Prozess um rechte Randale in Leipzig "Die Straße sah aus wie in einem Kriegsgebiet"

Ein rechter Mob richtete 2016 in Leipzig-Connewitz schwere Verwüstungen an. Nun beginnt die Aufarbeitung vor Gericht. Die Angeklagten schweigen - die Linke hofft auf eine politische Signalwirkung.

DPA

Sie hatten sich offenkundig vorbereitet. Äxte, Eisenstangen und Holzlatten hielten viele in den Händen, die meisten hatten sich zudem vorsorglich vermummt. Mit dieser Ausrüstung zog eine große Gruppe mutmaßlicher Rechtsradikaler am 11. Januar 2016 durch den linksautonom geprägten Leipziger Stadtteil Connewitz - und hinterließ eine Schneise der Verwüstung.

Vor dem Amtsgericht Leipzig hat nun der erste von Dutzenden Prozessen gegen die mutmaßlichen Täter begonnen. Zum Auftakt verweigerten zwei Angeklagte die Aussage. Die 26-Jährigen müssen sich wegen besonders schweren Landfriedensbruchs verantworten.

Laut Anklage sollen sie mit etwa 250 Gesinnungsgenossen vor allem in der Wolfgang-Heinze-Straße gewütet haben: Auf mehreren Hundert Metern blieb kaum ein Schaufenster unversehrt, in Geschäften wurde randaliert, Autoscheiben wurden eingeschlagen und Seitenspiegel abgetreten.

Fotostrecke

13  Bilder
Ausschreitungen in Leipzig: Chaos in Connewitz

Die Polizei nahm mehr als 200 Verdächtige in Gewahrsam; fünf Beamte erlitten Verletzungen, ein Dachstuhl fing Feuer. Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung bezeichnete die Gewaltexzesse als "Straßenterror". Ein Zugführer einer Polizeihundertschaft sagte nun als Zeuge vor Gericht: "Die Straße sah aus wie in einem Kriegsgebiet."

Die Ausschreitungen vom 11. Januar 2016 am Rande einer Demonstration des rassistischen "Legida"-Bündnisses hatten bundesweit Aufsehen erregt. Die Randalierer hatten offenbar ausgenutzt, dass viele Bewohner von Connewitz, das als Hochburg der linksautonomen Szene gilt, an einer großen Gegenveranstaltung teilnahmen.

Die Sprecherin für Flüchtlings- und Migrationspolitik der Linken-Fraktion im sächsischen Landtag, Juliane Nagel, erhofft sich von dem Prozess eine Signalwirkung. "Es geht nicht nur um eine Tat - sondern um eine gewalttätige überregionale Neonazi-Vernetzung, die endlich ausgeleuchtet und zerschlagen werden muss."

Tatsächlich wird sich das Gericht auch mit der Frage beschäftigen, in welchen Netzwerken die Angeklagten aktiv waren - und ob es etwa Verbindungen in die rechte Szene gibt.

"Im Prinzip wird allen das Gleiche vorgeworfen"

Nach Angaben des sächsischen Innenministeriums waren unter den Randalierern Dutzende bekannte Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesgebiet. "Bei einer gewissen Anzahl von Personen gibt es Verbindungen zur Hooliganszene und zur sogenannten Free-Fight-Szene", sagte die Gerichtssprecherin Claudia Weber dem SPIEGEL.

Die Justiz erhob im Januar dieses Jahres die ersten Anklagen und entschied, die Beschuldigten jeweils in Zweierpaaren an diversen Amtsgerichten anzuklagen. Allein am Amtsgericht Leipzig sind Justizsprecherin Webers zufolge 92 solcher Verfahren gegen insgesamt mehr als 180 Angeklagte angesetzt.

Die Angeklagten müssen sich in allen Prozessen wegen schweren Landfriedensbruchs verantworten. "Im Prinzip wird allen das Gleiche vorgeworfen", sagte Weber, "nämlich dass sie sich versammelt haben, um durch die Wolfgang-Heinze-Straße zu ziehen und dort Sachbeschädigungen zu begehen."

Allein in dem jetzt begonnenen Prozess sind demzufolge 18 Zeugen geladen, darunter Polizisten, Anwohner und Passanten. Den Angeklagten drohten Haftstrafen von mindestens sechs Monaten.

mxw/dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.