Tödliche Angriffe in London Hauptstadt der Gewalt

London erlebt eine Welle tödlicher Gewalt, seit Jahresbeginn wurden mehr als 50 Menschen umgebracht. Drogenhandel, Jugendliche ohne Perspektive und ein Spardiktat bei der Polizei ergeben eine gefährliche Mischung.

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Von Sascha Zastiral, London


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Tanesha M. steht mit einer Gruppe von Jugendlichen in einer Nebenstraße in Tottenham im Norden von London. Es ist der Abend des Ostermontags. Die 17-Jährige ist in dem Viertel beliebt und hat viele Freunde. Leute, die sie kennen, beschreiben sie als fürsorglichen und warmherzigen Menschen, der mit niemandem Streit hatte. Tanesha M. steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Sie spricht viel über ihren bevorstehenden 18. Geburtstag.

Plötzlich fallen mehrere Schüsse, abgegeben aus einem fahrenden Auto, das sofort wegrast. Panik bricht aus. Tanesha sackt schwer verletzt zusammen. Ihre Mutter trifft Minuten später ein und nimmt das Mädchen in die Arme. Sanitäter kämpfen fast eine Stunde lang um das Leben des Mädchens. Vergeblich. Tanesha stirbt in den Armen ihrer Mutter.

Tanesha war das 48. Opfer tödlicher Gewalt in London in diesem Jahr, inzwischen sind es mehr als 50. Die Zahl der Messerstechereien und Schießereien hat seit Jahresbeginn drastisch zugenommen. Und immer wieder werden junge Londoner zum Opfer dieser Gewalt - wie Tanesha M. In ihrem Fall vermutet die Polizei, dass ein Streit zwischen Gangs der mörderischen Attacke voranging. Die 17-Jährige geriet offenbar zwischen die Fronten.

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Tödliche Gewalt in britischer Hauptstadt: Tatort London

Das Thema wird breit diskutiert. Eine Meldung bekam besonders viel Aufmerksamkeit: In den vergangenen zwei Monaten sind in London mehr Menschen gewaltsam zu Tode gekommen als in New York - und das zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte.

Allein zwischen dem 14. März und dem 2. April wurden in der britischen Hauptstadt 15 Menschen getötet. Die meisten Opfer wurden erstochen, doch auch der Einsatz von Schusswaffen steigt. Sollte der Trend anhalten, dann könnten 2018 an die 200 Londoner Opfer tödlicher Gewalt werden - mehr als doppelt so viele wie 2014.

Mehr als hundert Blumensträuße liegen heute an dem Ort, an dem Tanesha M. starb. Zwischen den Blumensträußen stehen Dutzende Kerzen. Auf einem Transparent steht: "Neshas Sonnenaufgang: 09.07.2000 - Sonnenuntergang: 02.04.2018."

Es ist keine gute Gegend: Kleine, schmucklose Reihenhäuser ziehen sich die Straße entlang. Es gibt nur wenige Geschäfte, viele Häuser sehen vernachlässigt aus. Nur wenige Meter entfernt beginnt eine Anlage mit Sozialwohnungen. Die schweren Unruhen, die 2011 London und mehrere weitere Städte in Großbritannien erfassten, haben hier, in Tottenham, begonnen.

"Ein Kokain-Markt, der elf Milliarden Pfund wert ist"

Der Labour-Abgeordnete für den Stadtteil, David Lammy, macht vor allem den Drogenhandel für die Zunahme der Gewalt verantwortlich. "Es gibt sicher keine einzelne Ursache", sagte Lammy in einem Interview. "Aber was mir Sorge bereitet, ist das, was die Gangs in Revierkämpfe treibt: und das ist ein Kokain-Markt, der elf Milliarden Pfund wert ist."

London habe sich zum Drogenmarkt Europas entwickelt, Polizei und Politik hätten die Kontrolle verloren. "Es gibt Kinder, die gerade einmal zwölf oder dreizehn Jahre alt sind, die von Gangs rekrutiert werden, um Drogen zu transportieren", sagte Lammy. Der Kokain-Konsum von weißen Menschen in Notting Hill werde immer mehr dekriminalisiert, sagte der Politiker. Aber "die jungen, schwarzen Fußsoldaten" seien diejenigen, die den Risiken des Drogenhandels ausgesetzt seien, fügte er hinzu. David Lammy ist selbst schwarz.

