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Love-Parade-Aufarbeitung: … und schuld bist du!

Von Andrea Brandt und

An die Sondersitzung des Düsseldorfer Innenausschusses waren große Hoffnungen geknüpft: Die Politiker sollten die Hintergründe der Love-Parade-Katastrophe aufklären. Doch die Runde kam über plumpe Schuldzuweisungen nicht hinaus.

Düsseldorf - Es war am Dienstagabend um 22.10 Uhr, als ein Bote an der Hauptpforte des Düsseldorfer Innenministeriums einen Packen Papier abgab. 37 Seiten, erstellt von einer renommierten Wirtschaftskanzlei und adressiert an den Staatssekretär im Hause, nahmen die Wachhabenden mit interessiertem Blick entgegen. Es war die erwartete Rechtfertigungsschrift der Stadt Duisburg.

Dieser Zwischenbericht, der den 25 Mitgliedern des Innenausschusses nun zu ihrer Love-Parade-Sondersitzung am Mittwochmittag vorgelegt wurde, ist ebenso eindeutig in seiner Aussage wie in seiner Absicht: Die Verwaltung habe "keine allgemeine oder gar übergeordnete Zuständigkeit für die Sicherheit der gesamten Veranstaltung" gehabt, heißt es in dem Dokument, für das die Juristen der Kanzlei Heuking, Kühn, Lüer, Wojtek nach eigenen Angaben 35 Ordner mit Akten eingesehen und Beamte der Stadt befragt hatten.

Duisburg sei nicht zuständig gewesen "für Sicherheit und Ordnung im Zusammenhang mit dem Ablauf der Veranstaltung am 24.07.2010, insbesondere nicht für die Regulierung der Besucherströme auf der Karl-Lehr-Straße, im Tunnel und auf dem Veranstaltungsgelände. Dies oblag dem Veranstalter und der Polizei", schrieben die von der Stadt beauftragten Rechtsanwälte.

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Polizei-Dokumentation: Chronik der Love-Parade-Katastrophe

Es gebe derzeit "keine Erkenntnisse" darüber, dass die Mitarbeiter der Stadt ihre gesetzlichen Pflichten verletzt und "auf diese Weise zum Unglück beigetragen oder es gar verursacht hätten". Allerdings zeigten die Recherchen der Verwaltung, dass "Dritte" - gemeint sind wohl die Love-Parade-Veranstalter um den McFit-Betreiber Rainer Schaller - gegen Vorgaben und Auflagen verstoßen hätten. "Wir können nicht ausschließen, dass diese Verstöße im Zusammenhang mit dem Unglück relevant geworden sind", heißt es in dem Zwischenbericht.

Demnach hätten aber auch geparkte Polizeifahrzeuge die Rampe deutlich verschmälert, so die Verwaltung. Dabei sei die Fläche als Fluchtweg gekennzeichnet und nicht als Abstellplatz gedacht gewesen. Auf dem Video der Überwachungskamera 13 ist allerdings zu sehen, dass die dort stehenden Wagen keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Entstehung des tödlichen Gedränges gehabt zu haben scheinen.

Der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) nahm die Polizei daher erneut in Schutz und bekräftigte seine bereits in der vergangenen Woche erhobenen Vorwürfe gegen die Stadtverwaltung: Es bestehe der Verdacht, dass sie die Einhaltung der Auflagen nicht kontrolliert habe.

"Ich werde nicht zulassen, dass die Polizei als Sündenbock für die Fehler und Versäumnisse anderer herhalten muss", so Jäger in der Sondersitzung des Ausschusses. "Es ist schäbig, erst die Polizei um Hilfe zu rufen, weil die Veranstaltung aus dem Ruder läuft, und ihr dann auch noch den Schwarzen Peter zuzuschieben."

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Love Parade 2010: Die Katastrophe von Duisburg

Polizeiinspekteur Dieter Wehe erklärte, die Ordner des Veranstalters hätten Anweisungen und Vereinbarungen nicht umgesetzt. Als zur Minderung des Besucherstroms nach Abstimmung eine Polizeikette gebildet worden sei, hätten die Security-Leute nicht wie vereinbart den Zulauf in die Tunnel begrenzt, sondern sogar erhöht. Die nachdrängende Menschenmenge habe den Druck gesteigert.

