Love-Parade-Chronologie Wie Duisburg eine Katastrophe genehmigte

Am Ende musste es schnell gehen und sollte billig sein: Interne Unterlagen aus der Duisburger Stadtverwaltung zeigen, wie die Verantwortlichen die Love Parade gegen alle Bedenken und Widrigkeiten durchboxten. Wo ein politischer Wille war, fand sich auch ein rechtlicher Weg.

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Duisburg - Hinterher wollte er von nichts mehr gewusst haben, für nichts unmittelbar zuständig oder gar verantwortlich gewesen sein, es sollte so aussehen, als gäbe es niemanden, der mit der Love Parade weniger zu schaffen hatte als Adolf Sauerland, Duisburgs Oberbürgermeister.

Ihm seien "keine Warnungen bekannt" gewesen, beteuerte der CDU-Politiker nach der Katastrophe, nach dem Tod von 21 Menschen. Von Juristen, die er hatte beauftragen lassen, ließ er sich später noch die rechtliche Absolution erteilen: Es gebe derzeit "keine Erkenntnisse" darüber, dass die Mitarbeiter der Stadt ihre gesetzlichen Pflichten verletzt und "auf diese Weise zum Unglück beigetragen oder es gar verursacht hätten", schrieben die Anwälte im Auftrag der Duisburger Verwaltung.

Doch das erscheint zunehmend zweifelhaft. Interne Unterlagen der Stadt zeigen, wie nachsichtig die Beamten mit dem Veranstalter waren, wie sie immer wieder Fristen verlängerten und Ausnahmeregelungen fanden. Schließlich genehmigten sie die Party sogar, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht alle erforderlichen Dokumente vorlagen.

SPIEGEL ONLINE zeichnet nun auf Grundlage neuer vertraulicher Papiere aus den Behörden nach, wie die Love Parade nach Duisburg kam und vor welchen Schwierigkeiten die Verantwortlichen zwischenzeitlich standen: Es ist die Chronologie eines behördlichen Versagens mit furchtbaren Folgen.

Beginnen muss man mit Adolf Sauerland, dem Oberbürgermeister, der hinterher von keinerlei Bedenken gegen die Technofeier mehr gewusst haben wollte. Dabei hätte der Politiker seit Wochen gewarnt sein können. Die Aufzeichnungen aus seinem Haus belegen, dass Sauerland offenbar früh über den geradezu chaotischen Verlauf der Love-Parade-Planung informiert war.

  • So forderte am 14. Juni - also einen guten Monat vor der Party - die Untere Bauaufsicht der Stadt von Lopavent, endlich wichtige Unterlagen einzureichen. Knapp fünf Wochen vor der Megafeier, so der zuständige Sachgebietsleiter, habe der Veranstalter noch immer keinen "Lageplan" des Geländes vorgelegt, kein "zielorientiertes Brandschutzkonzept" und keine Endfassung des Sicherheitskonzepts.

Der Beamte drohte den Love-Parade-Machern: "Sollten die fehlenden Unterlagen" nicht bis zum 29. Juni "eingegangen sein, werde ich den Antrag gebührenpflichtig (...) zurückweisen." Der Brief ging in Kopie an die zuständigen Verwaltungsabteilungen und auch ganz nach oben, an das "Büro OB z. Kts.", also an Oberbürgermeister Sauerland.

  • Am 18. Juni machten Mitarbeiter der Duisburger Verwaltung den Lopavent-Leuten bei einem Besuch außerdem deutlich, dass es in den Planungen noch viel zu wenige Fluchtwege gab. Doch da schaltete sich Rechtsdezernent Wolfgang Rabe ein. In dem Protokoll der Besprechung, das laut Verteiler ebenfalls dem Oberbürgermeister (OB) vorgelegt wurde, hieß es:

"Herr Rabe stellte in diesem Zusammenhang fest, dass der OB die Veranstaltung wünsche und dass daher hierfür eine Lösung gefunden werden müsse. Die Anforderung der Bauordnung, dass der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse, ließ er nicht gelten. Er forderte 62 (Amt für Baurecht; d. Red.) auf, an dem Rettungswegekonzept konstruktiv mitzuarbeiten und sich Gedanken darüber zu machen, wie die Fluchtwege dargestellt werden könnten."

Und weiter: "Es könne nicht sein, dass 62 (Amt für Baurecht; d. Red.) diese Pflicht nur auf die Antragsteller (Lopavent; d. Red.) abwälzen würde, schließlich wolle der OB die Veranstaltung."

  • Eine Woche später, am 25. Juni, trafen sich Vertreter von Lopavent mit der Stadt, der Feuerwehr und einer Brandschutzfirma zu einer Krisensitzung im Duisburger Hoist-Haus. Hier präsentierte Lopavent einen neuen Plan mit "doppelgenutzten Ausgängen".

Sowohl die Bauaufsicht als auch die Brandschutzexperten warnten, "dass dieser Lösungsansatz" nicht den Vorschriften entspreche. Eine "Abweichung vom geltenden Recht" sei nicht zu rechtfertigen. Die Love-Parade-Macher saßen in der Klemme: Das Gelände war zu klein für die Besuchermassen, es fehlten Rettungswege und Notausgänge von entsprechender Breite. Die Party stand auf der Kippe.

Da kam einem der Brandschutzspezialisten die zündende Idee: Eine "Entfluchtungsanalyse" könnte die Love Parade retten, das hatte schon früher geklappt.

