexer. Doch um das sinnvoll anzupacken, müssten die Amerikaner unbequeme Einsichten akzeptieren.

Unter den nächsten Besuchern werden sicher auch etliche Waffenfans sein. Schon am kommenden Wochenende findet zum Beispiel die Western Trails Gun and Knife Show im Casino Eastside Cannery statt: zwei Tage lang Tausende Gewehre, Pistolen, Messer und andere Waffen. Eintritt: zwölf Dollar pro Person.

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