Kritiker geben dem strikten Sparkurs der Regierung die Schuld an der Zunahme der Gewalt. Laut Innenministerium ist die Zahl der Polizisten in England und Wales in den vergangenen Jahren stark gesunken, von 144.353 im Jahr 2009 auf 123.142 im vergangenen Jahr. Vor allem auf den Straßen Londons sieht man immer weniger Polizisten, die direkten Kontakt zu den Menschen haben.

Diese "Bobbies" waren lange Ansprechpartner, denen sich besorgte Anwohner anvertrauen konnten. Führende Polizisten und Polizeigewerkschaften warnen seit Jahren, die Einschnitte bei der Polizei könnten zu einer Zunahme der Gewalt führen.

Regierung schweigt über Kürzungen

Seit dem Antritt der konservativen Regierung 2010 wurden zudem Hunderte Jugendhäuser geschlossen. In vielen Problemvierteln wüssten Jugendliche aus benachteiligten Familien nicht mehr, wohin sie gehen sollten, sagen Kritiker. Diese Jugendlichen landeten dann in Straßengangs.

Die Innenministerin, die diese Einschnitte zwischen 2010 und 2016 überwacht hat, war Theresa May - die heutige Premierministerin. Da verwundert es nicht, dass von den Kürzungen bei der Polizei praktisch keine Rede war, als Innenministerin Amber Rudd jüngst die Strategie der Regierung gegen die eskalierende Gewalt vorstellte.

Dabei zeigen geleakte Dokumente des Innenministeriums, dass man auch dort glaubt, dass die Kürzungen bei der Polizei wahrscheinlich zu der Zunahme der schweren Gewalt beigetragen haben. Doch dieser Faktor wird in dem 114-seitigen Strategiepapier mit dem Titel "Strategie zur ernsten Gewalt" ausgeblendet.

Stattdessen ist darin die Rede von gewaltverherrlichenden Posts in den sozialen Medien, von Vorsorge in den Gemeinschaften, aus denen die gewalttätigen Jugendlichen stammten und von der Notwendigkeit, mit noch größerer Härte gegen den Drogenhandel vorzugehen. Zudem soll der Verkauf von Messern über das Internet eingeschränkt werden. Der Verkauf und Besitz von Waffen wie Schlagringen soll verboten werden.

Keine Alternative für ein Leben ohne Gang

Alistair Fraser, Soziologe und Kriminologe an der Universität Glasgow, befasst sich seit Jahren mit Jugendgewalt und mit Gangkriminalität. Er sieht ebenfalls einen Zusammenhang zwischen der Zunahme der schweren Gewaltdelikte und den Kürzungen bei den öffentlichen Diensten. Fraser hat sich im Rahmen seiner Forschungsarbeit zwischen 2006 und 2010 in Glasgow als Sozialarbeiter mit jungen Männern befasst, die in Gangs aktiv waren. Glasgow galt damals als die gewalttätigste Stadt Europas.

"Die Austerität, die wir hier seit Jahren erleben, hat für Einschnitte bei den öffentlichen Diensten gesorgt und die Arbeitsbedingungen für diese Dienste erschwert. Das ist sicher eine der Ursachen", sagt Fraser. Er warnt allerdings davor, das Problem allein auf Stellenkürzungen bei der Polizei zu verengen. "Da spielen auch andere Faktoren eine Rolle: Die jungen Männer aus diesen gesellschaftlichen Gruppen haben weniger Zugang zu Jobs und damit weniger Alternativen für ein Leben ohne die Gang. Und die Einschnitte betreffen ja nicht nur die Polizei, sondern eine Vielzahl von öffentlichen Diensten, etwa die Jugendarbeit."

Bei einem Großteil der Todesopfer und mutmaßlichen Täter in London handelt es sich um junge schwarze Männer. "Gangs und Gewalt entstehen in den Gruppen, die am stärksten gesellschaftlich, wirtschaftlich und kulturell ausgegrenzt werden", sagt Alistair Fraser. "Das hat nichts mit der Hautfarbe zu tun. In Glasgow sind das junge Männer aus der weißen Arbeiterschicht. Es ist ein Problem, das mit Ausgrenzung und Ungleichheit zu tun hat." Und gerade in Weltstädten wie London hätten wirtschaftliche Ausgrenzung und Ungleichheit in den vergangenen Jahren stark zugenommen.

Glasgow als Vorbild?

