Londoner Messermorde Scotland Yard nahm Verdächtigen nicht ernst

Dieser Doppelmord erschütterte ob seiner Brutalität selbst hartgesottene Ermittler: Zwei Austauschstudenten sind in London mit mehr als 200 Messerstichen getötet worden. Ein Verdächtiger meldete sich bei der Polizei. Doch die nahm den Mann nicht ernst - und zunächst nicht einmal fest.

Von


Hamburg - Die Täter erbeuteten eine Kreditkarte, zwei Spielkonsolen und einen Laptop - und töteten zwei junge Männer auf bestialische Weise. 23 Jahre alt waren die beiden französischen Austauschstudenten, die am vorvergangenen Wochenende in einer Ein-Zimmer-Wohnung im Londoner Stadtteil New Cross geknebelt, mit rund 250 Messerstichen ermordet und schließlich angezündet wurden. Die Polizei sucht mit Hochdruck nach den Tätern, doch eine erste, heiße Spur erwies sich als Finte.

Ein 21-Jähriger wurde am Sonntag nur wenige Stunden nach seiner Festnahme wieder aus der Haft entlassen. Die Beweise reichten nicht aus, um dem Mann eine Beteiligung an der Tat nachzuweisen.

"Sie denken noch nicht einmal daran, mich festzunehmen"

Am frühen Montagmorgen hat sich nun ein 33-Jähriger bei einer Polizeistation in Lewisham im Süden der Stadt gemeldet. Er wurde umgehend in ein Krankenhaus eingeliefert. Zunächst war nicht bekannt, warum er dort behandelt werden musste. Eine Sprecherin von Scotland Yard sagte nun, der Mann habe Brandwunden aufgewiesen, die zunächst ärztlich hätten versorgt werden müssen. "Nachdem die Verbrennungen behandelt worden waren, wurde er abgeführt und wieder in Haft genommen."

Laut Informationen der britischen "Sun" meldete sich der Mann in der Nacht zu Montag gegen 1:30 Uhr auf der Wache. Eine Frau, die sich zu der Zeit ebenfalls in der Polizeistation aufhielt, will beobachtet haben, dass er schwere Brandverletzungen an den Händen und am Gesicht aufwies - und einen sehr verstörten Eindruck machte.

"Ich habe denen gerade gesagt, dass ich zwei Menschen in New Cross umgebracht habe, und sie denken noch nicht mal daran, mich festzunehmen", sagte der 33-Jährige demnach zu der Frau. Stattdessen ließ man den Mann nach seiner Aussage mehr als fünf Minuten warten - neben der Rezeption, im allgemeinen Wartebereich. Warum die Polizisten die Aussage des Mannes zunächst nicht glauben wollten und ihn nicht sofort in Gewahrsam genommen haben, wird nun polizeiintern ermittelt.

Die Frau, die sich an die "Sun" gewandt hat, sagt, der Mann habe dem Phantombild, das Scotland Yard nach der Tat veröffentlicht hat, sehr ähnlich gesehen. Die Zeitung zitiert Ermittler mit der Aussage, der Mann "stehe unter erheblichem Verdacht". Er wird nun von der Polizei verhört.

Szenen wie in einem Quentin-Tarantino-Film

In den ersten 28 Wochen dieses Jahres sind 19 Teenager auf den Straßen Londons ermordet worden. So viele wie nie zuvor. Die Stadt erlebt eine Welle der Gewalt an jungen Menschen - verübt von jungen Menschen. Doch der Mord an den beiden französischen Studenten hat das Königreich noch einmal besonders erschüttert.

Er gilt als der brutalste Mord in der Serie anhaltender Gewalt. Die Szenen in dem Appartement hätten denen eines Quentin-Tarantino-Filmes geglichen, sagen Ermittler. "Ich habe noch nie in meiner Karriere Leichen gesehen, die so zugerichtet worden sind", sagte Mick Duthie, der Leiter der Ermittlungen, der nicht zu großen Worten neigt, in einer Pressekonferenz.

