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Mysteriöse Mord-Affäre: Verschollener Lord nach 41 Jahren für tot erklärt

Lord Lucan: Der verschollene Earl Fotos
Getty Images

Seine Geschichte ist legendär: Lord Lucan gehörte zur Londoner High Society - und soll 1974 ein Kindermädchen ermordet haben. Der Aristokrat verschwand spurlos, jetzt hat ihn ein Gericht für tot erklärt.

Die mysteriöse Mordaffäre um Richard John Bingham, den siebten Earl von Lucan, allgemein Lord Lucan genannt, ist um ein Kapitel reicher. Der Aristokrat und seine Geschichte hatten Großbritannien in den vergangenen vier Jahrzehnten immer wieder beschäftigt.

Lord Lucan soll für den Mord an dem Kindermädchen seiner Kinder im November 1974 verantwortlich sein. Nun erklärte das Oberste Londoner Zivilgericht den seit mehr als 41 Jahren verschollenen Lord offiziell für tot.

Lucans Sohn George Bingham hatte die Ausstellung einer Sterbeurkunde gerichtlich beantragt. Ohne sie durfte er den Titel seines Vaters nicht übernehmen und auch dessen Platz im britischen Oberhaus, dem House of Lords, nicht einnehmen.

Das letzte Mal war Lucan in der Nacht zum 7. November 1974 gesehen worden. Er besuchte damals ein befreundetes Paar und schrieb zwei Briefe an seinen Schwager, in denen er seine Unschuld beteuerte.

Wollte Lucan eigentlich seine Frau töten?

Wenige Stunden zuvor war das Kindermädchen seiner drei Kinder, Sandra Rivett, im Haus seiner von ihm getrennt lebenden Frau Veronica ermordet worden. Veronica war ebenfalls im Dunkeln angegriffen worden und gab an, die Stimme ihres Mannes erkannt zu haben. Die Ermittler und ein Gericht kamen zu dem Schluss, dass es sich bei dem Mörder um Lord Lucan gehandelt haben müsse.

Die Ermittler glauben, er habe das Kindermädchen versehentlich getötet - eigentlich habe er seine Frau ermorden wollen, mit der er in einem erbitterten Streit um das Sorgerecht für seine drei Kinder lebte. Nach ihrem Tod wäre ihm das Sorgerecht zugefallen.

Von dem Lord fehlt seit jener Nacht jede Spur. Später fanden Ermittler seinen blutbefleckten Wagen in der Nähe der südenglischen Küste. Einige vermuten deshalb, dass er sich in den Ärmelkanal stürzte und ertrank.

Bizarre Verschwörungstheorien

Andere dagegen sind fest davon überzeugt, dass der Lord noch lebt: Unter anderem soll er in Südafrika wieder aufgetaucht sein, in Kolumbien oder Neuseeland. Meist handelte es sich um Verwechslungen. Der Verschollene müsste inzwischen 81 Jahre alt sein. "Der Lord spukt um die Welt, gejagt von Scotland-Yard-Detektiven, gesichtet von Hoteliers und Bardamen im französischen St. Malo, erspäht von Neugierigen in Rhodesien, Südafrika und Mocambique", schrieb der SPIEGEL im Sommer 1975.

Um die Mordaffäre ranken sich vermutlich auch deshalb so viele Mythen, weil der von seinen Freunden "Lucky" genannte Lucan eine äußerst schillernde Persönlichkeit war: angesehene Erblinie, Eton-Absolvent, ehemaliger Gardeoffizier, Bobfahrer und sogar als Nachfolger von Sean Connery in der James-Bond-Rolle gehandelt. Er war für seinen ausschweifenden Lebenswandel berüchtigt, seine große Leidenschaft soll das Glücksspiel gewesen sein.

Eine der bizarrsten Verschwörungstheorien tischte ein alter Spielerfreund des Lords auf: Demnach soll Lucans Leiche nach seinem Suizid in einem Zoo an einen Tiger verfüttert worden sein, um jeden Beweis für seinen Tod zu vernichten - und auf diese Weise zu verhindern, dass seine Frau sein Vermögen erbt.

Erleichterung bei Lucans Sohn

Lucans inzwischen 48-jähriger Sohn George hat das Gerichtsverfahren auch angestrengt, um endlich einen Schlussstrich unter die Affäre ziehen zu können, die ihn nach wie vor "Tag und Nacht" verfolge. Seit Kurzem ist Bingham verheiratet, mit der Tochter eines vermögenden dänischen Industriellen.

Das Urteil des Gerichts findet der nun achte Earl of Lucan gerecht. Er habe lange darauf gewartet, sagte Bingham. Er sei erleichtert, auch wenn das Rätsel um den Verbleib seines Vaters wahrscheinlich nie gelöst werde.

Für Neil Berriman, den leiblichen Sohn des Kindermädchens, ist der Fall hingegen noch nicht erledigt. Er könne erst Ruhe finden, wenn eindeutig geklärt sei, wer seine Mutter getötet habe und warum, sagte der ebenfalls 48-Jährige.

Berriman war nach seiner Geburt zur Adoption freigegeben worden. Dass Sandra Rivett seine Mutter ist, erfuhr der Bauarbeiter erst vor acht Jahren: Drei Jahre nach dem Tod seiner Adoptivmutter öffnete er einen Briefumschlag, den sie ihm hinterlassen hatte - und entdeckte die Wahrheit über seine Herkunft.

wit/AFP/AP

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