Rockergewalt in Leipzig "Ein regelrechter Exzess"

In Leipzig soll ein Hells Angel einen konkurrierenden Rocker erschossen haben. Nachdem es in der Szene zeitweilig ruhig war, scheinen jetzt neue Konflikte aufzubrechen.

Polizeieinsatz in Leipzig
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Polizeieinsatz in Leipzig

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Die Eisenbahnstraße im Leipziger Ortsteil Neustadt-Neuschönefeld ist keine Gegend, in die sich Familien zum Bummeln verirren. Als eine der kriminellsten Meilen Deutschlands ist sie über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden. Am Samstagnachmittag machte die Straße ihrem schlechten Ruf wieder alle Ehre.

Es war gegen 15 Uhr, als sich eine Horde Hells Angels ausgerechnet dort niederließ, um in einem Bistro ihren Nachmittagskaffee einzunehmen. Doch der Ausflug des Männerbundes war wohl weniger Zufall als eher gezielte Provokation einer konkurrierenden Gang, die das Gebiet als ihr Revier betrachtet. Die United Tribuns fahren zwar keine Motorräder, ziehen aber ein ähnliches Klientel wie die klassischen Rockerbanden an: Bodybuilder, Kampfsportler, Türsteher, Milieugrößen.

Nach allem, was man bislang weiß, rückte die Polizei am Samstag sehr schnell in der Eisenbahnstraße an. Sie wollte eine sogenannte Gefährderansprache durchführen und vor allem wollte sie wohl, dass die Hells Angels aus der Gegend verschwinden. Doch die Rocker scherten sich nicht weiter um die Staatsmacht.

Es kam zu einer Straßenschlacht, denn nun waren auch die United Tribuns da. Augenzeugen berichteten später, es seien Flaschen und Steine geflogen. Und plötzlich fielen Schüsse. Acht sollen es gewesen sein. Sie töteten den United-Tribuns-Anwärter Veysel A. und verletzten seine Kumpanen Sairen O. und Umut A. schwer. Bei dem Schützen handelt es sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wohl um den Hells Angel Stefan S., 30.

Spurensicherung am Tatort
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Spurensicherung am Tatort

"Für mich stellt die Tat eine neue Qualität der Gewalt dar, einen regelrechten Exzess", sagt der sächsische Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, Peter Guld. "Vor den Augen der Polizei ist hier geschossen worden. Diese Täterklientel kennt keinerlei Hemmschwellen mehr", so Guld. Es seien nun verstärkte Präsenz und intensive kriminalpolizeiliche Ermittlungen notwendig, um die lange unterschätze Szene wieder in den Griff zu bekommen.

Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, nahm die Polizei an Ort und Stelle 14 Rocker fest. Darunter befand sich auch S., gegen den am Sonntag Haftbefehl wegen dringenden Mordverdachts erlassen wurde. Die übrigen Männer kamen wieder auf freien Fuß, gegen sie wird wegen Landfriedensbruchs in einem besonders schweren Fall und gefährlicher Körperverletzung ermittelt. Bislang schweigen die Ermittler zu den möglichen Motiven. Wie so häufig in Rockerkreisen dürfte es aber auch diesmal um Revierstreitigkeiten gegangen sein, die wegen eines kruden Ehrbegriffs der Männer und ihrer hohen Aggressivität mit Gewalt ausgetragen wurden.

Die United Tribuns sind eine Bande, die von dem bosnischen Kriegsflüchtling Almir Culum gegründet wurde und die zuerst in Baden-Württemberg aufgetreten ist. Über die Jahre hat sie sich massiv im Bundesgebiet ausgebreitet. Wie sie dabei vorging, notierte ein nordrhein-westfälischer Polizist vor einiger Zeit in einem vertraulichen Vermerk. Es ging um Türsteherdienste - und wie man sie sich verschafft. "Es wurde an Veranstalter und Vertreter von Sicherheitsunternehmen mit der Forderung herangetreten, den Security-Dienst zu wechseln bzw. der Gruppierung 'die Tür' zu überlassen." Ein Party-Veranstalter erhielt Drohanrufe. Er solle den Sicherheitsdienst den United Tribuns übertragen, sonst würde sein Personal angegriffen, hieß es.

In Polizeikreisen gilt die Erkenntnis, dass derjenige, der die Eingänge von Diskotheken und Klubs bewacht, auch entscheidet, welche Drogen dort verkauft werden - und an dem Treiben mitverdient. Auch Hells Angels und ihre sogenannten Unterstützer sind in diesem Geschäftsfeld aktiv. Vielleicht wollten sie in Leipzig ihre Türen nicht aufgeben? In der sächsischen Metropole tobte vor Jahren schon der "Diskokrieg", in den sowohl Hells Angels als offenbar auch einige Männer verwickelt waren, die heute den United Tribuns zugerechnet werden.

Polizisten am Hauptquartier der United Tribuns
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Polizisten am Hauptquartier der United Tribuns

Die Tribuns haben in den vergangenen Wochen für einige Unruhe in der Rockerszene gesorgt - nicht nur in Sachsen. In Ulm soll Mitte März ihr Anführer mit einer Gaspistole auf den Boss einer rivalisierenden Gang geschossen haben. Im niedersächsischen Cuxhaven fand die Polizei im Februar eine scharfe Maschinenpistole, als sie die Bleibe eines United-Tribuns-Kaders durchsuchte. Und in Baden-Württemberg schnappten Polizisten im März ebenfalls eine Führungsfigur der Bande, nach einem abgeschlossenen Drogendeal.

Doch auch die Hells Angels, die sich zwischenzeitlich wegen der großen öffentlichen Aufmerksamkeit in einer klubuntypischen Zurückhaltung geübt hatten, scheinen nun wieder unverhohlener gewalttätig zu werden. Vor knapp zwei Monaten eröffnete mindestens ein Rocker in Frankfurt das Feuer auf Rivalen - ebenfalls nachmittags und auf offener Straße. Zwei Männer wurden verletzt. Der mutmaßliche Schütze, Denis T., ist noch immer flüchtig.

Wie Konflikte zwischen Rockern verlaufen, zeigte beispielhaft schon die tödliche Fehde zwischen dem Hells Angel Timur A. und dem Bandido Eschli E. 2009 in Duisburg. Der Vorsitzende des Duisburger Schwurgerichts, das A. wegen Totschlags für elf Jahre ins Gefängnis schickte, sagte in der Urteilsbegründung, der Hells Angel habe sein Gegenüber erschossen, um das Gesicht nicht zu verlieren.

"Das Tatgeschehen wäre zwischen irgendwelchen Herren Mustermann kaum denkbar", so Richter Joachim Schwartz. Da hätten sich zwei bis zum Äußersten provoziert, "wechselseitig immer aggressiver", weil keiner "klein beigeben will oder im Rahmen seiner Sozialisation kann". In der Welt der Rocker nämlich macht man keinen Rückzieher, schon gar nicht, wenn die anderen dabei zusehen.



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