Love-Parade-Prozess Schallers glatte Geste

Im Love-Parade-Prozess hat Rainer Schaller als Zeuge ausgesagt. Der Veranstalter der Technoparty übernahm die moralische Verantwortung und ging auf Hinterbliebene zu. Echte Aufklärung lieferte er nicht.

Rainer Schaller und Manfred Reiß, dessen Tochter bei der Love Parade 2010 starb
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Rainer Schaller und Manfred Reiß, dessen Tochter bei der Love Parade 2010 starb

Von Christian Parth, Düsseldorf


Es gibt einen Satz, den Rainer Schaller so routiniert vorträgt, als hätte er ihn über Jahre auswendig gelernt. "Die Love Parade war keine Naturkatastrophe, sondern Menschen haben Fehler gemacht."

An diesem Dienstagmorgen vor dem Düsseldorfer Congress Centrum, wo seit Dezember der Prozess um das Unglück vom 24. Juli 2010 in Duisburg stattfindet, spricht er eben diese Worte in die Kameras, bevor er ohne weitere Erklärung in der zum Gerichtssaal umgebauten Messehalle verschwindet.

Rainer Schaller erscheint elegant im schwarzen Anzug und schwarzen Hemd. Wie schon damals nach der Katastrophe, als Bilder des Fitness-Unternehmers aus Berlin um die ganze Welt gingen, ist der Kopf kahl, um den Mund herum bis zum Kinn herab steht noch immer der wohlgestutzte Bart, der siebeneinhalb Jahre nach der Katastrophe wohl etwas grauer geworden ist.

Schaller ist Chef der Lopavent GmbH, die damals die Love Parade in Duisburg veranstaltet hatte. Wie der damalige Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland sitzt Schaller nicht auf der Anklagebank, sondern wird nun drei Tage als Zeuge gehört.

Die zweitägige Vernehmung Sauerlands hatte keinerlei Erkenntnisse gebracht, außer der, dass er sich für die Massenpanik mit 21 Toten und Hunderten Verletzten nicht verantwortlich fühlt. Für Angehörige und Opfer war der emotionslose Auftritt eine Enttäuschung. Eine von der Nebenklage eingeforderte Entschuldigung hatte Sauerland ausdrücklich abgelehnt.

Schaller dürfte die teils vernichtende Berichterstattung über Sauerlands Auftritt gründlich studiert haben. Dasselbe sollte ihm als Medienprofi nicht passieren. "Das Schlimmste, was es gibt, ist eine negative Presse", wird der 49 Jahre alte Fitnessketten-Besitzer während der Verhandlung sagen. Es klingt wie ein Credo.

"Moralische Verantwortung"

Noch vor Beginn des 31. Verhandlungstages schüttelt er, umringt von Kameras, einigen Angehörigen die Hand. Anschließend bittet er das Gericht, eine Erklärung verlesen zu dürfen. Eigentlich wollte er aufstehen und die Nebenkläger anschauen. Doch da Mikrofon und Kameras fest installiert sind, muss er sitzen bleiben und nach vorne blicken. Er zieht einen gefalteten Zettel aus der Innentasche seines schwarzen Sakkos.

"Ich möchte den Hinterbliebenen mein herzliches Beileid aussprechen und mich aufrichtig entschuldigen", sagt er. "Alles Leid, was Sie seit der Love Parade in Duisburg empfunden und durchleben mussten, ist auf meiner Veranstaltung passiert." Es sei daher selbstverständlich, dass "ich die moralische Verantwortung übernehme". Er wolle nun dazu beitragen, die Dinge aufzuklären.

Diese Hoffnung sollte Schaller dann recht schnell ersticken. Ob er oder seine Firma bei der Planung der Love Parade Fehler gemacht hätten, will Richter Mario Plein wissen. Schaller schüttelt den Kopf. Wochenlang habe er mit seinem Team zusammengesessen, Videos analysiert, aber nichts gefunden. "Ich habe immer wieder nachgefragt. Was haben wir falsch gemacht? Aber ich habe keine Fehler benannt bekommen", sagt Schaller. "Wurde denn auch besprochen, ob von jemand anderem Fehler gemacht wurden?", fragt Plein. Schaller überlegt und spricht von der Polizei, die an der Rampe hinter dem Tunnel eine Kette gebildet hatte.

DER SPIEGEL

Schaller wirkt zwar gut vorbereitet, doch die Fragen des Richters zu den Details der Lopavent-Organisationsstruktur machen ihm zu schaffen. Schaller verfällt zunehmend in den Sauerland-Modus: Von den wichtigen Entscheidungen habe er nichts gewusst. Er sei zwar der Chef der Firma, nicht aber der Planungsverantwortliche gewesen. Dafür habe er seinen Mann gehabt: Kersten Sattler, den "Head of Organisation", der sich zusammen mit drei ehemaligen Lopavent-Kollegen und sechs Mitarbeitern der Stadt Duisburg unter anderem wegen fahrlässiger Tötung in 21 Fällen verantworten muss. Bei Sattler seien alle Fäden zusammengelaufen, er habe die Kommunikation mit der Stadt geführt, er habe Personalentscheidungen getroffen und obendrein recht frei über das Budget verfügen dürfen, so Schaller.

Doch wie schon bei Sauerland erhöht der Vorsitzende den Druck auf den Zeugen. Er präsentiert Schaller ein Organigramm vom März 2010. Die Hierarchie-Zeichnung weist nicht Sattler als zentralen Lopavent-Entscheider bei der Umsetzung der Love-Parade aus, sondern Schaller. Der gebürtige Bamberger, der bei Edeka zum Kaufmann ausgebildet wurde und dann als Discount-Muskelmacher eine beachtliche Karriere hingelegt hat, blickt irritiert.

Dann erhebt er einen schweren Vorwurf gegen seinen Ex-Mitarbeiter, mit dem er nach der Katastrophe gebrochen habe. Schon damals nach dem Unglück habe man ihm zugetragen, dass Sattler einen Kollegen beauftragt habe, ein Organigramm zu Schallers Ungunsten zu manipulieren. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei dem gezeigten Dokument um eben jene Fälschung handeln könnte.

Er hat schon große neue Pläne

Der Richter hält ihm eine Stellungnahme vor, die Sattlers Anwälte im Mai 2013 den Ermittlungsbehörden überreicht hatten. Darin beschreibt der Angeklagte seinen Ex-Chef als Kontrollfreak. Nichts sei damals ohne Schallers Zustimmung entschieden worden. Alles, selbst Planungsdetails, sei zum Abnicken über seinen Schreibtisch gewandert. Schaller habe sich stets das letzte Wort vorbehalten. Er habe sogar Popstar Kylie Minogue für die Love-Parade verpflichten wollen, was letztlich an seinen eigenen Budgetvorstellungen gescheitert sei. Schaller weist die Vorwürfe zurück. Dass er es gewesen sei, der letztlich alles entschieden habe, "ist nicht richtig".

Zwei Tage wird Schaller noch befragt. Danach wird er sich wieder ganz seinen neuen Visionen für den Ruhrpott widmen können. Anfang 2020 will Schaller in Oberhausen das größte Fitness-Zentrum der Welt ohne monatliche Mitgliedsbeiträge eröffnen.

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