Lebenslang hinter Gittern Letzte Chance für die Knastkinder

Die USA sind weltweit das einzige Land, das sogar 13-Jährige zu lebenslangen Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt. Doch jetzt bekommen diese Knastkinder eine letzte Chance: Das Oberste US-Gericht will das scharf kritisierte Vorgehen auf Verfassungswidrigkeit prüfen.

Von , New York


New York - Es ist seine letzte Hoffnung auf Freiheit. Eine Freiheit, die er als 13-Jähriger verlor. 1989 war das, als Joe Sullivan, ein geistig behinderter, schwarzer Teenager aus Pensacola in Florida, mit zwei älteren Freunden in ein Haus einbrach. Kurz darauf wurden alle drei verhaftet - nicht nur wegen Einbruchs, sondern wegen Vergewaltigung der Hausbesitzerin, einer 72-jährigen Greisin.

Häftling Sullivan: Verurteilt zum "Tod hinter Gittern"
Glenn Paul

Häftling Sullivan: Verurteilt zum "Tod hinter Gittern"

Sullivan wurde zu lebenslanger Haft ohne Bewährung verurteilt - ein drakonisches Urteil, das nur in den USA möglich ist. Seitdem sitzt Sullivan hinter Gittern. Inzwischen 33 Jahre alt, leidet er an Multipler Sklerose und ist an einen Rollstuhl gefesselt. Den Einbruch gab er zu, die Vergewaltigung bestreitet er bis heute.

Bisher hatte Sullivan keine Hoffnung, je wieder freizukommen, trotz massiver Proteste von Bürgerrechtsgruppen und Juristen. Doch jetzt bekommt er eine allerletzte Chance - und mit ihm Hunderte, die als Teenager das gleiche Schicksal erlitten. Der Oberste US-Gerichtshof hat die Verfassungsbeschwerde von Sullivans Anwaltsteam diese Woche zugelassen und will seine Verurteilung und die eines weiteren Teenagers jetzt als Präzedenzfälle überprüfen.

In US-Gefängnissen sitzen derzeit rund 2300 "Lifers", zu lebenslänglich ohne Bewährung Verurteilte, die zur Tatzeit noch Jugendliche waren. Acht davon waren gerade mal 13 - das gibt es in keinem anderen Land auf der Welt. Sullivan ist einer von nur zwei Fällen, bei denen es nicht um ein Tötungsdelikt ging - eben jene zwei Fälle, derer sich nun der Supreme Court annimmt. Beide Urteile fielen in Florida, beide Verurteilte sind Schwarze.

Die Streitfrage ist aber eine rein juristische: In welchem Maß dürfen Strafen für Erwachsene auch auf Minderjährige angewandt werden? Der Gerichtshof hatte 2005 im Rahmen einer ähnlichen Beschwerde die Todesstrafe für Straftäter abgeschafft, die jünger als 18 Jahre sind. Jetzt erwägt er, wie er am Montag bekanntgab, einen solchen Schritt auch für lebenslängliche Urteile. Die Richter zeigten dabei allerdings, wie üblich, keinerlei Neigung, sondern teilten lediglich mit, dass sie die Fälle auf ihren Kalender für die kommende Verhandlungsperiode gesetzt hätten.

"Rationalere und angemessenere Strafgesetzgebung"

Immerhin: Dass die Mehrheit des Gerichts diese Frage überhaupt für debattierbar hält und nicht ablehnte, lässt die Anwälte hoffen. "Wir sind begeistert", sagte Sullivans Verteidiger Bryan Stevenson SPIEGEL ONLINE. Der Supreme Court müsse nun entscheiden, ob "Kinder zum Tod hinter Gittern verurteilt" werden dürften. "Ich hoffe, dass das Gericht nach der Prüfung von Joes Fall einen Schritt nach vorne geht, auf eine rationalere und angemessenere Strafgesetzgebung zu."

Sullivans Juristengruppe Equal Justice Initiative (EJI) betreut derzeit 73 Häftlinge, deren Schicksale sie in erschütternden Details dokumentiert hat. Alle waren 13, höchstens 14, als sie straffällig wurden, und viele von ihnen sind seither im Gefängnis alt geworden.

