Angeklagter Bauer: Freispruch im Fall Lolita Brieger

Fast 29 Jahre wurde Lolita Brieger vermisst, erst im vergangenen Sommer fanden Ermittler die Leiche auf einer stillgelegten Müllkippe. Der Ex-Freund der Toten, ein angesehener Landwirt, wurde wegen Mordes angeklagt - und nun von einem Gericht freigesprochen.

Lolita Brieger: 30 Jahre Ungewissheit, dann Freispruch Fotos
dapd

Trier - 29 lange Jahre wusste ihre Familie nichts über ihren Verbleib. Erst im vergangenen Sommer wurde für die Angehörigen von Lolita Brieger eine schreckliche Befürchtung zur Gewissheit: Die damals 18-jährige schwangere Frau wurde 1982 ermordet. Ihre sterblichen Überreste wurden 2011 auf einer ehemaligen Mülldeponie gefunden.

Doch auch jetzt findet die Familie keine Ruhe: Briegers Ex-Freund, der inzwischen 51 Jahre alte Josef K., wurde am Montag am Landgericht Trier vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Die Vorsitzende Richterin begründete die Entscheidung, die viele überraschte, mit mangelden Beweisen gegen den angesehenen Landwirt aus dem Eifeldorf Scheid - und mit Verjährung.

Das Gericht zeigte sich zwar überzeugt, dass K. seine schwangere Ex-Freundin getötet hat. Allerdings sei nach so langer Zeit nicht mehr mit Sicherheit festzustellen, wie genau es zu der Tötung kam, hieß in der Urteilsbegründung. Die Mordmerkmale Heimtücke oder niedrige Beweggründe seien deshalb nicht mit Sicherheit nachzuweisen, sagte die Vorsitzende Richterin. Die Richter gehen davon aus, dass K. einen Totschlag begangen hat - dieser sei allerdings verjährt.

Das Gericht ordnete einer Sprecherin zufolge nun an, dem seit Anfang September in Untersuchungshaft sitzenden K. die Auslagen für den Prozess zu ersetzen. Die Staatsanwaltschaft hatte für den Fall eines Freispruchs angekündigt, eine Revision prüfen zu wollen.

Belastung für eine Familie und ein Dorf

Fast 30 Jahre lang hatte das Verschwinden von Lolita Brieger nicht nur ihre Familie belastet, sondern fast ein ganzes Dorf. Am 4. November 1982 war die junge Frau zum letzten Mal lebend gesehen worden - eine Arbeitskollegin hatte sie mit dem Auto in der Nähe des Bauernhofs von K. in Scheid abgesetzt. Der Ex-Freund wurde in den folgenden Jahren mehrfach vernommen. Die Polizei verdächtigte ihn, etwas mit dem Verschwinden zu tun zu haben, konnte ihm aber nichts nachweisen. Das Verbrechen lastete auf der Gemeinde, in der eigentlich jeder jeden kennt - und irgendwann jeder jeden verdächtigte.

Erst im vergangenen Sommer bekam der Fall neuen Schwung: In der Fernsehsendung "Aktenzeichen XY... ungelöst" wurde ein Beitrag über Briegers Verschwinden ausgestrahlt. 76 Anrufe gingen nach der Sendung ein, darunter auch der eines Mannes, der K. bei der Beseitigung der Leiche geholfen haben wollte.

Der Schlüsselzeuge, ein Dachdecker, schilderte, wie K. ihn nach der Tötung Briegers aufgesucht und um Hilfe gebeten habe. Gemeinsam hätten sie dann die Leiche zu einer ehemaligen Müllhalde in Frauenkron gebracht. Im Oktober begann die Polizei mit der Suche nach der Leiche, rund zwei Wochen später fand sie ein in Folie verpacktes Skelett: die Überreste von Lolita Brieger.

Seit März musste sich K. vor Gericht verantworten. Laut Anklage hatte er seine schwangere Freundin im elterlichen Schuppen in Scheid mit einem Draht erdrosselt. Demnach hatte er sich einen Tag vor der Tat von seiner Freundin getrennt, die zierliche Lolita wollte ihn umstimmen und auch ihr Kind behalten.

Anfang der achtziger Jahre sollen die Einstellungen in dem rheinland-pfälzischen 200-Seelen-Ort Frauenkron extrem konservativ, fast schon engstirnig gewesen sein. Lolita stammte aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, K. war der Sohn eines vermögenden Landwirts. Seine Freundin galt als nicht standesgemäß.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage sahen Mordmerkmale

Eine Kernfrage in dem Verfahren war, ob K. ein Mord nachgewiesen werden konnte. Die Staatsanwaltschaft sah gleich zwei Mordmerkmale erfüllt: niedrige Beweggründe und Heimtücke. K. habe sich der 18-Jährigen "entledigen wollen, weil sie vom sozialen Stand her nicht zu seiner Familie passte", sagte Staatsanwalt Eric Samel in seinem Plädoyer. Sie sei seiner Ansicht nach "nicht würdig" gewesen, Teil seiner reichen Familie zu werden. Da Brieger eine Trennung nicht akzeptieren und das Kind austragen wollte, habe er "den für ihn bequemsten Weg gewählt und sie von der Bildfläche verschwinden lassen", sagte Samel.

Auch für den Vertreter der Nebenklage, Hans-Josef Ewertz, handelte K. heimtückisch. Brieger sei arg- und wehrlos gewesen, als sie den Bauern aufsuchte. Für den Angeklagten sei es aber nur um den Hof, ums Materielle gegangen. "Er war der Kronprinz", sagte Ewertz, der die 80-jährige Mutter der Toten und eine ihrer Schwestern vertritt.

Verteidiger Heinz Neuhaus hingegen betonte in dem Verfahren, sein Mandant sei "unschuldig im Sinne der Anklage". Der Anwalt plädierte auf Freispruch aus Mangel an Beweisen. Es gebe weder "objektive Merkmale noch schlüssige Fakten", die für eine Verurteilung ausreichten, so Neuhaus. Der Angeklagte habe damals öfter gesagt, er wolle an Lolita festhalten - auch wenn er enterbt werde. Zudem wäre im Fall einer Trennung ein uneheliches Kind auch im Jahr 1982 kein gesellschaftlicher Makel gewesen, sagte Neuhaus.

Der Angeklagte selbst hatte den ganzen Prozess über geschwiegen und stets nahezu regungslos auf seine gefalteten Hände gestarrt. In einem abschließenden Wort hatte er lediglich gesagt: "Ich schließe mich meinem Verteidiger an."

siu/dpa/dapd

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