Fraser verweist auf die Erfolge in Glasgow: Dort beschlossen die Behörden Mitte der Nullerjahre, schwere körperliche Gewalt nicht länger als reines Kriminalitätsproblem zu betrachten, sondern als Problem der öffentlichen Gesundheit.

Ärzte und Krankenschwestern wurden angehalten, nach Anzeichen häuslicher Gewalt Ausschau zu halten. Gangmitglieder wurden mit Familienmitgliedern von Todesopfern und mit ehemaligen Tätern konfrontiert. Sozialarbeiter gingen auf Gruppen zu, von denen Gewalt ausgegangen war. Lokale Gemeindegruppen wurden in die Arbeit der Polizei eingebunden. Jungen Männern wurden Fortbildungs- und Ausbildungsangebote unterbreitet - wenn sie jeglicher Gewalt abschworen.

Das Konzept war damals umstritten. Aber es änderte sich etwas. Innerhalb weniger Jahre halbierte sich in Glasgow die Mordrate. Auch die Zahl der übrigen Gewaltverbrechen ging zurück.

In London ist derweil kein Ende der Gewaltwelle abzusehen. Am Mittwoch wurde im Hipster-Viertel Hackney ein junger Mann auf offener Straße niedergestochen. Er überlebte. Am selben Tag wurde im Bahnhof Stratford International während der Rushhour ein Mann mit Stichverletzungen auf einem Bahnsteig gefunden. Er überlebte ebenfalls. Einen Tag später wurde im Osten Londons ein Mann in seiner Wohnung mit einem Messer schwer verletzt. Er starb.


Zusammengefasst: Die Behörden in London verzeichnen eine deutliche Zunahme tödlicher Gewalttaten. In diesem Jahr wurden schon mehr als 50 Menschen umgebracht; Täter wie Opfer sind oft jung und schwarz. Viele Faktoren tragen zu der Eskalation bei - zunehmende Aggressivität von Drogengangs, Stellenstreichungen bei der Polizei, fehlende Angebote für Jugendliche. Die Regierung hat eine Strategie der Härte vorgelegt, um die Lage zu verbessern. Doch ob die Maßnahmen etwas bringen, ist umstritten.



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dunnhaupt 15.04.2018
1. Junge Menschen ohne Perspektive
Auf der Reise begegnete mir ein junges britisches Ehepaar, die nach Deutschland auswandern wollten. Auf meine Frage weshalb entgegneten sie: "Wir können einfach nicht länger einem Antiquitätenladen leben."
oisndoivnpsdv 15.04.2018
2. Liberalisierung
Und schon ist der 11 Mrd-Markt nur noch einen Bruchteil so groß, denn die hohen Preise entstehen ausschließlich durch das kriminelle Risiko. Clever reguliert und besteuert könnte der Staat die Einnahmen an sich nehmen, statt sie den kriminellen Kartellen zu überlassen. Beschaffungskriminalität würde auf ein Minimum reduziert, Gewalt um Märkte und Verteilung gäbe es hat nicht mehr, da in staatlicher Hand. Die staatlich kontrollierten Drogen wären rein und frei von hochgefährlichen.Streckstoffen. Nur Vorteile also. Und welchen Nachteil hätte eine Legalisierung? Eigentlich keinen.
dirkozoid 15.04.2018
3. Die Tories ruinieren GB
Kürzen und privatisieren ohne Rücksicht auf Verluste. Und dann noch diese Inkompetenz beim Brexit. Die Menschen in GB können einem Leid tun. Besser wird nichts werden in Zukunft.
andre1972 15.04.2018
4. Wie bei innerpolitischen Spannungen üblich
Wird man vermutlich versuchen von den Problemen abzulenken. Bei Trump hat man dies heute bereits aufgezeigt - Ablenkung durch den Einsatz in Syrien von Problemen im Land. Wie wir hier lesen kann auch GB etwas Ablenkungen gebrauchen, und in Frankreich gibt es auch riesige Proteste wegen der Reformen. Damit haben wir das Bündnis der willigen Krieger doch schon komplett. ..
bikerrolf 15.04.2018
5. Wen wundert's?
Das ist die schöne alte Welt des Manchester-Liberalismus, seit Thatcher als Neoliberalismus gepflegt. Auch von Blair und New Labour, eifrig von Schröder kopiert und jüngst von Scholz bekräftigt. Während in London Corbyn immerhin einen Sinneswandel erkennen lässt, sind die deutschen Sozialdemokraten in einer Endlosschleife gefangen, deren Ende in Frankreich zu besichtigen ist.
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