Lörrach Amokschützin erstickte Sohn mit Plastiktüte

Nach dem Amoklauf von Lörrach mit vier Toten hat die Polizei erste Ergebnisse der Obduktionen veröffentlicht. Demnach schlug die Täterin ihren Sohn zunächst bewusstlos und erstickte ihn dann mit einer Plastiktüte.

AFP

Lörrach - Die Untersuchung der Leichen ergab, dass die Anwältin Sabine R. ihren Mann mit zwei Schüssen in Kopf und Hals tötete. Dies erklärte ein Polizeisprecher am Dienstag. Ihren fünfjährigen Sohn schlug sie demnach zuerst bewusstlos und erstickte ihn dann mit einer Plastiktüte. Vater und Sohn wurden laut Informationen aus Polizeikreisen nebeneinander liegend auf dem Bett gefunden.

Nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen wird davon ausgegangen, dass die 41-Jährige zunächst ihren Mann und ihren Sohn tötete, bevor sie die Wohnung mit Nitroverdünner in Brand setzte. Ob noch andere Chemikalien im Spiel waren, untersuchen derzeit Spezialisten des Landeskriminalamts. Danach war R. ins benachbarte St. Elisabethen-Krankenhaus gestürmt und hatte dort einen Pfleger erschossen. Mit 17 Schüssen aus Polizeiwaffen war die Sportschützin dann im Krankenhaus von Beamten erschossen worden.

R. brachte ihren Mann um, als der 44 Jahre alte Schreiner am Sonntagabend den gemeinsamen Sohn bei ihr in einer Wohnung in dem Mehrfamilienhaus in der Lörracher Innenstadt abholen wollte. Die Täterin wohnte dort und hatte eine Anwaltskanzlei. Der Junge lebte bei seinem Vater und war über das Wochenende zu Besuch bei seiner Mutter.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei könnte die Trennung von ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn der Auslöser für die Tat der 41-Jährigen gewesen sein. Die Sportschützin hatte laut Angaben der Oberstaatsanwaltschaft zuletzt "psychisch angespannt" gewirkt.

In der Klinik, in der sie einen Pfleger erschoss, hatte R. vor sechs Jahren eine Fehlgeburt. Die Stadt Lörrach rief inzwischen zu Spenden für die Familie des Opfers auf. Der 56-Jährige hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Am Einsatz beteiligte Polizisten werden psychologisch betreut

Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Rüdiger Seidenspinner, bestätigte inzwischen, dass die an dem Einsatz in Lörrach beteiligten Polizeibeamten von Konfliktberatern psychologisch betreut werden. "Es ist wichtig, dass Ansprechpartner da sind, die die Kollegen kennen", betonte er. Er habe selbst Kontakt mit einem Polizisten gehabt, der bei der Schießerei im Einsatz war, fügte Seidenspinner hinzu. "Es geht ihm den Umständen entsprechend", sagte er. Ob dieser Beamte auch geschossen hatte, wollte er nicht sagen.

Er kenne keinen Kollegen, den es kalt lasse, auf einen Menschen schießen zu müssen. "Schon die Androhung von Schusswaffengebrauch kann belastend sein", sagte Seidenspinner. Jeder Mensch gehe unterschiedlich mit einer solchen Situation um. Dem einen reiche es, seine Eindrücke mitzuteilen, der andere könne schwer traumatisiert sein.

Ministerpräsident Mappus gegen Verschärfung des Waffenrechts

Nachdem bekannt wurde, dass es sich bei der Täterin um eine Sportschützin mit Waffenbesitzkarte handelt, wurden Forderungen nach einer Verschärfung des Waffenrechts in Deutschland laut.

Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) sieht allerdings nach dem Amoklauf keine Notwendigkeit für eine solche Änderung. "Ich habe keinen Hinweis darauf, dass wir eine Gesetzeslücke haben", sagte Mappus am Dienstag im pfälzischen Herxheim-Hayna. Derartige Taten könne man auch durch restriktivere Gesetze nicht ausschließen. Außerdem sei das Waffenrecht zuletzt bereits massiv verschärft worden. "Die Hürde, legal eine Waffe besitzen zu dürfen, ist schon relativ hoch in Deutschland."

Mappus erklärte, es sei wichtig, dass die bestehenden Gesetze strikt umgesetzt würden. Taten wie in Lörrach lägen letztlich in der Persönlichkeit des Täters begründet und seien nicht vorhersehbar. "Wir haben nicht die Möglichkeit, das quasi in Gesetzesform auszuschließen."

Waffen und Munition getrennt aufbewahren

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) vertritt laut eigenen Angaben 15.000 Kriminalbeamte in Deutschland. Sein stellvertretender Verbandsvorsitzender Bernd Carstensen forderte am Dienstag beim Fernsehsender n-tv, in Zukunft dazu überzugehen, Waffen und Munition getrennt zu lagern. "Auf jeden Fall ist es der richtige Weg, beides getrennt aufzubewahren", sagte Carstensen. Sportschützen hätten "kein berechtigtes Interesse, Waffen und Munition zu Hause zu haben". Die Schützenvereine sollten in ihren Schießständen entweder die Waffen oder die gesamte Munition kontrolliert unterbringen.

ala/dpa/apn



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