Legendärer Mordermittler Wilfling "Einer muss es ja machen"

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2. Teil: "Eine Frau tötet, um jemanden loszuwerden"


SPIEGEL ONLINE: Frauen gelten ohnehin als die raffinierteren Mörder, oder?

Wilfling: Raffiniert in dem Sinn, dass sie viel häufiger instrumentalisieren - zum Beispiel einen hörigen Geliebten. Eine Frau tötet, um jemanden loszuwerden. Sie befreit sich, will einen Neuanfang. Der Mann löscht die komplette Familie aus oder tötet seine Frau, wenn diese sich trennen will - kein anderer soll sie dann haben dürfen. Beide töten auf dieselbe Art und Weise: Dass Frauen eher zum Gift greifen als zum Messer, ist ein Klischee.

SPIEGEL ONLINE: In einem Kapitel geht es nur um sexuelle Perversitäten wie Exhibitionismus, Fetischismus und Sadismus ...

Wilfling: ... das ist mein Lieblingskapitel, auch wenn es sehr heftig ist! Mörder haben meist ein abgründiges Vorleben, in dem sie ihre Perversitäten ausgelebt haben. Es gibt Männer, die Frauen beim Sex auf übelste Art foltern, und irgendwann den besonderen Kick suchen, den sie beim Töten finden.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr hat Sie das Leid der Angehörigen berührt?

Wilfling: Das ist das Belastendste am Beruf des Mordermittlers. Man steht bei ihnen in der Bringschuld, erst daraus ergibt sich die Motivation, den Fall aufzuklären. Die Hinterbliebenen tun einem am meisten leid - oft auch die der Täter. In den meisten Fällen bleibt man bis über den Prozess hinaus mit den Angehörigen in enger Verbindung. Der Ermittler ist immer auch eine Art Sozialarbeiter.

SPIEGEL ONLINE: Kann man auch einen Mörder mögen?

Wilfling: "Mögen" ist zu hoch gegriffen, aber sympathisch finden durchaus. Horst Davids zum Beispiel war ein höflicher, freundlicher Mensch. Unter anderen Umständen wäre er ein netter Nachbar gewesen, oder einer, mit dem ich mich an den Stammtisch gesetzt hätte.

SPIEGEL ONLINE: Er gehörte zu den Mördern, die Sie überführten und die Sie gleichzeitig schätzten. War das Teil Ihrer Taktik?

Wilfling: Ein Ermittler muss im Verhör alle Emotionen ausschalten können. Ihn hat nur die Wahrheit zu interessieren. Wenn es Mord war, war es Mord. Wenn es Totschlag war, war es Totschlag. Sympathie oder Antipathie darf keine Rolle spielen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel kriminelle Energie braucht ein Mordermittler?

Wilfling: Man darf kein Moralapostel sein, in dem Fall wäre man bei der Heilsarmee besser aufgehoben. Als Ermittler muss man sich in einen Täter hineinfühlen können, das Anrüchige verstehen. Einen Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger kann man beim Verhör nicht gebrauchen.

SPIEGEL ONLINE: Und wie viel Sensibilität?

Wilfling: Nicht allzu viel, weil er sonst verrückt wird. Sobald ein Mordermittler einen Psychologen braucht, sollte er mit seinem Beruf aufhören. Ich kenne Kollegen, die jahrelang nicht schlafen konnten, wenn sie Bereitschaft hatten, die wurden richtig krank. Ich selbst hatte mein Leben lang nicht das Bedürfnis, einen Psychologen aufzusuchen. Ich habe die Fälle vom Verstand aufgearbeitet, wie ein Arzt, der Tag für Tag am OP-Tisch steht. Mein Motto war: Einer muss es ja machen. Wichtig ist, viel darüber zu reden und zu diskutieren - und zwar nicht mit der Ehefrau daheim, sondern sachlich mit den Kollegen.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie schon einmal selbst Mordgedanken?

Wilfling: Natürlich hatte ich schon auf jemanden eine Mordswut und habe gedacht: "Am liebsten würde ich dich jetzt umbringen!" Vor diesen Emotionen ist keiner gefeit, aber man darf den Wunsch eben nicht verwirklichen.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen in Ihrem Buch kein Geheimnis daraus, dass Sie das Strafmaß für Mord missbilligen.

