Lehrerin vor Gericht "Frau B. hat mich gehauen, und alle haben es gesehen!"

Eine Pädagogin, die zuschlägt, verängstigte Kinder, verunsicherte Eltern: Im brandenburgischen Eichwalde ist die Welt aus den Fugen, seit dort eine Lehrerin ihre Erstklässler mehrfach mit Ohrfeigen bestrafte. Ein Provinzskandal, der kein Ende findet.

Von Uta Eisenhardt, Eichwalde


Eichwalde - Kirsten S. erinnert sich noch genau an den 13. Februar 2007. "Mama, schimpfst du?", fragte ihr sechsjähriger Sohn, als er seiner Mutter das Rechenheft zeigte.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin blickte auf eine Seite mit durchgestrichenen Aufgabenblöcken. Fridolin hatte beim Kopieren von der Tafel Fehler gemacht. "Abschreiben war nur mit Hilfe möglich", hatte Fridolins* Klassenlehrerin darunter notiert.

Kirsten S. blieb gelassen. Wohl deshalb rang sich der Kleine noch zu dem Satz durch: "Frau B. hat mich gehauen, und alle haben es gesehen!"

Ein Jahr später sitzt Fridolins Mutter in einem der vielen adretten Einfamilienhäuser, die den beschaulichen brandenburgischen Ort Eichwalde prägen. Sie ist nicht allein, Yvonne R. und André K. sind ebenfalls gekommen. Deren Kinder sind Mitschüler von Fridolin und wurden ebenfalls von der Lehrerin geschlagen. Die drei Familien haben einen zehnwöchigen Prozess hinter sich, in dem sie als Nebenkläger gegen die Lehrerin Sieglinde B., 57, auftraten.

Das Amtsgericht Königs Wusterhausen sah es als erwiesen an, dass die Pädagogin fünf Kinder geschlagen hat. Wegen Körperverletzung im Amt wurde sie zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und 1500 Euro Geldbuße verurteilt.

Doch das ist noch nicht das Ende der Geschichte.

Die Lehrerin legte Berufung gegen das Urteil ein, das Verfahren geht nun an das Landgericht Potsdam. "Wir sehnen uns nach nichts mehr, als dass diese Sache beendet wird", sagt André K. - doch darauf werden die Beteiligten noch mindestens ein, zwei Jahre warten müssen.

"Die kleinen Prinzen durften tun, was sie wollten"

Bis dahin sehen sich die Eltern der drei Kinder mitunter hanebüchenen Vorwürfen ausgesetzt. Leser der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" werfen ihnen vor, sich die Vorfälle mit Sieglinde B. "ausgedacht" zu haben. Die Eltern, heißt es in Leserzuschriften, forderten "Kuschelpädagogik" für ihre Kinder, bereiteten sie nicht richtig auf den "schulischen Ernstfall" vor.

"Bis zum Schuleintritt durften die kleinen Prinzen und Prinzessinnen fast alles tun, was sie wollten" schreibt eine Leserin. Wenn es in der Schule dann nicht so laufe wie gewünscht, so argumentiert sie weiter, sei natürlich der Lehrer schuld. "Dann werden Elternstammtische organisiert und überlegt, wie man den Lehrer am besten loswird."

Eichwalde, Februar 2007. Morgens, wenn sie sich auf den Weg zur Schule machen müssen, weinen Kinder aus der Klasse 1b. Sie erbrechen sich, bekommen vor dem Schulgebäude Schreikrämpfe. Nachts quälen sie Alpträume, sie flüchten sich zu den Eltern, nässen ins Bett. Sie klagen über Kopf- und Bauchweh. Ein Kind schreibt in sein Heft: "Die Schule ist blöd, ich bin blöd, das Leben ist blöd."

Die Eltern sind ratlos. Erst ein halbes Jahr zuvor, im August 2006, waren ihre Kinder eingeschult worden, hatten sich auf den Schulstart gefreut. Doch jetzt gehen die Kinder nur noch ungern in den weißen Neubau. Sie erzählen wenig von ihren Tageserlebnissen und möchten auch keine Mitschüler zu sich nach Hause einladen. Vielleicht, so denken die Eltern, könnte ein Frühlingsfest sie wieder aufheitern?

Fridolin - ein Einzelfall? Sind auch andere geschlagen worden?

Gemeinsam wollen die Eltern das Fest vorbereiten, treffen sich im Hinterzimmer eines Restaurants. "Ich kam eine Stunde später dazu und traf eine große Schar Eltern, lauter sorglose Gesichter", erzählt Kirsten S.

Doch die Stimmung ändert sich sofort, als Kirsten S. vom Erlebnis ihres Sohnes Fridolin mit seiner Lehrerin erzählt.