Neben Sullivans Strafe will der Gerichtshof den Fall von Terrance Graham prüfen. Graham war wegen eines Einbruchs 2004 zu lebenslanger Haft verurteilt worden - mit 17 Jahren.

Die beiden Fälle sollen nun im Oktober mündlich vor dem Supreme Court verhandelt werden. Der Ausgang ist zwar offen, aber die Argumente des Gerichts bei der Debatte um die Todesstrafe für Minderjährige deuten in eine klare Richtung. Teenager seien unreif, unverantwortlich und leicht anfällig für Gruppenzwang, schrieb Richter Anthony Kennedy im Namen der Gerichtsmehrheit. "Selbst eine Freveltat eines Jugendlichen", resümierte Kennedy, sei kein "Nachweis für einen rettungslos verdorbenen Charakter".

"Ihm ist nicht mehr zu helfen"

Joe Sullivan im Gefängnis: "Sie haben nirgends Rückhalt"
Glenn Paul

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Genau diesen Vorwurf jedoch - einmal verdorben, immer verdorben - hatte der Bezirksrichter Nicholas Geeker angeführt, als er Joe Sulivan 1989 nach nur eintägigem Prozess verurteilte. "Ich werde ihn so lange wie möglich hinter Gittern schicken", sagte er damals. "Ihm ist nicht mehr zu helfen."

Das Opfer hatte ihren Vergewaltiger vor Gericht als "farbigen Jungen" mit "krausem Haar" beschrieben. Mehr könne sie nicht sagen, da er ihr Wäsche über den Kopf geworfen habe: "Ich habe ihn nicht richtig gesehen", sagte sie dem Gerichtsprotokoll zufolge, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Der Staatsanwalt bat sie, Sullivans Stimme zu identifizieren. Auch da war sie sich nicht sicher.

Sullivans damaliger Verteidiger verzichtete meist auf Kreuzverhöre und hinterher auch auf eine Berufung und verlor später seine Zulassung. Potentiell entlastendes DNA-Beweismaterial - während des Verfahrens nie präsentiert - wurde 1993 von der Justiz vernichtet, weshalb dieser Ausweg für immer versperrt bleibt: Der Schuldspruch ist nicht rückgängig zu machen.

"Joe wurde mit 13 Jahren zum Tode verurteilt", sagt Stevenson. "Zum Tod hinter Gittern." In der Verfassungsbeschwerde argumentiert der Anwalt, lebenslange Strafen für Teenager verstießen gegen den achten Verfassungszusatz, der "grausame und außergewöhnliche Strafen" verbietet. "Solche Urteile verstoßen gegen die Menschenrechte", sagt Stevenson. "Kinder sind doch biologisch, psychologisch und emotionell gar nicht in der Lage, die Tragweite ihrer Straftaten voll zu erfassen."

Somalia und die USA

Auch führte Stevenson internationales Recht an, etwa die Uno-Kinderrechtskonvention von 1990, die besagt: "Für Straftaten, die von Personen vor Vollendung des 18. Lebensjahres begangen wurden, darf weder die Todesstrafe noch lebenslange Freiheitsstrafe ohne die Möglichkeit vorzeitiger Entlassung verhängt werden." Nur zwei Staaten auf der Welt haben das nicht unterzeichnet - Somalia und die USA.

Marian Wright Edelman, die Präsidentin des US-Kinderschutzbundes Children's Defense Fund, hat die Urteile "ein himmelschreiendes Unrecht" kritisiert und gefordert, all diesen Häftlingen sofort wenigstens den Bewährungsweg zugänglich zu machen.

Sullivans Schicksal steht für eine ganze, bisher vergessene Gruppe an Jugendlichen, die in den USA für den Rest ihres Lebens im Gefängnis verschwinden, ohne dass ihre Strafen je noch mal geprüft werden. Die Betroffenen haben nach Recherchen des EJC vieles gemeinsam. Zwei Drittel seien Schwarze, sagt Stevenson "viele andere Latinos." Sie kämen aus armen Vierteln und zerrütteten Familien, geprägt von Gewalt, körperlichem, sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung. "Sie haben nirgends Rückhalt. Viele Eltern sitzen selbst in Haft."



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