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Love Parade 2010: Die verjährte Katastrophe

Von , Düsseldorf

Love Parade 2010: In der Massenpanik starben 21 Menschen Zur Großansicht
DPA

Love Parade 2010: In der Massenpanik starben 21 Menschen

Fünf Jahre sind seit der Love-Parade-Katastrophe in Duisburg vergangen - und noch immer ist kein Strafprozess in Sicht. Für alle Beteiligten, gegen die bislang nicht ermittelt wurde, ist klar: Sie müssen nicht mehr vor Gericht.

An der Treppe, an deren Fuß sie starben, hängt nun eine Tafel. "Liebe hört niemals auf" steht darauf in sieben Sprachen.

21 Menschen ließen am Nachmittag des 24. Juli 2010 auf der Love Parade in Duisburg ihr Leben, Hunderte wurden verletzt. Es war eine der schwersten Katastrophen der deutschen Nachkriegsgeschichte, fünf Jahre liegt sie nun zurück. Auch wenn die Liebe nicht endet, so wenig wie der Schmerz der Hinterbliebenen, so endet doch die Möglichkeit der juristischen Schuld: Fast alle Straftaten, die im Zusammenhang mit dem Unglück in Betracht kommen, verjähren spätestens nach fünf Jahren.

So verstreicht nun demnächst die Gelegenheit, außer den zehn bereits Angeschuldigten, weiteren Verantwortlichen wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung den Prozess zu machen. Nicht mehr vor Gericht werden sich aller Voraussicht nach Duisburgs Ordnungsdezernent und der Leiter des Ordnungsamts verantworten müssen. Ebenso aus dem Schneider sind bald der sogenannte Crowd-Manager des Veranstalters, der am Katastrophentag die Eingangsschleusen zum Partygelände kontrollierte, sowie der damalige Polizeieinsatzleiter Kuno S.

Gegen den früheren Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und den Fitnessunternehmer Rainer Schaller wurde nie ermittelt - und wird es auch nicht mehr. Für sie tritt nun als erste eine Verjährung ein, bei den übrigen bislang nicht Angeschuldigten wird das wohl in den nächsten Monaten erfolgen.

"Die Polizei wurde mit Samthandschuhen angefasst"

Es sei nicht darum gegangen, "politische oder moralische Verantwortlichkeit" zu bemessen, sondern um die Aufarbeitung strafrechtlicher Schuld, hat Duisburgs Leitender Oberstaatsanwalt Horst Bien einmal erklärt. Er ist überzeugt, die Richtigen angeklagt zu haben: den früheren Duisburger Stadtentwicklungsdezernenten Jürgen Dressler, fünf Mitarbeiter des städtischen Bauamts sowie vier Verantwortliche der Firma Lopavent, die die Techno-Veranstaltung organisiert hatte.

Andere haben jedoch Zweifel, ob dies wirklich genügt: "Die Polizei wurde von den Ermittlern mit Samthandschuhen angefasst", kritisiert der Kölner Rechtsanwalt Björn Gercke, der einen Mitarbeiter von Lopavent vertritt. "Das ist mir unerklärlich."

Sein Kollege Jürgen Wessing schrieb sogar einen offenen Brief an die nordrhein-westfälische Landesregierung, in dem er eine "politische Einflussnahme" auf die Ermittlungen unterstellte. So habe das Innenministerium sich in der heiklen Angelegenheit nicht neutral verhalten, woraus eine Beeinflussung der Beamten entstanden sein könnte, notierte der Rechtsanwalt aus Düsseldorf. Das Ministerium weist diese Darstellung zurück.

"Die lebt ja noch!"
Der Duisburger Staatsanwaltschaft gelten Fehler in der Planung als entscheidende Ursache für die Katastrophe. Weil sich zu viele Menschen auf zu engem Raum gedrängt hätten, musste es demnach zwangsläufig zu einem Versagen des Systems kommen. So waren die Zu- und Abgänge des Love-Parade-Geländes für solche Menschenmengen ungeeignet. Die Planer hätten erkennen müssen, dass lebensgefährliche Situationen entstehen würden, argumentieren die Ermittler.

44.000 Aktenseiten, Prozessbeginn unklar

Die Angeschuldigten hätten jedoch nicht nur Planungsfehler gemacht, sondern auch bei der Kontrolle ihrer Entscheidungen versagt. Das aber sei ebenfalls ihre Pflicht gewesen, so die Staatsanwaltschaft. "Die amtlich genehmigte Katastrophe" hieß schon die Titelgeschichte des SPIEGEL im August 2010.

Die Polizei wiederum habe das Unglück nicht mehr abwenden können, als es am Nachmittag des 24. Juli 2010 offenbar geworden war, sind die Ankläger überzeugt. Die Maßnahmen der Polizei hätten das Geschehen nicht ausgelöst, mögliche Fehler seien daher strafrechtlich nicht relevant.

Die 556-seitige Anklage, erhoben im Februar 2014, richtet sich daher ausschließlich gegen Angestellte von Stadt und Veranstalter, an deren Schreibtischen die Katastrophe entstanden sein soll. Allesamt weisen sie die Vorwürfe zurück.

Die von den Ermittlern erstellte Hauptakte umfasst inzwischen mehr als 44.000 Seiten, hinzu kommen viele Terabytes Videomaterial. Zentrales Beweismittel der Staatsanwaltschaft ist ein Gutachten des englischen Panikforschers Keith Still, an dem es jedoch Zweifel gibt: "Nach unserer Auffassung ist es nicht nur juristisch unverwertbar, sondern auch in der Sache unbrauchbar", sagt Rechtsanwalt Gercke.

Zuletzt hatte die Duisburger Strafkammer den Fachmann Still aufgefordert, mehr als 70 Ergänzungsfragen zu beantworten. Inzwischen sind seine Antworten eingetroffen und übersetzt, doch nun haben alle Verfahrensbeteiligten abermals Gelegenheit zur Stellungnahme. Der Love-Parade-Prozess wird also aller Voraussicht nach auch in Jahr fünf nach der Katastrophe nicht beginnen können.

Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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