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Lörracher Täterin Sabine R.: Die Frau, die niemand wirklich kannte

Von , Lörrach

Sie galt als offen, freundlich, adrett. Doch am Sonntagabend tötete die Rechtsanwältin Sabine R. mehrere Menschen, bevor sie selbst von der Polizei erschossen wurde. Die Lörracher suchen nach Erklärungen, wie es zu der Bluttat kam. Doch Hinweise auf die Motive der Frau sind rar.

Lörrach: Die Taschen voller Munition Fotos
AFP

Als am Abend die rot-weißen Bänder an der Markus-Pflüger-Straße in Lörrach abgenommen werden, kommen Dutzende Einwohner vor dem einstmals hellen Wohnkomplex mit seiner verkohlten Fassade, den schiefen Rollläden und zerborstenen Fenstern zusammen. Über den Klingeln an der Nummer 22 hängt noch das schlichte Schild. "Sabine R.", ist da zu lesen. "Rechtsanwältin, Termine nach Vereinbarung." Darunter eine Telefonnummer, und ein langer Pfeil. Er zeigt nach links. Genau zu den Räumen, in denen am Vorabend eine ohrenbetäubende Explosion die Wand einriss.

Sabine R. hat ihre Kanzlei regelrecht in die Luft gejagt. Sie hat Nitroverdünnung so ausgeschüttet, dass sie sie vom Eingangsbereich aus anzünden konnte. R.s Mann und ihr fünfjähriger Sohn lagen offenbar schon tot in den Räumen, als der gewaltige Knall die ganze Straße aufschreckte. So hat es die Polizei rekonstruiert.

Als die Flammen loderten, zog die 41-jährige Juristin weiter ins benachbarte Krankenhaus, bewaffnet mit einer Sportfeuerwaffe, mehr als 300 Schuss Munition und einem Fahrtenmesser. Am Ende des Amoklaufs sind vier Menschen tot - auch Sabine R. selbst. Hätte die Polizei sie nicht gestoppt und erschossen, wäre es noch weitaus schlimmer gekommen, heißt es.

Die meisten, die an diesem Tag in der Straße stehen, in der Sabine R. die letzten Monate gelebt hat, können sich das alles überhaupt nicht vorstellen: eine solche "Beziehungstat", wie die Polizei es nennt, hinter den Fassaden dieses unauffälligen Wohnkomplexes, dem eine Art Turm an der Ecke etwas Charme verleihen soll. Hinter den Fenstern sind Spitzengardinen oder auch mal offensichtlich unechte Rosen platziert. Eine 67-jährige Nachbarin, die über ihren Balkon lehnt, beschreibt sich selbst als eine der jüngeren Bewohnerinnen im Haus. Sabine R. sei eine nette, offene Frau gewesen, sagt sie außerdem. "Auch adrett gekleidet."

Sie habe R. immer beobachtet, wie sie Berge von Blumen und Pflanzen aus dem Auto räumte und ins Haus schleppte. Eine ganz normale Frau, so schien es, die versuchte, sich den Neuanfang nach einer Trennung mit ein bisschen Grün zu verschönern. Ab und an sei ihr Sohn zu Besuch gewesen, der eigentlich beim Vater lebte.

Nach diesem Montag ist man sich nicht mehr sicher, was an solchen Erzählungen wahr und was einfach nur gut gemeint ist. Es ist viel geredet worden über Sabine R., die offensichtlich doch keiner in der Gegend wirklich kannte. Die Nachbarn erzählen, die Polizei und auch das Krankenhaus berichten über ihre Erkenntnisse, halten Pressekonferenzen ab. Immer neue Details kommen ans Licht. Etwa, dass R. Sportschützin war, vier Waffen besaß, "psychisch angespannt" gewesen sein soll, was nicht so ganz zum Bild der netten Nachbarin passen mag. Manche dieser Indizien scheinen eine Geschichte zu ergeben, die irgendwie logisch klingt. Doch am Ende sind es nur Hinweise, die alles und nichts bedeuten können.

"Das Kind war nicht zu retten"

Wie etwa dieser: Sabine R. kannte das Elisabethen-Krankenhaus. Sie lag einmal selbst dort in der Gynäkologie, im April 2004. Damals erlitt sie eine Fehlgeburt. Sie war schon in der 16. Schwangerschaftswoche. Ein so später Abort kommt selten vor. "Das Kind war nicht zu retten", sagt der Chefarzt der Klinik, Kurt Bischofberger, am Montagabend auf einer Pressekonferenz. Neben dem Mann mit dem grauen Vollbart sitzt die Hospitalleitung mitsamt der obersten Seelsorgerin Schwester Anemunda in ihrer weißen Tracht. Links an der Wand hängt ein großes Kruzifix. Das katholische Hospital, in dem noch mehrere Ordensschwestern ihren Dienst tun, habe R. damals wie allen Frauen in ähnlicher Lage psychologische Hilfe angeboten, versichert Bischofberger.

Zumindest eine Beerdigung des Kindes aber lehnte die Juristin ab. Das geht aus den Akten hervor, aus denen der Chefarzt sich das damalige Geschehen zurechtkonstruiert hat. R. wurde demnach nach nur einer Nacht in der Klinik wieder entlassen. Wie schwer kann ein solches Erlebnis einen Mensch traumatisieren? So sehr, dass er sich irgendwann rächen will?

