Auftakt zum Love-Parade-Prozess "Und dafür soll es keine Verantwortlichen geben?"

Der Prozess zur Love-Parade-Katastrophe beginnt, siebeneinhalb Jahre nach dem Unglück. Hinterbliebene der Opfer erhoffen sich Aufklärung und Sühne. Der erste Verhandlungstag zeigt: Sie könnten enttäuscht werden.

Gerichtssaal im Congress Center Düsseldorf
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Gerichtssaal im Congress Center Düsseldorf

Von , Düsseldorf


Gabriele Müller sagt, sie habe siebeineinhalb Jahre lang auf diesen Moment gewartet. Sie habe die Tage seit dem Unglück gezählt. Es waren bis heute genau 2649. "Und jetzt ist es endlich soweit", sagt Müller, "ich wollte diesen Tag unbedingt."

Müller, 60, ist dick eingepackt, als sie am Morgen das Congress Center in Düsseldorf betritt, sie trägt Daunenjacke und Wollschal. Die Friseurin aus Hamm ist Nebenklägerin beim Love-Parade-Prozess, ihr Sohn Christian kam 2010 bei dem Techno-Event ums Leben. Er war 25 Jahre alt.

Über die Jahre hatten Hinterbliebene wie Gabriele Müller schon fast den Glauben daran verloren, dass es überhaupt noch zum Prozess kommen würde. Nun also doch: Seit heute wird die Katastrophe vor Gericht aufgearbeitet. Der juristische Aufwand, das öffentliche Interesse ist so enorm, dass das zuständige Landgericht Duisburg den Prozess nach Düsseldorf in ein Kongresszentrum verlegt hat.

Im Mittelpunkt des Verfahrens steht diese Frage: Wer ist verantwortlich ist für die Tragödie, bei der 21 Menschen starben und mehr als 650 verletzt wurden?

Man kann das Verfahren in Zahlen fassen: Ein Gerichtssaal mit 750 Quadratmetern, 500 Sitzplätzen und drei Großbildleinwänden, auf denen die Verhandlung übertragen wird. Eine Hauptakte mit 53.500 Seiten, dazu tausend Ordner mit ergänzendem Aktenmaterial, zehn Angeklagte, die von 30 Verteidigern vertreten werden, außerdem 65 Nebenkläger mit 38 Anwälten. Selten hatte ein Strafprozess in Deutschland solche Dimensionen. Man kann den Prozess aber auch in einem Gefühl beschreiben: Sühne.

"Und dafür soll es keine Verantwortlichen geben?"

"Ich möchte wissen: Was ist damals schiefgelaufen?", sagt Gabriele Müller. "Die Love Parade ist geplant worden, genehmigt worden, durchgeführt worden, und dann in einer Katastrophe geendet. Und dafür soll es keine Verantwortlichen geben? Das kann nicht sein."

Video: "Wer trägt die Verantwortung für den Tod meines Sohnes?"

Der Vorsitzende Richter Mario Plein eröffnet die Verhandlung mit einer dreiviertel Stunde Verspätung. Es seien kurzfristig noch zwei Schriftsätze per Fax eingegangen, heißt es. Dann arbeitet Plein die Anwesenheitsliste ab, allein das dauert über 20 Minuten. Nach einer halben Stunde muss schon das erste Mal unterbrochen werden, weil eine Übertragungskamera kaputt ist.

Nach der Pause kritisieren mehrere Strafverteidiger, unter den Zuhörern im Saal seien mögliche Zeugen, die später im Prozess vorgeladen werden könnten. Wie sich herausstellt, ist auch Miryam-Jeanine Minaty zum Prozessauftakt gekommen, die Sprecherin von Rainer Schaller, der mit seiner Firma Lopavent die Love Parade in Duisburg veranstaltete. Minaty hat sich als freie Journalistin für die Verhandlung akkreditiert. Nach der Kritik an ihrer Anwesenheit verlässt sie freiwillig den Saal. In dem Moment hat der Prozess seinen ersten Aufreger.

Schaller ist in Düsseldorf nicht angeklagt. Genauso wenig wie Adolf Sauerland, der 2010 Oberbürgermeister von Duisburg war. Gegen beide wurde nicht ermittelt, was viele Opfern und Angehörige für einen Fehler halten. Auch von der Polizei muss sich niemand vor Gericht verantworten.

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Love-Parade-Unglück: Duisburg, 24. Juli 2010

Zehn andere Personen sind angeklagt, ihnen wirft die Staatsanwaltschaft fahrlässige Tötung und Körperverletzung vor. Vier von ihnen arbeiteten 2010 für Lopavent. Es sind der Gesamtleiter der Love Parade, der Produktionsleiter, der Sicherheitschef und der technische Leiter. Auf Seiten der Stadt Duisburg sind die damalige Leiterin des Bauamts angeklagt, außerdem der ehemalige Stadtentwicklungsdezernent und vier weitere Mitarbeiter des Bauamts.

