Mein Leben als Schöffe Aufstehen, Polizei!

Was passiert, wenn Schöffen einen Termin vor Gericht verschlafen? Ich habe es erlebt: Die Polizei kommt - und es kann sehr teuer werden.

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Zur Person
  • Peter Maxwill studierte gerade in Rom, als ihn das Landgericht Hamburg bis 2018 als Schöffen verpflichtete. Seit seiner Berufung sitzt er regelmäßig auf der Richterbank - zunächst als Student und freiberuflicher Journalist, später als Volontär und Redakteur bei SPIEGEL ONLINE. In einer Serie berichtet er von seinen Erlebnissen als Laienrichter im Namen des Volkes.

    E-Mail: Peter_Maxwill@spiegel.de

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Als sie kamen, hatte ich kaum sechs Stunden geschlafen. Gegen halb 9 in der Früh klingelte jemand Sturm, dann donnerte es an der Wohnungstür. Ich schälte mich aus dem Bett, öffnete genervt die Tür - und stand drei Polizisten gegenüber. "Guten Morgen, wir müssen Sie mitnehmen", sagte einer von ihnen, hielt mir einen Brief vom Hamburger Landgericht unter die Nase und fügte an: "Sie sind doch Schöffe, oder?" Ja, das war und bin ich. Und selten hatte es mich mehr geärgert, kurz vor dem Ende meines Studiums dazu zwangsverpflichtet worden zu sein.

Drei Minuten hatte ich Zeit, dann raste ich bereits im Streifenwagen durch die Hamburger Innenstadt, vor dem Gerichtsgebäude entließen mich die Beamten. Um 9 Uhr saß ich schließlich auf der Richterbank - neben einer sichtlich genervten Berufsrichterin, mit 60 Minuten Verspätung. Und mit einer gehörigen Portion Glück: Schöffen, die unentschuldigt zu spät vor Gericht erscheinen, droht ein Bußgeld von maximal 1000 Euro. Ich musste zwar nicht bezahlen, wusste aber fortan: Das Leben als ehrenamtlicher Richter kann teuer sein.

Denn wie das mit staatlich angeordneten Verpflichtungen eben ist, gibt es kein Pardon - auch nicht, wenn der Verhandlungstermin morgens um 8 Uhr angesetzt ist und der Schöffe in seinem eigentlichen Beruf als Journalist am Vorabend bis 1 Uhr arbeiten musste. So verschlief ich an jenem Morgen, an dem mich zu allem Überfluss auch mein Wecker im Stich ließ.

Warum daraufhin die Polizei anrückte? Wegen eines strengen Gesetzes.

"Niemand darf seinem gesetzlichen Richter entzogen werden", schreibt das Grundgesetz in Artikel 101 vor. Und damit sind keinesfalls nur die Berufsjuristen in ihren schwarzen Roben gemeint - sondern eben auch Laienrichter wie ich, Schöffen in Kapuzenpullovern und Jeans. Als ich daher an jenem Dienstagmorgen um 8 Uhr noch schlief, während sich Saal 162 im Landgericht Hamburg füllte, warteten die Berufsrichterin und eine Schöffin nervös auf den dritten gesetzlichen Richter. Auf mich.

Nach zehn Minuten schrieb mir die Richterin eine E-Mail, doch mein Computer war aus. Nach 20 Minuten rief sie auf meinem Handy an, doch auch das war nicht eingeschaltet. Nach 30 Minuten schickte sie schließlich die Polizei vorbei. Ein Gutes hatte diese gerichtlich angeordnete Abholung immerhin: Ich war nie zuvor in einem Polizeiwagen durch Hamburg gerast. Einen neuen Wecker habe ich mir trotzdem gekauft.

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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
chalchiuhtlicue 05.03.2015
1.
Was bin ich froh, diesem Unsinn ausweichen zu können, da ich zu einer Berufsgruppe gehöre, die nicht herangezogen werden kann. :D
demokratie-troll 05.03.2015
2. Hm
Und leben Berufsrichter auch so gefährlich? Oder verschieben die einfach den Termin, wenn sie verschlafen?
dr.senf 05.03.2015
3.
Dass er sich über die "Zwangsverpflichtung" ärgert, kann ich verstehen. Trotzdem sollte er dieses Amt ernst nehmen, da er schließlich über das Schicksal von Menschen mitentscheidet. Dazu gehört m.E. auch, nicht in Kapuzenpullover und Jeans auf der Richterbank zu sitzen...
AndreHa 05.03.2015
4.
Naja - Schöffe geht ja noch (meine Frau hatte mal die Ehre), aber "schlimmer" ist Wahlhelfer. Das durfte ich jahrelang ausüben. War ziemlich lästig.
Mans Heiser 05.03.2015
5.
Kriegen Schöffen nun eigentlich auch 8.50€?
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