Love-Parade-Katastrophe Staatsanwaltschaft klagt nur zehn Personen an

21 Tote, Hunderte Verletzte - wer trägt die Schuld an der Love-Parade-Katastrophe von Duisburg? Die Staatsanwaltschaft steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ermittlungen. Nach SPIEGEL-Informationen werden wohl nur zehn Beschuldigte angeklagt.

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Hamburg - Um 17.01 Uhr wählt ein Polizeikommissar von seinem privaten Handy aus den Notruf. "Wir haben eine tote Person", brüllt er ins Telefon, "eine Person ist ex. Direkt am Ausgang, am Eingang zur Love Parade." Im Hintergrund sagt eine Frauenstimme: "Du musst jetzt auflegen, damit die jemanden schicken." Es ist der Moment, in dem alles anders geworden ist.

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Die Mega-Party im Juli 2010 sollte Duisburgs tristes Image aufpolieren, Hunderttausende tanzende Menschen, lachend, feiernd, diese Bilder wollte die Stadtverwaltung von Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) sehen. Doch die Feier endete in einer der größten Katastrophen der deutschen Nachkriegsgeschichte: 21 Menschen starben, mehr als 500 wurden zum Teil schwer verletzt. Die Frage lautet noch immer: Wer trägt die Schuld daran?

Dreieinhalb Jahre später zeichnet sich nun nach SPIEGEL-Informationen der Abschluss der Ermittlungen gegen die mutmaßlich Verantwortlichen für das Desaster ab. Aller Voraussicht nach wird die Staatsanwaltschaft jedoch lediglich zehn der 16 Beschuldigten anklagen. Nach SPIEGEL-Informationen handelt sich dabei um den früheren Duisburger Stadtentwicklungsdezernenten Jürgen Dressler, fünf Mitarbeiter des städtischen Bauamts sowie vier Verantwortliche der Firma Lopavent, die die Techno-Veranstaltung organisiert hatte. (Die ganze Geschichte zu dieser Meldung können Sie hier im aktuellen SPIEGEL lesen.)

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Katastrophe bei der Love Parade: Tod im Tunnel
Einsatzleiter der Polizei wird nicht angeklagt

Nicht mit einer Anklage rechnen müssen dagegen Duisburgs Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe und der Leiter des Ordnungsamts, Hans-Peter Bölling, gegen den ermittelt worden war. Auch der sogenannte Crowd-Manager des Veranstalters, der am Katastrophentag die Eingangsschleusen zum Party-Gelände kontrollierte, sowie der damalige Polizei-Einsatzleiter Kuno S. werden sich nach SPIEGEL-Informationen nicht vor Gericht verantworten müssen. Die Anwälte von Rabe und Bölling sowie die der Beschuldigten, die angeklagt werden sollen, wollten sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern.

Unterdessen wird eine weitere, schwere Polizeipanne bekannt, die zu dem Unglück beigetragen haben könnte. Um 16.51 Uhr, genau zu dem Zeitpunkt, als auf der völlig überfüllten Eingangsrampe zum Party-Areal jener "Menschenberg" entstand, in dem zahlreiche Love-Parade-Besucher sterben sollten, fuhr nur wenige Meter entfernt ein Polizeitransporter durch die Menge - und sorgte damit für zusätzlichen Druck.

Funk war nicht eingeschaltet

Die Besatzung des Fahrzeugs hatte den Auftrag, einen Gefangenentransporter auf dem Gelände zu übernehmen, und wusste offenbar nichts von der dramatischen Situation auf der Rampe. Zum Zeitpunkt ihrer Durchfahrt, so sagten die Beamten später aus, sei der Polizeifunk ausgeschaltet gewesen, da sie die entsprechenden Funkkanal-Pläne erst an ihrem Einsatzort erhalten sollten.

Bei der Besatzung des grünen VW-Bullis handelte es sich nach SPIEGEL-Informationen um einen Oberkommissar und einen Hauptkommissar von der Technischen Einsatzeinheit aus Bochum.

Im Schritttempo rollte der Kleinbus den Aussagen der Beamten zufolge durch den Tunnel, mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn. Es sei sehr eng und laut gewesen, so die Polizisten. Die Masse habe getobt, die Leute hätten gegen die Wagen geschlagen, Bier durch die geöffneten Fenster geschüttet und sogar auf dem Dach getanzt.

Unterwegs hätten sie noch vier Sanitäter eingesammelt und einige Besucher, die zu kollabieren drohten. Als sie schließlich die Rampe erreicht hätten, sei er überrascht von dem Gedränge gewesen, erinnerte sich der Fahrer. Es sei sehr schwierig gewesen, den Wagen durch die Menge zu steuern. Er habe die umgekippten Zäune gesehen, so der Oberkommissar, und dass Menschen auf Lichtmasten geklettert seien, aber von der tödlichen Eskalation nichts bemerkt. Erst viel später habe er von der Katastrophe erfahren.

jdl

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