Pretoria - Es sind dramatische Szenen, die sich am frühen Donnerstagmorgen in der eingezäunten Wohnanlage "Silverwoods Country Estate" abspielen. Gegen vier Uhr nachts, berichtet die südafrikanische Zeitung "Beeld", wird im Haus von Sprinter Oscar Pistorius auf eine 30-jährige Frau geschossen - die Kugeln treffen sie in Kopf und Brust, noch am Tatort stirbt sie. Am Vormittag schließlich kommt die Bestätigung der Polizei: Bei dem Opfer handelt sich um Pistorius' Lebensgefährtin, das Model Reeva Steenkamp.
Noch am Morgen wird Pistorius festgenommen, Ermittler finden eine 9-Millimeter-Pistole in seinem Haus. Nach Angaben der Polizei soll der Sprinter auf Steenkamp geschossen haben - Augenzeugen für das Geschehen gibt es allerdings keine, das Paar war zum Tatzeitpunkt allein. Womöglich hatte Pistorius, wie "Beeld" spekuliert, seine Freundin für einen Einbrecher gehalten, als sie ihn zum Valentinstag überraschen wollte - und darauf das Feuer auf sie eröffnet.
Wie die örtliche Polizei berichtet, handelt es sich aber nicht um den ersten Vorfall in Pistorius' Anwesen. Bereits zuvor habe es dort "Zwischenfälle" gegeben - auch deshalb werde die Staatsanwaltschaft eine Freilassung auf Kaution ablehnen. Pistorius steht inzwischen unter Mordverdacht.
Volles Risiko, Minimum an Vorsicht
Es ist der dramatische Wendepunkt im Leben des als "Blade Runner" bekannt gewordenen Ausnahmeathleten. Der südafrikanische Kabelsender M-Net kündigte an, Werbespots mit Pistorius nicht mehr auszustrahlen.
Noch im vergangenen Jahr schrieb Pistorius Geschichte, als er als erster beidseitig beinamputierter Sportler an Olympischen Spielen teilnahm. Bereits im Alter von elf Monaten waren ihm beide Unterschenkel amputiert worden, nachdem er infolge eines Gendefekts ohne Wadenknochen geboren worden war. Bei den Paralympics gewann er in den vergangenen Jahren insgesamt sechs Goldmedaillen. Noch vor wenigen Monaten kürte das "Time"-Magazin Pistorius zu einem der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.
Der Südafrikaner gilt als extrem ehrgeizig. "Oscar arbeitet sehr hart für seinen Erfolg und ordnet dem alles unter", bescheinigte ihm ein Kollege, der mehrfache deutsche Paralympics-Sieger Wojtek Czyz. Im Unterschied zu vielen anderen Athleten mit Behinderung ermöglichen Pistorius seine zahlreichen Sponsorenverträge ein Dasein als Profisportler; dennoch studiert er nebenher in Pretoria Betriebswirtschaftslehre. In seiner Freizeit fährt er gern Motorrad und gilt generell als risikofreudiger Mensch. "Pistorius ist mit einem ungewöhnlichen Naturell gesegnet", schrieb das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" einmal über ihn: "Dem rasenden Bedürfnis, dem Leben mit Höchstgeschwindigkeit und einem Minimum an Vorsicht zu begegnen."
Lange hatte Pistorius darum gekämpft, als behinderter Sportler auf Prothesen an den Olympischen Spielen teilnehmen zu dürfen. 2008 in Peking erhielt er keine Starterlaubnis, weil der Leichtathletik-Weltverband IAAF in seinen Karbonstelzen einen unzulässigen Wettbewerbsvorteil sah. Pistorius zog gegen diese Entscheidung vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS in Lausanne - und bekam Recht. Somit war der Weg frei für seinen historischen Auftritt bei Olympia 2012 in London. Dort trat er mit der 4x400-Meter-Staffel seines Landes und auch über die Einzelstrecke an, auf der er im Halbfinale ausschied.
Im Anschluss an Olympia holte er bei den Paralympics an gleicher Stelle mit der 4x100-Meter-Staffel und über 400 Meter Gold. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) wollte am Donnerstag vor dem Hintergrund der laufenden polizeilichen Ermittlungen keine Stellungnahme abgeben, übermittelte der Familie des Opfers aber sein aufrichtiges Beileid.
Letzte Tweets zum Valentinstag
Model Reeva Steenkamp ist in Südafrika für diverse Auftritte in Fernsehshows und Werbespots bekannt, unter anderem arbeitete sie als Testimonial für den Kosmetikhersteller Avon. Noch am Mittwoch hatte Steenkamp über ihren Twitter-Account verbreitet, wie sehr sie sich auf den Valentinstag freue: "Es sollte für jeden ein Tag der Liebe sein", schrieb sie. "May it be blessed!" Von ihren Followern wollte Steenkamp wissen, was diese für am Valentinstag vorhaben, um ihre Liebsten zu überraschen.
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Tat begann in Südafrika eine Diskussion über das Waffenrecht. Südafrika hat eine der höchsten Mordraten der Welt. Jeden Tag werden nahezu 50 Menschen getötet, außerdem gibt es enorm viele Vergewaltigungen und Raubüberfälle. Auch deshalb besitzen viele wohlhabende Südafrikaner Schusswaffen und leben verbarrikadiert hinter meterhohen Zäunen. Auch Pistorius' Anwesen befindet sich in einer streng gesicherten Wohnanlage.
rls/dpa/afp/sid/AP/Reuters
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