Der Mann fragte im Bauministerium nach. Ein Beamter bestätigte ihm, dass eine solche Untersuchung tatsächlich "die Möglichkeit biete, Verdichtungen von mehr als zwei Personen je Quadratmeter darzustellen". "Daraus", so heißt es in einem Vermerk der Duisburger Expertenrunde, "kann dann eventuell eine erforderliche Abweichung" vom Baurecht "formuliert werden".

Bis zu Love Parade waren es noch 29 Tage.

In rekordverdächtiger Zeit wurde die rettende "Entfluchtungsanalyse" erstellt, die beweisen sollte, dass das Gelände im Notfall schnellstens geräumt werden konnte. Wenn genügend Notausgänge vorhanden seien, kalkulierte man offenbar, könnten auch mehr Menschen aufs Gelände, größeres Gedränge sei dann nicht so schlimm - die Ausgänge ließen sich ja zügig öffnen. Am 20. Juli, vier Tage vor der Love Parade, legte die beauftragte Firma das gewünschte Gutachten vor.

Entfluchtung, Verdichtung - alles im Griff.

Auch Panikforscher Michael Schreckenberg war im Einsatz. Vor Vertretern von Stadt, Polizei und Feuerwehr referierte er über die Zugangswege zur Love Parade. Glaubt man einem "speziellen Vermerk" der Polizei über das Treffen, so warnte Schreckenberg zum Beispiel vor dem Einsatz von festinstallierten Gittern: Diese seien "zu gefährlich und wenig zielführend". Er empfehle, "keine festen Sperren auf der Strecke einzusetzen".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
sergio56 09.08.2010
1. Immer schneller , immer billiger , bis....
Zum nachdenken kommt erst wenn was passiert , dann wird für kurze Zeit zurückgerudert bis das ganze wieder vergessen ist und irgendwann geht es wieder los. Die Veranstalter können mit viele Faktoren rechnen nur mit einem nicht , der Faktor Mensch , in Duisburg die Veranstalter hatten den Faktor Mensch vollmitgerechnet , leider nur als Komparsen .
aw734 09.08.2010
2. Da zeigt sich einmal mehr...
... Geld und Image zählen mehr als Vernunft.
Ronnie O Rantanplan 09.08.2010
3. Vorauseilender Gehorsam...
... noch vor Eintreffen des Sicherheitskonzepts wird die Veranstaltung kurz vor Toreschluss genehmigt. Da haben die Anwälte des Veranstalters aber ordentlich Druck gemacht, da hat sich die Stadt ordentlich unter Druck setzen lassen. Was nicht passt, wird passend gemacht, ein Grundsatz des Baurechts, wenn der Druck durch den Bürger mit Hilfe von Anwälten und sonstigen Geschützen zu groß wird. Nur ging es hier nicht um Bauwerke und Abstandsflächen, sondern um Menschenleben. Ganz bitter, wie die Stadtverwaltung sich dem Druck von Lovapent geschlagen gab und die Sicherheit aus den Augen verloren hat. Und Sauerland spielt nun die Rolle von Peter Lorre aus "M - Eine Stadt sucht einen Mörder" und taucht unter (ich habe damit nicht gesagt, dass er ein Mörder ist). Die Toten von Duisburg sind schon fast wieder vergessen in der Öffentlichkeit, das ist das Bittere.
sitting-bull 09.08.2010
4. Gefälligkeitsgutachten
Das war nach Schreckenbergs Aussage, und den spärlichen Infos zur "Entfluchtungsanalyse" klar. Ich zitiere: "Man hat anscheinend Gefälligkeitsgutachten mit vorformulierten Teilaufgaben in Auftrag gegeben, die Teile des Sicherheitskonzepts einen legitimen Anstrich verpassen sollten." http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=5959213&postcount=142 Damit kann man Vorsatz beweisen. Hier geht es nicht um "Fehler", sondern vorsätzliche Tötung, also Totschlag. Und vorsätzliche Körperverletzung.
T-Rex, 09.08.2010
5. Bizarre Berichterstattung
Rummms - da schlägt die nächste Granate beim OB ein. Ob Westerwelle Guttenberg oder 'Friedensflotille' die alt68er Zielliste wird abbombardiert. Der OB wird heute mal verfrühstückt, weil er seine Dezernate unter Druck gesetzt hat die Sicherheitsanforderungen für die LP zu erfüllen - also zu helfen statt nur Dokumente zu fordern. Früher wurde ihm unterstellt er bleibe eiskalt im Amt um seine Bezüge zu retten. Ist das das korrekte Bild von A.S. ? Ein machtgeiler Sesselkleber ? Ist es nicht eigentlich die Aufgabe eines OB in der Stadt etwas in Gang zu setzen und darauf zu achten, dass alle Stadtangestellten mitziehen ? Wer hat Ihm denn nun gesagt, dass zu viele Menschen durch zu wenig Platz getrieben würden ? War diese Entfluchtungsanalyse unrechtmäßig oder als falsch zu erkennen ? Wer würde denn von Ihnen persönlich für so eine Tragödie in Sauerlands Situation sofort die 'politische Verantwortung' übernehmen ? Die Planung war ihrem Bericht zu Folge nicht so klar, wie sie Anfangs berichtet haben. Zu beginn hieß es noch im Spiegel: Wie kann man nur 1 Million Menschen auf einen Platz drängen, der nur für 250k Leute Platz bietet. Nun heißt es - war ja klar, dass der Veranstalter übertreibt... Was denn jetzt ? Kennen Sie Fakten - können Sie wirklich Urteilen ?
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