Auftakt zum Love-Parade-Prozess Die Akte Duisburg

21 Tote, mehr als 650 Verletzte - das Love-Parade-Unglück in Duisburg erschüttert Menschen bis heute. Nun wird die Katastrophe vor Gericht aufgearbeitet. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Es hat mehr als sieben Jahre gedauert - nun soll die Love-Parade-Katastrophe vor Gericht aufgearbeitet werden. An diesem Freitag beginnt der Prozess. 21 Menschen kamen bei dem Techno-Event im Sommer 2010 in Duisburg ums Leben, Hunderte wurden verletzt.

In dem Verfahren soll geklärt werden, wie es dazu kommen konnte - und wer im strafrechtlichen Sinne Schuld trägt. Dabei sitzen nicht diejenigen auf der Anklagebank, die kurz nach dem Unglück in der öffentlichen Meinung als Schuldige ausgemacht wurden: Duisburgs damaliger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) und der Chef des Veranstalters Lopavent, Rainer Schaller.

Wer ist angeklagt? Und warum beginnt der Prozess erst jetzt? Die wichtigsten Antworten:

Worum geht es in dem Fall?

Am 24. Juli 2010 waren viele Zehntausend Menschen nach Duisburg zur Love Parade gekommen. Was eine riesige Party werden sollte, endete tödlich: Als zu viele Besucher gleichzeitig an dem einzigen Ein- und Ausgang des Veranstaltungsgeländes waren, wurden 21 Besucher zwischen 17 und 38 Jahren an einer engen Rampe erdrückt. Mindestens 652 Menschen wurden verletzt. Viele von ihnen leiden bis heute körperlich und seelisch unter den Folgen.

Wer sitzt auf der Anklagebank?

Nach dem Unglück erhoben Opfer, Angehörige und viele andere schwere Vorwürfe gegen Sauerland und Schaller. Die beiden sind in dem Verfahren aber nicht angeklagt. Sie treten als Zeugen auf. Es lägen keine Anhaltspunkte dafür vor, dass die beiden selbst Einfluss auf die fehlerhafte Planung oder die Erteilung der Genehmigung genommen hätten, hieß es von der Staatsanwaltschaft.

Angeklagt sind stattdessen vier Mitarbeiter des Veranstalters Lopavent und sechs Mitarbeiter der Stadt Duisburg, darunter der ehemalige Stadtentwicklungsdezernent sowie die damals zuständige Leiterin des Amts 62 für Baurecht und Bauberatung der Stadt Duisburg.

Was wird den Angeklagten vorgeworfen?

Die insgesamt zehn Angeklagten müssen sich wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft den vier leitenden Lopavent-Mitarbeitern vor, schwerwiegende Fehler bei der Planung gemacht zu haben. Vor allem die Rampe soll zu eng gewesen sein, um die vorhergesagten Besucherströme aufnehmen zu können.

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Chronologie: Vom Loveparade-Unglück zum Prozess

Den Mitarbeitern der Stadt wirft die Anklage vor, die notwendigen Pläne genehmigt und so ermöglicht zu haben, dass die Love Parade stattfand. Das System habe zu einem frühen Zeitpunkt versagt, lange bevor die Veranstaltung stattfand. Schon da seien die Gefahren absehbar gewesen.

Warum findet der Prozess nicht in Duisburg statt?

Die zehn Angeklagten werden von rund 30 Verteidigern vertreten. Der Anklage haben sich rund 60 Nebenkläger angeschlossen. Für sie setzen sich weitere 35 Anwälte ein. Zudem werden zahlreiche Pressevertreter erwartet.

Weil kein Saal des Landgerichts Duisburg groß genug für so viele Menschen ist, findet die Hauptverhandlung in einem Saal des Kongresszentrums statt. Er bietet rund 500 Personen Platz. Mehr als 300 Plätze stehen für Zuhörer und Pressevertreter zur Verfügung.

Der Prozess werde für Hinterbliebene, Überlebende und andere Betroffene eine "enorme seelische Belastung sein", sagt Jürgen Widera, Vorstand der Stiftung "Duisburg 24.7.2010". Die Stiftung organisiert daher für jeden Verhandlungstag Notfallseelsorger und Psychologen, die sich um Betroffene kümmern.

Wieso kommt es erst nach mehr als sieben Jahren zum Prozess?

Zunächst zogen sich die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Duisburg über dreieinhalb Jahre hin. 96 Polizisten vernahmen 3409 Zeugen und sichteten Videomaterial mit den Aufnahmen von Überwachungskameras und Handys in einer Gesamtlänge von rund tausend Stunden. Fünf Staatsanwälte und ein Abteilungsleiter waren mit dem Fall befasst.

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Love-Parade-Unglück: Duisburg, 24. Juli 2010

Mehr als zwei Jahre nach Anklageerhebung im April 2016 ließ die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Duisburg die Anklage nicht zur Hauptverhandlung zu: Das für die Anklage zentrale Gutachten des britischen Panikforschers Keith Still leide an gravierenden Mängeln und sei nicht verwertbar.

Staatsanwaltschaft und Nebenkläger legten mit Erfolg Beschwerde ein: Gut ein Jahr später entschied das Oberlandesgericht Düsseldorf, dass das Landgericht doch verhandeln muss - allerdings die 6. Große Strafkammer. Ihr liegt inzwischen ein neues Gutachten des Sachverständigen Jürgen Gerlach vor, das dem SPIEGEL teilweise vorliegt. Der Professor für Straßenverkehrsplanung und -technik kommt darin zu dem Ergebnis: Wenn das Konzept der Love Parade im Vorfeld mit Fachverstand überprüft worden wäre, hätte man den Gefahren ganz anders begegnen oder die Veranstaltung absagen müssen.

