Legendärer Mordermittler Wilfling "Einer muss es ja machen"

Josef Wilfling klärte den Sedlmayr- und den Moshammer-Mord auf, schnappte Serientäter, verhörte Hunderte Kriminelle. In seinem gerade erschienenen Buch beschreibt der legendäre Münchner Ermittler seine außergewöhnlichsten Fälle - ein Interview über die Abgründe der menschlichen Natur.

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SPIEGEL ONLINE: Herr Wilfling, Sie waren 42 Jahre lang Polizist, 22 davon bei der Mordkommission. Sie haben in rund hundert Todesfällen ermittelt, nahezu alle wurden geklärt. Wie bringt man einen Mörder zum Reden?

Josef Wilfling: Die rational handelnden Täter - also Berufsverbrecher und Auftragsmörder - reden nur, wenn sie mit dem Rücken an der Wand stehen und sich von einem Geständnis einen Vorteil versprechen. Die plagt kein Gewissen. Denen muss man so viel um die Ohren hauen, bis sie registrieren, dass sie keine Chance mehr haben. Die emotionalen Täter, die aus Eifersucht oder Zorn oder im Affekt töten, reden nur, wenn man ihre Seele gestreichelt und Verständnis für sie gezeigt hat. Sie erleichtern sich mit einem Geständnis.

SPIEGEL ONLINE: Welche Art von Täter lag Ihnen eher?

Wilfling: Für mich waren die intelligenten Verbrecher die größte Herausforderung, so wie ein Schachspieler eben auch eher den klugen Gegner schätzt. Die Auseinandersetzung macht viel mehr Spaß, als wenn man einer Dumpfbacke gegenübersitzt.

SPIEGEL ONLINE: Der Frauenmörder Horst David gehörte zu der von Ihnen präferierten Sorte. Sie hatten ein spezielles Verhältnis zueinander. Warum herrscht jetzt Funkstille?

Wilfling: Herr David ist nicht mehr gut auf mich zu sprechen. Er ist beleidigt, weil ich ihm unterstelle, dass er mehr als sieben Frauen getötet hat. Aber ich stehe zu dieser Aussage.

SPIEGEL ONLINE: Woran erkennt man einen Lügner oder einen Unschuldigen?

Wilfling: Gäbe es ein Patentrezept, würde ich im Zirkus auftreten. Aber mit der Erfahrung lernt man tatsächlich, Lügner oder Unschuldige leichter zu erkennen. Je länger man in diesem Job ist, desto einfacher wird das.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie je Verständnis für einen Mörder?

Wilfling: Oh ja! Es gibt Fälle, in denen man sogar Mitgefühl hat, wenn man merkt, dass der Täter selbst Opfer war. Eine junge Frau, die jahrelang von ihrem Vater missbraucht wurde mit Wissen ihrer Mutter, hatte sich aus ihrem Martyrium befreit und lebte ihr eigenes Leben. Als sie ihre Mutter wiedersah, kam es zum Streit. Die junge Frau schrie: "Du hast immer gewusst, was der Papa mit mir gemacht hat!" Da antwortete die Mutter: "Das wirst du schon gebraucht haben." Da erdrosselte die Frau ihre Mutter mit dem Gürtel eines Bademantels. Eine ganze Nacht lang schilderte sie mir im Verhör schonungslos ihr Leben und ihr Leid. Sie blickte dabei oft zur Zimmerdecke und bat ihre tote Mutter um Verzeihung, das werde ich nie vergessen.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Aufklärung eines Mordfalls von den Ermittlern gefeiert?

Wilfling: Aber natürlich! Wenn eine Sonderkommission monatelang einen Kindermörder gejagt hat, ihn schließlich überführt und das dann den Angehörigen mitteilen kann, darf man diesen Erfolg auch feiern.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht das im Detail aus?

Wilfling: Ach, mal größer, mal kleiner. Meist geht man halt auf ein Bier ins Wirtshaus. In den Fällen Moshammer und Sedlmayr fiel das eine Nummer größer aus. Da bedankt sich dann noch der Chef und so weiter.

SPIEGEL ONLINE: Ihren Namen bringt man unweigerlich mit den beiden Mordfällen Rudolph Moshammer und Walter Sedlmayr in Verbindung. In Ihrem Buch "Abgründe" erwähnen Sie sie jedoch mit keinem Wort, wieso?