An Schlaf können die Eltern in dieser Nacht nicht mehr denken. Was tun? Ist Fridolin ein Einzelfall? Sind auch andere Kinder geschlagen worden? Sie beschließen, Fragebögen zu verteilen. Rasch kommen diese zurück. "Mit teilweise schockierenden Inhalten", sagt eine Mutter später in der Gerichtsverhandlung. Die Eltern der 1b erfahren so nicht nur von Schlägen. Regelmäßig seien die Kinder von Sieglinde B. angeschrien und gedemütigt worden. Außerdem übe Sieglinde B. auf die Erstklässler einen "enormen Leistungsdruck" aus, wie es heißt.

Im Februar 2007 trafen sich Kirsten S. und zwei Elternsprecherinnen mit Sieglinde B., mit der Schulleiterin und mit dem Schulamt. Dabei gewinnen sie den Eindruck, die Schulleiterin sei vor allem um den Ruf der Schule besorgt und das Schulamt vor allem um korrektes Verhalten bemüht. "Das Gefühl, dass es gar nicht um die Kinder ging, machte mich hilflos", sagte eine Elternsprecherin später im Prozess - eine Empfindung, die Kirsten S., Andre K. und Yvonne R. teilen. Weil sie sich keine Aufklärung von den zuständigen Institutionen versprechen, stellen sie Strafanzeige gegen die Lehrerin.

Kirsten S. verliert die Geduld, als sie erfährt, die Lehrerin habe die Kinder morgens einzeln befragt: "Sag mal, Fridolin, hast du zu Hause erzählt, ich würde euch hauen?" Als der Erstklässler diese Frage bejaht, darf er nicht im Hof spielen und soll sich überlegen, wie er das "wieder gut machen kann".

"Mir war egal, was passiert - nur heraus aus dieser Schule"

"Das war Nötigung", sagt Fridolins Mutter. "Da war mir egal, was passiert. Nur heraus aus dieser Schule!" Dorthin kehren etliche Kinder erst zurück, als das Schulamt dem Druck der Eltern nachgibt: Vier Wochen nach jenem Hinterzimmer-Treffen übernimmt eine neue Lehrerin die Klasse, die Symptome der Kinder verschwinden.

André K. erlebt jetzt erst eine traurige Überraschung. Seine Tochter Klara fragt ihre Eltern, ob Frau B. nicht mehr in die Schule kommt, ob sie wirklich nie wieder kommt? Nein, versichern ihr die Erwachsenen. "Ich wurde auch gehauen", sagt Klara ihren Eltern. "Das war für uns ein sehr schwerer Moment", sagt ihr Vater.

Sieglinde B. wurde damals an eine andere brandenburgische Schule versetzt. An ihrem neuen Arbeitsplatz, so bat Schulamtsleiter Werner Weiss, solle Frau B. keine Erst- und Zweitklässler unterrichten. Suspendiert wurde sie bis heute nicht. Eine Suspendierung sei nämlich gar keine Strafmaßnahme gegen die Lehrkraft, sondern nur gegen alle anderen Beteiligten, sagt Weiss. "Die Lehrerin muss nicht arbeiten, bekommt weiter ihr Geld - und bei uns fällt der Unterricht aus."

Vor zwei Monaten wandte sich eine weitere Mutter an das Schulamt. Ihre zehnjährige Tochter besucht die brandenburgische Grundschule, an der Sieglinde B. derzeit als Kunstlehrerin arbeitet. Die Mutter behauptet, B. habe ihre Tochter "geschubst und derb angefasst". Zeugen für diesen Vorfall gibt es nicht.

Frühjahr 2008, Amtsgericht Königs Wusterhausen. Unter großem Zuschauerinteresse findet der Prozess gegen die Lehrerin statt. Eltern sind gekommen, aber auch Freunde und Bekannte der Angeklagten. Fünf Mal, so ergibt die Beweisaufnahme, hat die 57-Jährige vier Erstklässler mit der flachen Hand geschlagen. Zwei der angeklagten Taten können ihr im Prozess nicht nachgewiesen werden.

Die Anlässe für ihre Entgleisungen waren nichtig: Fridolin scheiterte an einer Rechenaufgabe, ein anderer Junge kam nach der Pause zu spät in den Unterricht, der Sohn von Yvonne R. war undiszipliniert. Klara trödelte beim Auspacken von Pinsel und Abakus.

Von Anfang an bestritt die zierliche Frau die gegen sie erhobenen Vorwürfe. Im Gerichtssaal verliest sie eine Erklärung. Diese beginnt mit "Hohes Gericht" und endet mit dem Satz "Die mir zur Last gelegten Dinge entbehren jeder Grundlage." Die Vorwürfe seien eine Kampagne der Eltern.



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