Bischofberger sagt auf diese Frage hin etwas davon, dass ein Kind ja schon in der Phantasie der Schwangeren existiere. Da sei der Zeitpunkt der Fehlgeburt nicht unbedingt das Entscheidende. "Die Frage ist: Wann existiert das Kind?" Eine Antwort ist das nicht. Was soll man auch sagen?

Immer wieder ist an diesem Tag erzählt worden, dass R. "gezielt" auf die Gynäkologie im ersten Stock des Elisabethen-Krankenhauses gerannt sei. Aber es liege wegen der Architektur des Hauses auch nahe, genau diese Treppe zu nehmen, heißt es auf der Pressekonferenz. Und zu dem Pfleger, den R. mit einem Messer attackierte und dann in den Kopf schoss, wurde von der Polizei bislang "absolut keine Querverbindung" gefunden. Ihr Betreuer war er jedenfalls nicht, als sie ihr Kind verlor.

Vier Waffen - drei sind noch nicht gefunden

R., die aus der Pfalz stammt, war nach bisherigen Erkenntnissen auch nicht in psychiatrischer Behandlung. Nachbarn hätten die Frau in ersten Vernehmungen als "psychisch angespannt" beschrieben, sagt Oberstaatsanwalt Dieter Inhofer. Sie schien unter Druck zu stehen. Gewundert hat sich darüber aber wohl niemand. Die 41-Jährige war frisch getrennt von ihrem Mann, lebte nun in Räumen, die offenbar mehr Büro mit Schlafmöglichkeit als Wohnung waren.

Nachbarn berichteten von Streit im Treppenhaus mit dem Noch-Ehemann, wenn der das Kind brachte oder abholte. Aber ein Sorgerechtstreit? Nach bisherigen Erkenntnissen nicht anhängig. Tatsächlich ist nicht einmal klar, wie das Kind am Sonntag gestorben ist. Die Obduktion läuft noch. Es gebe Anzeichen "stumpfer Gewalteinwirkung", heißt es bei der Staatsanwaltschaft. Schussverletzungen hatte aber nur der 44-jährige Ehemann, ein gelernter Schreiner.

So sind es bislang nicht mehr als ein paar Vermutungen, aus denen manche an diesem ersten Abend nach der Tat vielleicht schon Legenden stricken. Die Polizei dagegen hält sich mit Schlussfolgerungen auffällig zurück. Die Indizien sind bislang rar: R.s Wohnung ist komplett ausgebrannt. Lediglich zwei Tresore wurden gefunden, doch die sind noch nicht geknackt. Vielleicht sind die Waffen darin, die die Polizei im Moment noch sucht. Denn neben der "Walther Long Rifle", Kaliber 22, mit der R. am Sonntagabend um sich schoss, besaß die Juristin ihrem Waffenschein zufolge noch drei weitere Waffen. Bei Hausdurchsuchungen in der Wohnung von R.s Mann wurde bislang nichts gefunden.

In der der Markus-Pflüger-Straße ist man derweil damit beschäftigt, wieder Normalität herzustellen. Die Nachbarn aus den Wohnungen neben der Nummer 22, die eine Nacht in einem Hotel verbringen mussten, sind wieder zu Hause. Auch das Elisabethen-Krankenhaus, das tagsüber noch hermetisch abgeriegelt war, ist wieder zugänglich. In der Mitte des grünen Innenhofes spielt am Abend schon das erste Kind wieder auf dem Spielplatz mit dem quietschbunten Klettergerüst.

Doch die unzähligen kleinen Blutspritzer, die auf dem steinernen Weg von der Straße zu der Grünfläche hinführen, erinnern noch an die Tat. Die Polizei hat sie mit großen weißen Kringeln eingerahmt. Und selbst wenn die Spuren am Boden weg sind, wird die Erinnerung der Stadt noch lange im Gedächtnis bleiben. Am Abend stellten Lörracher zahlreiche Kerzen und Blumen bei dem Krankenhaus auf.

Mit der Aufarbeitung dieser Bluttat hat die Stadt gerade erst begonnen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 380 Beiträge
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1. Logisch
DJ Doena 20.09.2010
Ihr böser Mann natürlich.
2. Immer das Naheliegendste...
Zealord 20.09.2010
Videospiele natürlich. Wie bei jedem Amoklauf.
3. .
zch 20.09.2010
Zitat von DJ DoenaIhr böser Mann natürlich.
Ja, bestimmt... Frauen sind ja von sich aus zu bösen Taten gar nicht fähig, wie die feministische Geschlechterforschung schon längst herausgefunden hat, also muss auf irgendeine Art und Weise ein Mann die volle Schuld an dem Amoklauf tragen, ist doch logisch!
4. Mal sehen
Fuzzy Barnes 20.09.2010
Heterosexuell, Verheiratet, Katholisch, Juristin*, Waffenbesitzerin. Ich bin ja mal gespannt, welche dieser Eigenschaften in der Yellowpress ihr noch nachgetragen wird. Viel gespannter bin ich darauf, welche Eigenschaft es eben nicht wird. *ja, bis hierhin ist das aus Twitter geklaut: http://twitter.com/zynaesthesie/status/25010188997
5. .
mika-amw 20.09.2010
Diesmal fällt wohl die einfache Erklärung mit den Videospielen raus, was..?
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