Wilfling: Der Sedlmayr-Mord eignet sich nicht für eine kurze Abhandlung, der füllt ein ganzes Buch. Der Moshammer-Mord war nichts Besonderes, außer dass das Opfer prominent war. Das war ein ganz normaler Raubmord im Stricher-Milieu, für meine Begriffe nichts Abgründiges.

SPIEGEL ONLINE: Ihnen sind Fälle untergekommen, die außerhalb jeder Vorstellungskraft liegen. Nach welchen Kriterien haben Sie die für Ihr Buch ausgewählt?

Wilfling: Ich habe das Buch in Anlehnung an die sieben Todsünden aufgebaut und zu jedem Mordmerkmal einen Fall ausgewählt. Wichtig war, dass ich mich an die Fakten in Gänze erinnerte. Ich habe für mein Buch keine einzige Akte eingesehen, sondern mich nur von der Festplatte in meinem Kopf bedient. Es sollte um Verhaltensweisen gehen, die das normale Maß sprengen. Wie kann ein Polizist in einer Nacht zwei Menschen bei lebendigem Leib enthaupten und danach auf einen Betriebsausflug fahren? Das verstehe ich unter Abgründigem.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich auch für den Fall einer Blondine entschieden, die einem sexsüchtigen Rentner einen Besenstiel in den Rachen rammt. Definitiv nichts für Zartbesaitete.

Wilfling: Wie der Mann da liegt, der Stiel ragt aus seinem Hals … dieses Bild vergesse ich ebenso wenig wie das Weib. Die tat acht Stück Zucker in ihren Kaffee, das weiß ich auch noch wie heute.

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insgesamt 7 Beiträge
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Stefan Albrecht, 26.04.2010
1. Billiger deutscher Krimi
Zitat von sysopJosef Wilfling klärte den Sedlmayr- und den Moshammer-Mord auf, schnappte Serientäter, verhörte Hunderte Kriminelle. In seinem gerade erschienenen Buch beschreibt der legendäre Münchner Ermittler seine außergewöhnlichsten Fälle - ein Interview über die Abgründe der menschlichen Natur. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,689158,00.html
Gegen die billigkeit dieses Interviews sind die billigen deutschen Krimis a la "Wanninger", "der Kommissar" und "der Alte" ja wahre Meisterwerke. Mehr Klischees paßten echt nicht mehr hinein ins Interview. Nur noch die Weisswurst mit Senf und Brezen und das halb ausgetrunkene Weissbier haben auf dem Bild gefehlt.
Grosskotz 26.04.2010
2. man soll nicht nach höheren Motiven suchen, wenn sich ein niedrigeres finden läßt
Als Beamter im Ruhestand darf man ja mit Genehmigung des Dienstherrn literarisch tätig werden und dann über die Schlechtigkeit der Menschen berichten. Die getöteten Opfer werden ausgelutscht; der Mann braucht Geld
zappuser 26.04.2010
3. Herr Wilfling ist eitel, sonst nix.
Vom Glanz der TV-Kommissare möchte er ein wenig abhaben. Ein armer Charakter.
john mcclane, 26.04.2010
4.
Hmmm, merkwürdiges Interview. Das Motiv dafür, ein Buch zu schreiben wäre interessant zu erfahren. Das er sich den ganzen Mist von der Seele schreiben muß, kann man wohl ausschließen, denn nach eigener Aussage hat er ja nie einen Psyschologen gebraucht. Was ist es dann? Geld? Oder, wenn er hehre Ziele hat, dem Normalbürger eine Einsicht in die Arbeit von Mordermittlern geben? Interessant wäre es, einen Vergleich zu ziehen mit Werken wie "Level 29" vom CSI-Erinder, die m. M. n. nur dazu dienen, auf das Unvorstellbare noch einen draufzusetzen. Könnte man mal sehen, ob Realität tatsächlich an Fiktion heranreicht. Interessant wäre auch zu erfahren, was der Kripo-Mensch von seinen lieben TV-Kollegen (Erniedrigt + Kuhn, K0815 etc.) so hält...
pablo morales 26.04.2010
5. !!!
Und wieder ein "Star-Ermittler" der seine Erlebnisse zu Papier bringen will. Es gibt mittlerweile so viele Bücher zu dem Thema, wer soll das lesen. Vor rund 15 Jahren habe ich zu dem Thema die originalen gelesen: John Doeglas, Robert Ressler.
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