Lehrerin als Stalking-Opfer "Gero war eine tickende Zeitbombe"

Die Lehrerin Heike Block wurde von einem ehemaligen Schüler getötet, mehr als 20-mal stach Gero S. auf sie ein. Zuvor hatte er der jungen Frau zwei Jahre lang nachgestellt. Sie konnte das Stalking mit detaillierten Notizen beweisen - aber niemand griff ein. Protokoll eines absehbaren Mordes.


In wenigen Tagen wird der Mann verurteilt werden, der Heike Block vor ihrer Haustür in Bremen mit mehr als 20 Messerstichen tötete. Der ihr zuvor zwei Jahre lang nachgestellt hatte, sie wahnhaft verfolgte, bedrängte. Der ihr E-Mails schrieb, ihr auflauerte, ihr Angst machte.

Gero S. fürchtet sich nicht vor der Strafe. Ganz in Schwarz gekleidet, die Hose in Springerstiefel gestopft, balanciert er - seine Hände sind gefesselt - einen Stapel Aktenordner auf den Unteramen, als er den Verhandlungssaal im Landgericht Bremen betritt. Er fühle sich besser, seit er in Untersuchungshaft sitze, sagt der 21-Jährige, als ihn der Vorsitzende Richter Helmut Kellermann fragt, ob er psychisch krank sei.

Für Heike Blocks Eltern und ihren Bruder bedeutet die Urteilsverkündung das Ende eines Kampfes. Ein Kampf, den sie so engagiert wie sachlich geführt haben. Sie wollten aufrütteln, anderen das gleiche Schicksal ersparen, das ihrer Tochter und Schwester widerfahren ist.

Heike Block war Geros Lehrerin. Sie musste sterben, weil sie sich seiner annahm und ihn später nicht mehr loswurde. Vielleicht aber auch, weil ihre Hilferufe ignoriert wurden.

Heike Block kommt im Herbst 2006 an das Gymnasium in Osterholz-Scharmbeck. Sie unterrichtet Biologie und Chemie. Ein Jahr später leitet sie einen Bioethikkurs, es ist ihr erster Oberstufenkurs. Als letzter Schüler stößt Gero S. dazu.

Sprenggürtel mit Schwarzpulver

Der Junge entpuppt sich als anhänglich. Er fängt seine Lehrerin auf dem Flur ab, belagert sie regelrecht, sucht ihren Rat bei Problemen und vertraut ihr schließlich an, er wolle sich das Leben nehmen. Heike Block fühlt sich bedrängt und gleichzeitig für den Schüler verantwortlich. Ihr Vater rät ihr, für den Fall der Fälle jeden Kontakt mit Gero S. zu protokollieren.

So tippt Heike Block am 20. Dezember 2007 in ihren Laptop: "Gero fängt mich vor dem Lehrerzimmer nach Unterrichtsschluss ab und bittet um ein Gespräch. Wir gehen zusammen in die Chemievorbereitung und reden über seine Probleme, ca. zwei Stunden lang. Zeugen: Frau M. Kontaktaufnahme von mir, und Frau N. mit Dr. J. vom Sozialpsychiatrischen Dienst, da ich mir nicht mehr zu helfen weiß."

Der Psychiater rät ihr, den Kontakt zu Gero S. abzubrechen und bei weiteren Suiziddrohungen die Polizei einzuschalten.

Gero S. lässt nicht locker.

Am 9. Januar 2008 notiert Heike Block: "Gero steht vor dem Lehrerzimmer und wartet auf mich. Frau N. bekommt das mit und warnt mich. Ich steige aus dem Fenster."

Doch Heike Block entkommt ihrem Schüler nicht.

Zwei Tage später protokolliert sie: "Gero fängt mich vor dem Lehrerzimmer ab. Finales Gespräch, Gero droht, sich umzubringen."

Noch am selben Abend wird der Schüler von der Polizei abgeholt, in seinem Zimmer zu Hause finden Beamte einen Sprenggürtel mit Schwarzpulver. Er gibt an, dass er sich diesen um den Hals habe legen wollen.

Gero S. willigt ein, eine Therapie zu machen. Heike Block begleitet ihn zum Psychiater. Dort teilt er ihr mit, dass er eine Beziehung mit ihr will. Heike Block verlässt die Sitzung, sie weigert sich nun, ihn weiterhin zu unterrichten - doch der Schulleiter entscheidet anders.

Die Lehrerin verzeichnet in ihrem Stalking-Protokoll: "Entscheidung von Herrn S. und Frau B. (Oberstufenkoordinatorin), dass Gero in meinem Kurs verbleibt und dass es besser für alle ist, wenn ich ihn einzeln betreue. Meine Einwände dagegen wurden nicht ernst genommen. So machte ich mit Gero Einzeltermine ab."

Ab jetzt ist Heike Block dem Stalker ausgeliefert. Ihre Eltern, zu denen sie ein gutes Verhältnis hat und die sie als Ratgeber schätzt, bestätigen ebenso wie Kollegen: "Heike hatte Angst vor dem Schulleiter." Sie habe dessen Anweisungen nur befolgt, weil sie ihre bevorstehende Verbeamtung nicht habe gefährden wollen.

Vor Gericht streitet Schulleiter Gerd S. ab, seiner jungen Kollegin "gegen ihren Willen" die Anweisung zum Einzelunterricht gegeben zu haben. Warum Gero S. eine von vielen E-Mails an Heike Block mit "Dein Ein-Personen-Kurs" unterschrieben habe, könne er sich nicht erklären. "Ich hatte ein vertrauensvolles Verhältnis zu ihr. Ich habe ihr immer das Gefühl gegeben, sie könne zu mir kommen." Es habe ihn im Nachhinein erstaunt, dass "es Moment gab, in denen sie sich mir nicht anvertraute".

Warum aber hätte Heike Block in dem Protokoll falsche Angaben machen sollen? Eine Frage, die auch der Vorsitzende Richter dem Schulleiter stellt. Die Antwort: Achselzucken.



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