Der erste Prozesstag ist davon geprägt, dass ihre Verteidiger Antrag auf Antrag einreichen. In einem geht es um eine mögliche Befangenheit zweier Ergänzungsschöffen. Dann möchte ein Strafverteidiger eine Besetzungsrüge einbringen. "Hier sitzen nicht die richtigen Richter, die über das Verfahren urteilen", sagt er. Ein Vorwurf, über den sich die Anwälte der Nebenkläger echauffieren, einer spricht von "rechtswidrigen Anträgen" und wirft der Verteidigung vor, die Verhandlung mit taktischen Manövern verzögern zu wollen.

Vorsitzender Richter Mario Plein
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Vorsitzender Richter Mario Plein

Kurz vor der Mittagspause atmet der Vorsitzende Richter Plein das erste Mal tief durch. Er wünsche sich "ein bisschen mehr Zurückhaltung" von allen Prozessbeteiligten, sagt er. Die Anträge der Verteidiger hat er bis dahin alle abgeblockt. Plein hat sich für den ersten Prozesstag fest vorgenommen, die Anklageschrift verlesen zu lassen. Auch einen weiteren Antrag eines Verteidigers, der genau das verhindern soll, lehnt der Richter ab. Die Anklage müsse verlesen werden, das sei nun einmal "zwingend vorgeschrieben".

Erst als der Oberstaatsanwalt Uwe Mühlhoff um 15:50 Uhr aufsteht, hat man das Gefühl, dass der Prozess beginnt. Fast eine Stunde lang liest er aus der Anklage vor. Die Staatsanwaltschaft wirft den Lopavent-Mitarbeitern "schwerwiegende Planungsfehler" bei der Vorbereitung des Festivals vor. Die Beamten der Stadt Duisburg wiederum hätten erkennen müssen, dass "die Veranstaltung nicht durchführbar und daher nicht genehmigungsfähig" war.

Das Techno-Event fand auf einem stillgelegten Güterbahnhof in Duisburg statt. Die Besucher strömten über einen 400 Meter langen und 18 Meter breiten Tunnel auf das Areal, der an einer Rampe endete. Sie sollte die Raver auf das Festivalgelände führen, die Rampe war der einzige reguläre Ein- und Ausgang.

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Laut der Anklage kam es dort um 17 Uhr "zu einer Menschenverdichtung von mehreren zehntausend Personen". Der Zu- und Abgang auf das Gelände sei so schmal konzeptioniert worden, sagt Mühlhoff, dass es zwangsläufig zu lebensgefährlichen Verletzungen unter den Besuchern kommen musste. Die engste Stelle auf der Rampe habe gerade mal 10,59 Meter betragen. Viel zu wenig, um diese Zahl von Menschen gleichzeitig dort vorbeizuleiten. "Die maximale Durchflusskapazität auf der Rampe war zeitweise um das Doppelte überschritten", sagt Mühlhoff.

Die meisten Todesopfer starben durch Brustkompressionen, sie erstickten sozusagen innerlich. Am Ende der Verlesung nennt Mühlhoff ihre Namen. Im Gerichtssaal schlagen sich manche der Angehörigen die Hände vors Gesicht, ein Angeklagter massiert sich die Schläfen. Es ist zum ersten Mal an diesem Tag ganz still im Saal.

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Chronologie: Vom Love-Parade-Unglück zum Prozess

Ein paar Minuten nach Verhandlungsende steht Björn Gercke vor dem Gerichtssaal. Gercke ist der Strafverteidiger des Love-Parade-Projektleiters Kersten Sattler. Natürlich, sagt Gercke, sein Mandant bedauere, was passiert ist. Aber Sattler treffe keine Schuld. "Man kann diesen zehn Angeklagten nicht den Tod der 21 Menschen anlasten."

"Unsere Kinder hatten keine faire Chance"

Warum nicht? Gercke sagt: "Die Angeklagten wurden meiner Meinung nach willkürlich rausgepickt. Was ist zum Beispiel mit der Polizei, bei der aus unserer Sicht die entscheidenden Fehler passiert sind? Die Staatsanwaltschaft hat in der Anklage nicht den Beweis erbracht, wer genau was falsch gemacht haben soll."

Gercke sagt, der Sachverhalt sei zu komplex, als dass die Katastrophe in einem Strafprozess aufgeklärt werden könnte. Das Verfahren sei bezüglich der Menge an Beweismitteln "einzigartig in der deutschen Nachkriegsgeschichte". Und dann komme ja noch der Zeitdruck dazu. Gibt es bis 27. Juli 2020 kein Urteil, also genau zehn Jahre nach dem Unglück, wären mögliche Straftaten verjährt. Gercke sagt: "Ich lehne mich selten so weit aus dem Fenster, aber es wird hier keine Verurteilungen geben. Das wäre auch nicht angemessen."

Gabriele Müller muss an sich halten, wenn sie so etwas hört. "Eine Konsequenz wäre für mich, dass man den Beschuldigten der Stadt Duisburg wenigstens den Beamtenstatus aberkennt, damit sie nicht, wenn sie in den Ruhestand gehen, leben können, als wäre nichts gewesen."

111 Verhandlungstage hat das Gericht für den Prozess angesetzt, Müller will so oft es geht in Düsseldorf dabei sei. "Unsere Kinder hatten keine faire Chance bei dem Unglück", sagt sie, "dann wollen wir Eltern wenigsten eine faire Chance bei der Aufklärung."

SPIEGEL TV Magazin: Chronik einer Katastrophe

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