Prozess Die Abgründe auf der Kinderporno-Plattform "Elysium"

Auf der Kinderporno-Plattform "Elysium" waren 111.000 Nutzer registriert. Nun stehen die mutmaßlichen Hintermänner vor Gericht. Der Prozess bietet Einblick in Abgründe des Missbrauchs - und eine erschreckend vernetzte Szene.

Angeklagte mit Anwälten im Landgericht Limburg
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Angeklagte mit Anwälten im Landgericht Limburg

Von , Limburg


Sie kommen in den Saal, die Gesichter hinter Aktenordnern verborgen. So verharren sie, bis Fotografen und Kameraleute den Raum verlassen haben. Vier Männer zwischen 40 und 62 Jahren. Frank M., Joachim P., Bernd M. und Michael G. stammen aus Baden-Württemberg, Bayern und Hessen. Ein Betreiber einer Kfz-Werkstatt, ein Vertriebler für Geräte zur Textilherstellung, ein Hilfsarbeiter, ein Grafiker. Einer trägt Vollbart und die grauen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, andere wirken vollends unscheinbar.

Diesen Biedermännern wird vorgeworfen, "Elysium" betrieben zu haben, eine riesige Plattform zur digitalen Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet. Vor einem Jahr wurde sie abgeschaltet. Nun stehen die mutmaßlichen Hintermänner vor dem Landgericht Limburg, angeklagt der bandenmäßigen und fortgesetzten Beschaffung sowie Verbreitung kinderpornografischer Schriften.

Für die Verlesung der Anklageschrift braucht die Vertreterin der Staatsanwaltschaft drei volle Stunden. Mit monströser Monotonie und quälender Akribie trägt sie eine schier endlose Liste an Threads vor, die die Angeklagten betrieben haben sollen. Bei jedem Punkt: Datum und exakte Uhrzeit, Nickname des Beschuldigten, Sparte ("Girls Preteen Hardcore"), Titel ("Toddler fucked in pussy 4 years old") und szenischem Inhalt der Videos oder Bilderserien.

Missbrauchsaufnahmen, sortiert nach Geschmack der Nutzer

So perfide das Material auf "Elysium" war, so akkurat war es sortiert. Übersichtlich, den Vorlieben der Nutzer entsprechend. Sämtliche nur denkbaren - und undenkbaren - sexuellen Missbrauchsformen waren hier geordnet. Neben Chatrooms zur Kommunikation in Echtzeit gab es Bereiche für "Boys" und "Girls" unterschiedlicher Altersklassen - von Säuglingen und Kleinkindern bis zu Jugendlichen.

Neues Material war in einem speziellen "VIP"-Bereich abgelegt, Sonderwünschen (Tiere, Reizwäsche) wurde unter "Fetische" entsprochen. Spezielle Bereiche gab es auch für voyeuristische Aufnahmen oder Webcam-Material. Unter "Professional Studios" wurden Dateien ukrainischer Softcore-Anbieter verbreitet. Und in der "Private Zone" sollten sich jene Nutzer verabreden, die mehr wollten als nur Bilder oder Filme ansehen.

Screenshot eines "Elysium"-Chatprotokolls
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Screenshot eines "Elysium"-Chatprotokolls

Als der Richter die Personalien abfragt, präzisiert der 62-jährige Angeklagte das Datum seiner Inhaftierung im Sommer vergangenen Jahres mit: "An einem Donnerstag, das vergisst man nie!" Der 62-Jährige ist einschlägig vorbestraft. Ihm wird zusätzlich zur Last gelegt, nach Wien gereist und dort aktiv die vier und sechs Jahre alten Kinder eines "Elysium"-Kunden missbraucht zu haben.

"Die Szene in helle Aufregung" versetzt

Ein weiterer Angeklagter tauschte Bilder mit Christian L. aus, dem Hauptangeklagten im Missbrauchsfall von Staufen. Das zeigt, wie vernetzt eine Szene ist, in der sexuelle Gewalt und Bilder davon gewissermaßen als Währung gelten - und wie akribisch die Ermittler gearbeitet haben. Damit habe man, wie eine Vertreterin der Staatsanwaltschaft anmerkt, "die Szene in helle Aufregung" versetzt.

Die Angeklagten waren vor "Elysium" laut Staatsanwaltschaft an "The Giftbox Exchange" beteiligt, der bis dahin größten Tauschbörse für Bilder und Filme sexuellen Missbrauchs von Kindern. Nachdem die australische Polizei "The Giftbox Exchange" 2016 stillgelegt und US-Behörden die Betreiber verhaftet hatten, machten sich die deutschen Administratoren selbstständig - mit "Elysium".

Missbrauchsprozess in Staufen: Deckname "Geiler Daddy"

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Anders als bei "The Giftbox Exchange" oder vergleichbaren Foren im Darknet bestand bei "Elysium" keine Verifikationspflicht. Wer zugreifen wollte, konnte einen Account anlegen - ohne sich zuvor mit der Einsendung eigener Missbrauchsaufnahmen als Gleichgesinnter erkennen geben zu müssen. Deshalb kam "Elysium" in den sechs Monaten seines Bestehens auf 111.000 Nutzer. Und unter anderem deshalb gelang es Ermittlern der Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIT) in Gießen, einer Sondereinheit der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, in verhältnismäßig kurzer Zeit, den Betreibern das Handwerk zu legen.

Der Server stand in einer Kfz-Werkstatt

Nach Überzeugung der Ermittler hatte jeder der vier Männer, die nun vor Gericht stehen, in der "Elysium"-Führungsriege eine andere Aufgabe - von der Bereitstellung und Wartung der Infrastruktur bis zur Moderation der Chatbereiche in sieben Sprachen, vom Erstellen von Backups bis zur Behebung technischer Probleme.

Wegen des unüberschaubaren Kreises von Nutzern aus aller Welt und des großen Andrangs musste ab einem gewissen Zeitpunkt mehr Serverkapazität organisiert werden. Ein Programmierfehler bei der Einrichtung der Plattform im Darknet führte die Ermittler schließlich zum Server. Er stand in einer Kfz-Werkstatt in Bad Camberg bei Limburg.

Für den nächsten Verhandlungstag am 22. August haben alle vier Angeklagten eine Aussage angekündigt. Wie lange das Verfahren dauern wird, ist laut Auskunft des Richters "schwer abzusehen". Bis November sind Verhandlungstage angesetzt.

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