Für Innenminister Jäger ist klar: "Wenn das Sicherheitssystem des Veranstalters funktioniert, muss die Polizei nicht zur Hilfe gerufen werden." Der aus Duisburg stammende Politiker sicherte jedoch zu, sämtliche Vorwürfe gegen die Beamten aufzuklären. Gleichzeitig deutete er an, dass es auch bei der Polizei zu Irrtümern gekommen sein könnte: "Es ist unwahrscheinlich, dass ein Einsatz dieser Dimension fehlerfrei verläuft."

Jäger forderte zudem bessere und verbindliche Qualitätsstandards für Sicherheitsfirmen bei Großveranstaltungen. "Wir werden Wege finden müssen, zu unterbinden, dass an der Sicherheit gespart wird."

Dem Veranstalter und der Stadt Duisburg warf Jäger vor, bei der Aufklärung der Unglücksursachen nicht mitzuarbeiten. Es werde gemauert. Auch Ausschussmitglieder kritisierten, dass ihre Fragen von der Stadt nicht beantwortet worden seien. "Ich glaube, dass die Diskussion über die Love-Parade noch monatelang dauern wird", sagte Jäger.

"Wer hat wann Fehler gemacht?"

Die Oppositionsparteien CDU und FDP hatten dem Innenminister insgesamt fast hundert Fragen vorgelegt. Mit den Antworten des Innenministers seien sie jedoch nicht zufrieden, sagte der CDU-Politiker Peter Biesenbach SPIEGEL ONLINE am Rande der Sitzung. Seine Fraktion wolle daher in den nächsten Wochen entscheiden, ob sie die Einsetzung eines Untersuchungsausschusses verlangen werde.

Auch der FDP-Politiker Horst Engel behält sich diese Möglichkeit vor: "Wir werden die nächste Sitzung am 2. September abwarten. Ein Untersuchungsausschuss gehört weiter ernsthaft zu unserem Instrumentenkasten." Und die Linke Anna Conrads erklärte, sie interessierten vor allem drei Fragen: "Wer hat wann Bedenken am Konzept der Love Parade in Duisburg ignoriert? War das Sicherheitskonzept rechtlich überhaupt genehmigungsfähig? Wer hat wann an der Rampe und an den Schleusen Fehler gemacht?"

Gesucht werden also weiterhin Antworten.

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Forum - Love Parade - Welche Lehren müssen aus Duisburg gezogen werden?
insgesamt 5984 Beiträge
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1.
fiutare 31.07.2010
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Wieviel Spass um jeden Preis verträgt die Gesellschaft? Diese Frage sollte sich jeder stellen.
2. Persönlich
donbilbo 31.07.2010
Persönlich ziehe ich daraus keine Lehre sondern eine Bestätigung: Menschenmassen meide ich, wenn nur irgendwie möglich. Ob das nun eine Loveparade ist, Public Viewing, Rock Festivals oder die Mitternachtseröffnung eines Elektromarktes. Das tue ich mir nicht an! Wenn ich feiern und tanzen will kann ich das auf einer Party für 1000 Leute genauso gut, wie auf einer für 1.000.000. Ein Unterschied für den Einzelnen ist eh nicht festzustellen, ausser vielleicht Schwierigkeiten bei Anreise/Abreise/Toilettensuche usw.
3.
betawa 31.07.2010
Die selbe Lehre die wir auch in vielen anderen Bereichen wieder neu erlernen müssen: Es geht um Menschen und demenstrechend sorgfältig sollte man handeln. Unsere Gesellschaft ist menschenfeindlich geworden. Profit, Erfolg und Geld steht über allem.
4.
Sumerer 31.07.2010
Zitat von sysop21 Tote und Hunderte von Verletzten mussten nach der Katastrophe von Duisburg im Rahmen der diesjährige Love Parade beklagt werden. Welche Lehren für die Zukunft von Großveranstaltungen dieser Art sind aus dem Desaster zu ziehen?
Es muß generell gewissenhaft geprüft und überprüft werden ob die Wegekapazitäten dem Besucherandrang und der Kapazität des Veranstaltungsortes tatsächlich entsprechen. Veranstaltungen dieser Größenordnung können generell nicht auf einem hermetisch abgeriegelten Areal, mit nur einem Zu- und Abgang durchgeführt werden. Die Veranstaltung hätte weder so geplant, beantragt, genehmigt, noch durchgeführt werden dürfen. Sie war von der Planung an zum unweigerlichen Scheitern verurteilt.
5. Chaos-Theorie und Praxis
IsArenas, 31.07.2010
Dazu wurde ja schon einiges und eigentlich alles gesagt. Technisch-planerisch-organisatorisch wird man gewiss viel versuchen zu verbessern, das liegt in der Natur des Menschen. Ansonsten: Shit happens oder feiner,neutraler: Murphys Gesetz (das vom Toast, der immer mit der belegten Seite nach unten faellt), alles, was passieren kann, passiert eben irgendwann...ich denke mal, das weiss man allerspaetestens seit Tschernobyl (im Negativen) und dem Fall der Berliner Mauer (im Positiven). Lebe jeden Tag, als waere es dein letzter, waere auch noch so ein Lehrsatz. Der beruehmte Fluegelschlag des Falters im Amazonas-Urwald bestimmt vielleicht jetzt gerade meinen Tod...
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Karte: Wie es zur Love-Parade-Katastrophe kam
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Karte: Wie es zur Love-Parade-Katastrophe kam