Wilfling: Mit der lebenslangen Freiheitsstrafe zwingt man das Gericht dazu, unterschiedliche Sachverhalte mit einer Einheitsstrafe zu verurteilen. Ich halte für Mord eine Freiheitsstrafe zwischen zehn und 50 Jahren für geeigneter, dann kann man sich auch die Sicherungsverwahrung sparen.

SPIEGEL ONLINE: Als Mordermittler hatten Sie bislang in den Verhören ein überschaubares Publikum. Nun gehen Sie auf Lesereise. Wie fühlt sich das an?

Wilfling: Ich hatte fürchterliche Muffe davor, obwohl ich nicht auf den Mund gefallen bin. Aber meine Erfahrungen sind durchweg positiv, das Thema Mord fasziniert die Menschen, sie stellen interessante Fragen.

SPIEGEL ONLINE: Demnächst sind Sie bei Harald Schmidt eingeladen, er hat Sie als nächsten Gast angekündigt.

Wilfling: Ja, das habe ich am Ende seiner letzten Sendung auch gehört und bin fast vom Stuhl gefallen. Ich hatte diesen Termin verdrängt, wie der klassische Mörder seinen Mord.

Das Interview führte Julia Jüttner



insgesamt 7 Beiträge
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Stefan Albrecht, 26.04.2010
1. Billiger deutscher Krimi
Zitat von sysopJosef Wilfling klärte den Sedlmayr- und den Moshammer-Mord auf, schnappte Serientäter, verhörte Hunderte Kriminelle. In seinem gerade erschienenen Buch beschreibt der legendäre Münchner Ermittler seine außergewöhnlichsten Fälle - ein Interview über die Abgründe der menschlichen Natur. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,689158,00.html
Gegen die billigkeit dieses Interviews sind die billigen deutschen Krimis a la "Wanninger", "der Kommissar" und "der Alte" ja wahre Meisterwerke. Mehr Klischees paßten echt nicht mehr hinein ins Interview. Nur noch die Weisswurst mit Senf und Brezen und das halb ausgetrunkene Weissbier haben auf dem Bild gefehlt.
Grosskotz 26.04.2010
2. man soll nicht nach höheren Motiven suchen, wenn sich ein niedrigeres finden läßt
Als Beamter im Ruhestand darf man ja mit Genehmigung des Dienstherrn literarisch tätig werden und dann über die Schlechtigkeit der Menschen berichten. Die getöteten Opfer werden ausgelutscht; der Mann braucht Geld
zappuser 26.04.2010
3. Herr Wilfling ist eitel, sonst nix.
Vom Glanz der TV-Kommissare möchte er ein wenig abhaben. Ein armer Charakter.
john mcclane, 26.04.2010
4.
Hmmm, merkwürdiges Interview. Das Motiv dafür, ein Buch zu schreiben wäre interessant zu erfahren. Das er sich den ganzen Mist von der Seele schreiben muß, kann man wohl ausschließen, denn nach eigener Aussage hat er ja nie einen Psyschologen gebraucht. Was ist es dann? Geld? Oder, wenn er hehre Ziele hat, dem Normalbürger eine Einsicht in die Arbeit von Mordermittlern geben? Interessant wäre es, einen Vergleich zu ziehen mit Werken wie "Level 29" vom CSI-Erinder, die m. M. n. nur dazu dienen, auf das Unvorstellbare noch einen draufzusetzen. Könnte man mal sehen, ob Realität tatsächlich an Fiktion heranreicht. Interessant wäre auch zu erfahren, was der Kripo-Mensch von seinen lieben TV-Kollegen (Erniedrigt + Kuhn, K0815 etc.) so hält...
pablo morales 26.04.2010
5. !!!
Und wieder ein "Star-Ermittler" der seine Erlebnisse zu Papier bringen will. Es gibt mittlerweile so viele Bücher zu dem Thema, wer soll das lesen. Vor rund 15 Jahren habe ich zu dem Thema die originalen gelesen: John Doeglas, Robert Ressler.
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