Mehr noch: Wären zu dem Event tatsächlich so viele Menschen gekommen wären, wie vorab genehmigt worden war, hätte die Katastrophe noch weit schlimmer ausfallen können, wie aus Gerlachs Gutachten hervorgeht. Tatsächlich seien es etwas mehr als 100.000 Besucher gewesen, die Veranstaltung sei jedoch für mehr als doppelt so viele genehmigt gewesen.

Wann endet die Verjährungsfrist?

Das Duisburger Landgericht muss unter einem gewissen Zeitdruck arbeiten, weil sonst eine Verjährung eintritt. Die Verjährungsfrist orientiert sich am möglichen Strafmaß für die Angeklagten. In dem Verfahren droht ihnen im Falle einer Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Nach fünf Jahren sind solche Taten verjährt - wenn die Verjährung nicht unterbrochen wird, etwa durch Vernehmung eines Beschuldigten.

Das Strafgesetzbuch setzt eine Obergrenze: Die Verfolgung einer Straftat verjährt spätestens, wenn ein Zeitraum verstrichen ist, der dem Doppelten der gesetzlich festgelegten Verjährungsfrist entspricht. Die sogenannte absolute Verjährung tritt also im Fall der Love Parade nach zehn Jahren ein - sollte es bis Ende Juli 2020 kein erstes Urteil geben. Bis Ende 2018 hat das Gericht 111 Verhandlungstage angesetzt.

SPIEGEL TV Magazin: Chronik einer Katastrophe

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fok/dpa

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Seite 1
fesdu2804 08.12.2017
1. Falsch
Zitat: "In dem Verfahren soll geklärt werden, wie es dazu kommen konnte - und wer im strafrechtlichen Sinne Schuld trägt." Nein, genau eben das ist NICHT die Aufgabe des Strafprozesses. Die Kammer hat zu ermitteln, ob die Angeklagten der Vergehen bzw. Verbrechen schuldig sind, aufgrund derer sie angeklagt wurden. Nicht mehr und nicht weniger. Aufgabe des Strafprozesses ist es eben NICHT, den Gesamtsachverhalt aufzuklären. Hierzu wäre ein Untersuchungsausschuss notwendig gewesen. So ist dieses Verfahren von vorneherein sinnlos, unnötig und weckt falsche Erwartungen.
unhappy_truth 08.12.2017
2. Blitzschnell!
Nach 7 Jahren kommt es doch zu einem Prozess...und die mitverantwortlichen Headmen sind nicht mit auf der Anklagebank...das sagt viel über die, mittlerweile gängige, Ethik- und Verantwortungskultur aus! Welches Licht dies auf die deutsche Rechtsprechung wirft, überlasse ich dem Betrachter...
ausdersichtvon 08.12.2017
3. mal ganz ehrlich
das ganze Leben ist ein Risiko. wer sich auf solche Massenveranstaltungen begibt geht ein hohes Risiko ein. Jederzeit muss man mit so was wie Panik oder dergleichen rechnen: IN Fußballstadien hat man das schon hundertfach erlebt. das nun Bauernopfer gesucht werden um die Angehörigen der sogenannten Opfer ZU beruhigen finde ich erschreckend. Da sollen jetzt Streckenposten oder Zugordner Organisatoren Veranstalter Verurteilt werden Warum?
lennido1 08.12.2017
4. Vergebens ....
.... werden meiner Ansicht nach die Angehörigen der Opfer auf ihre berechtigte Forderung nach einer juristischen Aufarbeitung der damaligen Geschehnisse mit einer Verurteilung von Verantwortlichen als Ende eines langen Leidensprozesses warten. Jahrelang hat die Staatsanwaltschaft unter dem Druck der Öffentlichkeit, der Medien und der Hinterbliebenen der Opfer an einer Anklage gearbeitet. Zweifel an den "Fakten" und "Tatsachen" hat es immer gegeben. Aber ein Urteil muß zweifelsfrei sein! Das Gericht hat die Anklageschrift erhalten und muß daher tätig werden. Doch sind hier Personen wie Herr Sauerland, der als damaliger OB der Stadt Duisburg die Loveparade unbedingt wollte und Warnungen bzgl. des Veranstaltungsortes nicht wirklich aufgeschlossen gegenüber stand, angeklagt? Oder ein Herr Schaller als Chef des Veranstaltungsunternehmens? Nein? Vor Gericht werden diejenigen stehen, die auszuführen hatten, was verlangt war. Was wird bleiben? Ein Urteil "im Namen des Volkes"? Freispruch? Ich denke eher letzteres. Zwar nicht erster Klasse, aber noch gilt "In Dubio pro reo!"! Und Zweifel werden bleiben. Auch dann, wenn sich der Medienrummel gelegt hat und die Hinterbliebenen wieder mit sich allein sein werden. Das und die Frage nach dem Sinn des Ganzen!
rex_danny 08.12.2017
5.
Also normal ist so was doch nicht mehr, oder? 7 Jahre bis Prozessbeginn? Gibt es solche Vorgänge außer in Deutschland international auch? Oder sind nur wieder die Deutschen so langsam. Und am Ende ist dann alles verjährt, weil man so langsam war.....
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