Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Duisburg: Neues Love-Parade-Gutachten könnte Anklage erschüttern

Love-Parade-Tunnel in Duisburg (Archiv): Ort einer Katastrophe Zur Großansicht
AFP

Love-Parade-Tunnel in Duisburg (Archiv): Ort einer Katastrophe

Fast fünf Jahre nach der Love-Parade-Katastrophe von Duisburg warten die Hinterbliebenen noch immer, ob es zum Prozess gegen zehn Beschuldigte kommt. Nach Informationen des SPIEGEL hat ein Verteidiger nun ein neues Gutachten eingereicht.

Seit Monaten warten die Angehörigen der Love-Parade-Opfer darauf, dass die Anklage zugelassen wird - jetzt könnte sich die Prüfung des Landgerichts Duisburg noch weiter hinauszögern. Die Richter warten nämlich nicht nur auf die Beantwortung von rund 75 Nachfragen, die sie kürzlich dem englischen Hauptgutachter Keith Still zu seiner umstrittenen Expertise gestellt haben. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Nun liegt ein weiteres, 139-seitiges Gutachten vor, das die Anklage erschüttern könnte. Eingereicht hat es der Wuppertaler Strafrechtler Michael Kaps, der einen Bauamtsmitarbeiter der Duisburger Stadtverwaltung vertritt. Gleichzeitig mit der Vorlage des Gutachtens beantragt er, das Hauptverfahren gegen seinen Mandanten gar nicht erst zu eröffnen. Die Expertise selbst stammt von Bernd Schulte, bis zu seiner Pensionierung Vorsitzender Richter am Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen und Mitverfasser mehrerer Fachbücher zum Bauverwaltungsrecht, aus denen die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage pikanterweise selbst zitiert.

Verteidiger Kaps zieht aus dem Schulte-Gutachten den Schluss, dass Mitarbeiter des Bauamts schon deshalb nicht auf die Anklagebank gehörten, weil die Straßen und vor allem die Rampe, auf der es 2010 zu einem Gedränge mit 21 Toten kam, nicht zum Festgelände gehört hätten. Die Nutzungsänderung, die das Bauamt für die Love Parade genehmigt hatte, gelte, so Gutachter Schulte, nicht für die Unglücksstelle, sondern allein für das Festgelände am Kopf der Rampe. Eine Verantwortung der Mitarbeiter für die Todesfälle scheidet damit nach Auffassung von Kaps aus.

Gleichzeitig weist Schulte der Polizei offenbar eine größere Rolle zu als die Staatsanwaltschaft. Während die Strafverfolger davon ausgehen, dass mit Beginn der Veranstaltung das Unglück nicht mehr aufzuhalten gewesen sei, sieht Schulte durchaus eine Verantwortung der Polizei. Diese sei "bei Auftreten konkreter Gefahren (...) zuständig" gewesen, heißt es im Gutachten.

Derweil wurde bekannt, dass die Gedenkstätte für die Opfer der Love Parade in Duisburg verwüstet worden ist. Nach Polizeiangaben vom Samstag zerstörten die unbekannten Täter die aufgestellten Grablichter, Dekorationen und Kränze. Vor einem halben Jahr war es bereits zu ähnlichen Verwüstungen gekommen.

Logo SPIEGEL

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

Den digitalen SPIEGEL finden Sie in den Apps für iPhone/iPad, Android, Windows 8, Windows Phone und als Web-App im Browser.

Was im neuen SPIEGEL steht, erfahren Sie immer samstags in unserem kostenlosen Newsletter DIE LAGE.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 78 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
ClausWunderlich 28.03.2015
Für mich hat hier nur einer total Versagt und das war die Polizei.
2. Juristische Tricksereien....
Stephan 28.03.2015
...unter Ausnutzung irgendwelcher Bauvorschriften und Klauseln, die der Sache vermutlich gar nicht gerecht werden können. Keiner hat in dieser traurigen Sache einen A... in der Hose, aber letztendlich geht es nur ums Geld bzw. die Abwendung von Forderungen desselbigen.
3. ...
tempusfugit1970 28.03.2015
"ClausWunderlich: Für mich hat hier nur einer total Versagt und das war die Polizei." Und was ist mit dem Veranstalter? Immerhin wusste dieser, ob der erwarteten Menge an Menschen und ihm obliegt es, ausreichend Ordner, Absperrungen, Toiletten, etc. aufzubieten.
4. Zu- und Abfahrtwege sind Teil des Veranstaltungsorts
JaguarCat 28.03.2015
Wenn ein Amt eine Veranstaltung mit X tausend Teilnehmern an einem bestimmten Ort genehmigt, dann muss es natürlich auch prüfen, ob die da sicher hin und wieder wegkommen können. Nicht nur wegen der Gefahr, dass die Teilnehmer sich im Gedränge gegenseitig tottrampeln, sondern z.B. auch wegen der Gefahr, dass Anwohner nicht mehr in ihre Häuser können usw. usf.
5. Nicht logisch
Dr. Kilad 28.03.2015
Denn den Verantwortlichen muss klar gewesen sein, wie man zur Rampe kommen musste. Sichere Zugänge gehören nun mal zur Sicherheit einer Veranstaltung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: