Pistorius unter Mordverdacht: Todesschüsse um vier Uhr nachts

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War es ein Unfall, ein Missverständnis - oder ein Verbrechen? Paralympics-Sieger Oscar Pistorius steht nach den tödlichen Schüssen auf das Model Reeva Steenkamp unter Mordverdacht. Noch am Mittwoch hatte Steenkamp per Twitter Überraschungen zum Valentinstag angedeutet.

Pretoria - Es sind dramatische Szenen, die sich am frühen Donnerstagmorgen in der eingezäunten Wohnanlage "Silverwoods Country Estate" abspielen. Gegen vier Uhr nachts, berichtet die südafrikanische Zeitung "Beeld", wird im Haus von Sprinter Oscar Pistorius auf eine 30-jährige Frau geschossen - die Kugeln treffen sie in Kopf und Brust, noch am Tatort stirbt sie. Am Vormittag schließlich kommt die Bestätigung der Polizei: Bei dem Opfer handelt sich um Pistorius' Lebensgefährtin, das Model Reeva Steenkamp.

Noch am Morgen wird Pistorius festgenommen, Ermittler finden eine 9-Millimeter-Pistole in seinem Haus. Nach Angaben der Polizei soll der Sprinter auf Steenkamp geschossen haben - Augenzeugen für das Geschehen gibt es allerdings keine, das Paar war zum Tatzeitpunkt allein. Womöglich hatte Pistorius, wie "Beeld" spekuliert, seine Freundin für einen Einbrecher gehalten, als sie ihn zum Valentinstag überraschen wollte - und darauf das Feuer auf sie eröffnet.

Wie die örtliche Polizei berichtet, handelt es sich aber nicht um den ersten Vorfall in Pistorius' Anwesen. Bereits zuvor habe es dort "Zwischenfälle" gegeben - auch deshalb werde die Staatsanwaltschaft eine Freilassung auf Kaution ablehnen. Pistorius steht inzwischen unter Mordverdacht.

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Oscar Pistorius: Sportstar unter Mordverdacht
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Leichtathlet erst am Freitag einem Haftrichter in Pretoria vorgeführt worden. Dieser muss dann entscheiden, ob Mordanklage erhoben wird und ob Pistorius gegen Zahlung einer Kaution auf freien Fuß gesetzt werden kann. Zunächst hatten Nachrichtenagenturen gemeldet, es sei bereits Mordanklage gegen Pistorius erhoben worden.

Volles Risiko, Minimum an Vorsicht

Es ist der dramatische Wendepunkt im Leben des als "Blade Runner" bekannt gewordenen Ausnahmeathleten. Der südafrikanische Kabelsender M-Net kündigte an, Werbespots mit Pistorius nicht mehr auszustrahlen.

Noch im vergangenen Jahr schrieb Pistorius Geschichte, als er als erster beidseitig beinamputierter Sportler an Olympischen Spielen teilnahm. Bereits im Alter von elf Monaten waren ihm beide Unterschenkel amputiert worden, nachdem er infolge eines Gendefekts ohne Wadenknochen geboren worden war. Bei den Paralympics gewann er in den vergangenen Jahren insgesamt sechs Goldmedaillen. Noch vor wenigen Monaten kürte das "Time"-Magazin Pistorius zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Der Südafrikaner gilt als extrem ehrgeizig. "Oscar arbeitet sehr hart für seinen Erfolg und ordnet dem alles unter", bescheinigte ihm ein Kollege, der mehrfache deutsche Paralympics-Sieger Wojtek Czyz. Im Unterschied zu vielen anderen Athleten mit Behinderung ermöglichen Pistorius seine zahlreichen Sponsorenverträge ein Dasein als Profisportler; dennoch studiert er nebenher in Pretoria Betriebswirtschaftslehre. In seiner Freizeit fährt er gern Motorrad und gilt generell als risikofreudiger Mensch. "Pistorius ist mit einem ungewöhnlichen Naturell gesegnet", schrieb das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" einmal über ihn: "Dem rasenden Bedürfnis, dem Leben mit Höchstgeschwindigkeit und einem Minimum an Vorsicht zu begegnen."

Lange hatte Pistorius darum gekämpft, als behinderter Sportler auf Prothesen an den Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. 2008 in Peking erhielt er keine Starterlaubnis, weil der Leichtathletik-Weltverband IAAF in seinen Karbonstelzen einen unzulässigen Wettbewerbsvorteil sah. Pistorius zog gegen diese Entscheidung vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne - und bekam Recht. Somit war der Weg frei für seinen historischen Auftritt bei Olympia 2012 in London. Dort trat er mit der 4x400-Meter-Staffel seines Landes und auch über die Einzelstrecke an, auf der er im Halbfinale ausschied.

Im Anschluss an Olympia holte er bei den Paralympics an gleicher Stelle mit der 4x100-Meter-Staffel und über 400 Meter Gold. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) wollte am Donnerstag vor dem Hintergrund der laufenden polizeilichen Ermittlungen keine Stellungnahme abgeben, übermittelte der Familie des Opfers aber sein aufrichtiges Beileid.

Letzte Tweets zum Valentinstag

Model Reeva Steenkamp ist in Südafrika für diverse Auftritte in Fernsehshows und Werbespots bekannt, unter anderem arbeitete sie als Testimonial für den Kosmetikhersteller Avon. Noch am Mittwoch hatte Steenkamp über ihren Twitter-Account verbreitet, wie sehr sie sich auf den Valentinstag freue: "Es sollte für jeden ein Tag der Liebe sein", schrieb sie. "May it be blessed!" Von ihren Followern wollte Steenkamp wissen, was diese für am Valentinstag vorhaben, um ihre Liebsten zu überraschen.

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Tat begann in Südafrika eine Diskussion über das Waffenrecht. Südafrika hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Jeden Tag werden nahezu 50 Menschen getötet, außerdem gibt es enorm viele Vergewaltigungen und Raubüberfälle. Auch deshalb besitzen viele wohlhabende Südafrikaner Schusswaffen und leben verbarrikadiert hinter meterhohen Zäunen. Auch Pistorius' Anwesen befindet sich in einer streng gesicherten Wohnanlage.

rls/dpa/afp/sid/AP/Reuters

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1. 3 Schüsse zuviel
mischpot 14.02.2013
4 Schüsse auf einen Einbrecher der nicht angreift und nicht zurück schießt das sind 3 zuviel. Wenn der 1 Schuss nicht der tödliche war hat die Frau bestimmt gesprochen.
2.
kl1678 14.02.2013
Zitat von sysop(...)Noch am Mittwoch hatte Steenkamp per Twitter Überraschungen zum Valentinstag angedeutet.(...)
Weihnachten ist ja auch so ein "Fest der Liebe", wo die Menschen regelmäßig ausrasten. Jage ich einem vermeintlichen Einbrecher, der nach dem ersten Treffer so klingt wie meine Freundin, drei weitere Kugeln in den Leib?
3.
henkeltopf 14.02.2013
Zitat von mischpot4 Schüsse auf einen Einbrecher der nicht angreift und nicht zurück schießt das sind 3 zuviel. Wenn der 1 Schuss nicht der tödliche war hat die Frau bestimmt gesprochen.
Er wohnt in einer "Gated Community". Umzäunt und überwacht. In einer selbigen wohnt ein Freund von mir in Nairobi. Niemals habe ich mich so sicher gefühlt. Und als wir damals wg. Nachtflug um 4h aus dem Bett klingelten (wir waren beim Security angemeldet, durften rein in den Komplex) hat er uns komischerweise auch nicht gleich niedergeschossen. Ich vermute es war wohl ein Verbrechen.
4.
cs01 14.02.2013
Zitat von mischpot4 Schüsse auf einen Einbrecher der nicht angreift und nicht zurück schießt das sind 3 zuviel. Wenn der 1 Schuss nicht der tödliche war hat die Frau bestimmt gesprochen.
Ohne genau zu wissen, was los war. Es ist durchaus möglich, dass man einen "Einbrecher" hört, zur Waffe greift und ihn stellen will. Wenn man dann dichter dran ist, bekommt man Panik und ballert erst mal drauflos ohn nachzudenken. Aus meiner Sicht auch ein Argument gegen Waffen im Haus.
5.
vali.cp 14.02.2013
Zitat von kl1678Weihnachten ist ja auch so ein "Fest der Liebe", wo die Menschen regelmäßig ausrasten. Jage ich einem vermeintlichen Einbrecher, der nach dem ersten Treffer so klingt wie meine Freundin, drei weitere Kugeln in den Leib?
Sprechen Sie da aus Erfahrung oder wie können Sie es beurteilen, ob nach der ersten Kugel klar zu erkennen sein sollte um wem es sich handelt? es zunächst einmal plausibel, dass man in in einer stressigen Situation nicht rational handeln kann. Darüber hinaus bezweifel ich auch, dass die Frau nach dem ersten SChuss noch versucht hatte klarzustellen: "Schatz, das bin ich! Hör auf, auf mich zu schießen..:"
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Bevölkerung: 50,492 Mio.

Hauptstadt: Pretoria

Staats- und Regierungschef: Jacob Zuma

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