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Pressekonferenz zur Love Parade: Viele Fragen, kaum Antworten

Die Love Parade
Die Love Parade findet seit 1989 statt, zunächst über viele Jahre in Berlin. 2007 zog die Veranstaltung dann ins Ruhrgebiet um, mit der Premiere in Essen. Vor zwei Jahren gastierte sie in Dortmund. 2009 sagte Bochum die Techno-Party ab, weil die Stadt keine Chance sah, den Besucherandrang zu bewältigen und einen geeigneten Veranstaltungsort zu finden. 2010 endete die Love Parade in einer Tragödie: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt.
Die Anfänge
1989 gründet Techno-DJ Dr. Motte (Matthias Roeingh) die Love Parade. Etwa 150 Technofans tanzen auf dem Kurfürstendamm unter dem Motto "Friede, Freude, Eierkuchen". Die Veranstaltung wuchs rasant: 1994 tanzten bereits 120.000 Technofans um 40 Trucks herum, 1996 kamen 750.000 Raver auf die Straße des 17. Juni im Tiergarten. Die Rekord-Besucherzahl von 1,5 Millionen gab es 1999.
Die Flaute
2000 wurde der Umzug exportiert: Nicht nur in Berlin, sondern auch in Wien, Tel Aviv und Leeds gab es Love Parades. 2001 wurde die Berliner Parade nicht mehr als politische Demonstration eingestuft, sondern als kommerzielle Veranstaltung. 2002 kam es mit 700.000 Besuchern zu einem Einbruch, 2004 und 2005 fiel die Parade mangels Sponsoren ganz aus.
Die Rückkehr
2006 feierte die Love Parade ein Comeback mit neuem Veranstalter. Unter dem Motto "The Love Is Back" tanzten nach Polizeischätzung rund 500.000 Menschen, laut Veranstalter bis zu 1,2 Millionen Menschen. Nach dem Umzug ins Ruhrgebiet waren 2007 in Essen etwa 1,2 Millionen dabei, 2008 in Dortmund sogar 1,6 Millionen Besucher - nach Veranstalterangaben, die aber fragwürdig sind. Im vergangenen Jahr fiel das Event aus. Ursprünglich sollte es in Bochum stattfinden, aber die Stadt fand keinen geeeigneten Veranstaltungsort und befürchtete, den Besucherandrang nicht bewältigen zu können.
Die Katastrophe
In diesem Jahr fand die Love Parade unter dem Motto "The Art Of Love" in Duisburg statt, auf einem abgeschlossenen alten Bahngelände. Die Veranstaltung endete in einer Katastrophe: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden verletzt. Offensichtlich waren wesentlich mehr Menschen auf dem Gelände als die nach Informationen von SPIEGEL ONLINE zugelassenen 250.000. Die Veranstalter sprachen kurz vor der Tragödie von insgesamt 1,4 Millionen Besuchern. Nach dem Unglück erklärte Organisator Rainer Schaller das Aus der Love Parade.


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