Laurent Bonomo und Gabriel Ferez waren vor drei Monaten in die britische Metropole gekommen, um am renommierten Imperial College zu forschen. Beide galten an ihrer Heimatuniversität, der Clermont-Ferrand Polytech, als überdurchschnittlich begabt und engagiert, beide hatten ihren Aufenthalt in London um einen Monat verlängert, weil sie sich so wohl gefühlt hatten in der Hauptstadt.

Fast 250 Messerstiche - und kein Motiv

Rückblick: Am Abend des 29. Juni treffen sich die beiden in der Parterrewohnung, die Laurent Bonomo gemietet hat. Sie wollen gemeinsam das Spiel Deutschland-Spanien, das Finale der Fußball-Europameisterschaft, im Fernsehen anschauen und sich den Rest des Abends mit Computerspielen vertreiben.

So viel ist bekannt über den Abend, an dem die beiden Studenten ums Leben kamen - viel mehr aber auch nicht.

Nachbarn hörten später am Abend eine schwere Explosion in der Wohnung in dem roten Klinkerbau. Fensterscheiben zerbrachen, Scherben flogen durch die Luft. Ein Bewohner rief die Feuerwehr, dann versuchten die Männer und Frauen bis zu deren Ankunft, das Feuer in der Wohnung mit Eimern voller Wasser zu löschen. Sie riefen, um herauszufinden, ob sich Menschen in der Wohnung aufhielten. Als sie keine Antwort bekamen, stand für sie fest: Es handelte sich nur um einen Hausbrand, Menschen waren nicht zu Schaden gekommen.

Erst später fanden die Ermittler von Scotland Yard heraus, dass Bonomo und Ferez bereits tot waren, als der oder die Täter die Wohnung in Brand steckten. 196 Mal wurde auf Bonomos Kopf, Hals und Körper eingestochen. Allein die erste Hälfte der Wunden war tödlich, doch der oder die Täter ließen auch nach Bonomos Tod nicht von ihm ab und stachen immer wieder zu. Ferez wurde mit 47 Stichen ermordet.

Warum die beiden sterben mussten, ist für die Polizei derzeit noch ein Rätsel. Die Studenten sind nie kriminell in Erscheinung getreten, Ermittlungen in ihrem Umfeld liefen bislang ins Leere.

Mord aus Zufall?

Zwei Theorien kursieren derzeit auf der Insel: Beide scheinen genauso wahrscheinlich wie grotesk, beide sind nicht befriedigend. Sie besagen: Bonomo und Ferez sind unschuldig zu Mordopfern geworden.

Die erste geht davon aus, dass es sich bei der Tat um einen Raubmord gehandelt hat. Am 23. Juni war bei einem Einbruch in Bonomos Wohnung ein Laptop gestohlen worden - Bonomo selbst hatte den Täter überrascht, als er aus der Dusche kam. Die Polizei hält es für denkbar, dass der oder die Täter an jenem Sonntagabend zurückgekommen sind, um Bonomo, den Zeugen der Tat, aus der Welt zu schaffen. Die Ermittler haben keine Anzeichen, dass die Täter sich am Abend des Mordes gewaltsam Zugang zur Wohnung verschafft haben. Beim Einbruch wurde auch ein Schlüsselbund gestohlen - und der Mord sollte die Spuren des Einbruchs verdecken.

Zwei Morde also, um den Diebstahl eines Laptops zu vertuschen?

Theorie zwei geht davon aus, dass Ferez und Bonomo Opfer einer Verwechslung wurden - und man sie deshalb erstach.

In einem Brief haben sich die Eltern eines der Opfer an die Mörder ihres Sohnes gewandt: "Du wirst Dich nicht auf ewig verstecken können", schrieben Francoise und Olivier Ferez. "Du magst Angst haben und Dich wie ein Feigling fühlen, aber Du musst den fürchterlichen Fehler eingestehen, den Du begangen hast. Sei versichert, dass wir Dir keinen Frieden lassen."

Scotland Yard appelliert an die Menschen in London, sich auch weiter mit Hinweisen zu melden. "Wir wissen derzeit nicht, wie viele Verdächtige in den Fall verwickelt sind."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.