Leichensuche Das Kinderheim des Grauens auf Jersey

Am Anfang war eine Kinderleiche: Jetzt ist die Polizei auf der Insel Jersey einem Missbrauchsskandal von unbekanntem Ausmaß auf der Spur. Bereits vor Jahrzehnten sollen Angestellte eines Kinderheims Minderjährige missbraucht und ein halbes Dutzend von ihnen getötet haben.


London - Auf dem Grundstück des ehemaligen Kinderheims "Haut de la Garenne" waren im November die verwesten Leichenteile eines Kindes gefunden worden, das vermutlich in den achtziger Jahren starb. Unter einer dicken Betondecke hatten Spürhunde der Polizei die Reste des kleinen Körpers in dem viktorianischen Gebäude entdeckt.

Polizeiliche Ermittlungen im ehemaligen Kinderheim "Haut de la Garenne"
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Polizeiliche Ermittlungen im ehemaligen Kinderheim "Haut de la Garenne"

Nach mehreren Hinweisen geht die Polizei nun davon aus, dass sich noch mehr Leichen von Minderjährigen auf dem Terrain in der Ortschaft St. Martin befinden. Weitere sechs potenzielle Fundstellen würden derzeit mit Hunden untersucht, sagte Jerseys stellvertretender Polizeichef Lenny Harper: "Wir müssen von einem schweren Verbrechen ausgehen."

Die mutmaßlichen Morde sollen in der Zeit von 1960 bis zur Schließung des Kinderheims 1986 verübt worden sein. Außerdem gehen die Ermittler davon aus, dass Dutzende Heiminsassen sexuell missbraucht wurden. Mehr als 140 mutmaßliche Opfer haben sich bereits bei der Polizei gemeldet - darunter auch Zeugen aus Deutschland, Thailand oder Australien. Sie berichteten von systematischem Kindesmissbrauch im "Haut de la Garenne". Mehrere ehemalige Heimangestellte wurden daraufhin festgenommen.

Der 76-jährige Gordon W. wurde wegen sexueller Übergriffe in drei Fällen angeklagt. Er soll zwischen 1969 und 1979 in "Haut de la Garenne" mehrere Mädchen unter 16 Jahren missbraucht haben. Der Ministerpräsident von Jersey, Frank Walker, sagte dem Sender BBC: "Wir müssen die polizeilichen Ermittlungen mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen, damit diese vermuteten schrecklichen Verbrechen aufgeklärt werden."

Senator Stuart Syvret - im vergangenen Jahr als Gesundheitsminister entlassen, nachdem er Vermutungen über Kindesmissbrauch angestellt hatte - sagte dem "Guardian", dass es "seit Jahrzehnten eine Kultur der Geheimhaltung und Vertuschung gab". Er selbst habe mit Opfern zwischen 13 und 60 Jahren gesprochen. Demnach sei es die Regel gewesen, dass die Betreuer Kinder auf den Kopf geschlagen hätten, wenn sie nicht gerade gingen. Außerdem seien sie routinemäßig mit Birkenzweigen geschlagen worden.

Noch mehrere Wochen sollen die Untersuchungen andauern. Erste Ergebnisse der Obduktion der Leichenteile werden in etwa vierzehn Tagen erwartet. Jetzt analysiert die Polizei Vermisstenakten aus fast einem halben Jahrhundert.

"Haut de la Garenne" wurde 1867 als Schule gegründet, für "junge Menschen der unteren Klassen und vernachlässigte Kinder". Heute wird das Gebäude als Jugendherberge genutzt.

Jersey ist die größte der fünf bewohnten Kanalinseln und mit rund 90.000 Bewohnern auch die bevölkerungsreichste. Die für schöne Strände und Klippen berühmte Insel liegt im Ärmelkanal 20 Kilometer vor der nordfranzösischen Küste. Die Kanalinseln gehören nicht direkt zu Großbritannien, sondern sind als Kronbesitz dem britischen Königshaus unterstellt. Obwohl nicht Mitglied der Europäischen Union, gehören sie zum EU-Zollgebiet.

ala/Reuters/dpa



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