Love-Parade-Prozess Sauerland will nicht um Entschuldigung bitten

Im Love-Parade-Prozess hat Duisburgs Ex-Bürgermeister Sauerland den Hinterbliebenen sein Mitgefühl ausgedrückt - auf Nachfrage. Eine Entschuldigung hält er hingegen für "nicht adäquat".

Adolf Sauerland
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Adolf Sauerland

Von Christian Parth, Düsseldorf


Am zweiten Tag seiner Vernehmung im Love-Parade-Prozess hat Adolf Sauerland sich den Fragen der Nebenkläger gestellt. Erstmals richtete der ehemalige Duisburger Oberbürgermeister ein persönliches Wort an die Angehörigen der 21 Menschen, die in der Massenpanik am 24. Juli 2010 in Duisburg ums Leben gekommen waren. "Ich hoffe, dass Sie die Stärke haben, das persönlich zu verkraften, und ich hoffe, dass Sie jemanden finden, der Sie dabei unterstützen und Ihnen helfen wird", sagte Sauerland.

Diese Aussage wurde ihm allerdings durch die Frage eines Nebenklage-Anwalts abgenötigt. Eine ebenfalls angefragte Entschuldigung lehnte Sauerland ab. "Das ist nicht adäquat", sagte er. Eine Entschuldigung könne den Verlust eines Kindes ohnehin nicht wiedergutmachen, so seine Argumentation. Vielleicht will er auch deshalb nicht um Entschuldigung bitten, weil er nach seinem Verständnis keine Schuld auf sich geladen hat.

Bei seinem ersten Auftritt als Zeuge hatte er am Mittwoch auf mitfühlende Worte verzichtet und damit einige der Angehörigen aufgebracht. "Wir hatten immer auf eine Entschuldigung oder zumindest etwas Mitgefühl gehofft, aber dafür ist es ohnehin schon zu spät", sagte Gabi Müller, deren Sohn bei der Love Parade gestorben war.

Die Anwälte der Nebenklage wollten Sauerland am Donnerstag vor allem zum Eingeständnis irgendeiner persönlichen Verantwortung oder mindestens einer moralischen Schuld drängen. Doch wie schon am Vortag parierte CDU-Politiker Sauerland die Attacken mit Hinweis auf die Hierarchien seiner Großstadt-Verwaltung. Die Verantwortung habe nicht bei ihm, sondern bei Ordnungsdezernatsleiter Wolfgang Rabe gelegen, dem er die Führung der Planungsgruppe übertragen hatte.

"Ist es denn nicht unanständig, als Oberbürgermeister die gesamte Verantwortung abzugeben", fragte Paco Zapater, der bei dem Unglück seine Tochter Clara verloren hatte. "Ich stelle mich hinter meine Verwaltung. Unanständig wäre es gewesen, wenn ich mich mit schlankem Fuß verabschiedet hätte", sagte Sauerland.

Fehler? Kann er nicht erkennen

Zuvor hatte die Anklage Sauerland noch einmal zur Genehmigung der Love Parade befragt. Der Staatsanwalt konfrontierte den Ex-Bürgermeister mit weiteren Einzelheiten aus den Genehmigungsakten. Wie schon am Vortag bestritt der 62-Jährige vehement, dass die Verwaltung bei der Planung des Großevents Fehler gemacht habe. "Wenn ich Fehler hätte erkennen können, die auf Seiten der Stadt Duisburg passiert wären, hätte ich mich nachher anders verhalten, als ich mich verhalten habe", sagte Sauerland. Die Fehler, die zur Katastrophe führten, seien im Veranstaltungsablauf passiert.

Sauerland wirkte deutlich angespannter als am Mittwoch, als ihn Richter Mario Plein beinahe acht Stunden zum Planungsverfahren vernommen hatte. Vor allem die Fragen zu den vorab kalkulierten Besucherströmen brachten das ehemalige Stadtoberhaupt in Bedrängnis.

Nachdem er die Zahlen von früheren Love-Parade-Veranstaltungen in Berlin und Dortmund erfahren habe, habe Sauerland seinen Planungschef Rabe einmal gefragt, wie denn mehr als eine Million Menschen auf ein Gelände kommen sollen, das nur Platz für etwa 250.000 Personen biete. Daraufhin habe Rabe geantwortet: "Fragen Sie bitte nicht. Das ist alles korrekt."

Mit dieser Aussage sei er zufrieden gewesen, sagte Sauerland und betonte, dass die Angaben von Veranstaltern zu Besucherzahlen ohnehin meistens geschönt seien. Das sei auch bei früheren Love-Parade-Festen so gewesen, sogar "eklatant". Eine Zahl wollte er jedoch nicht nennen, da die Stadt Duisburg auf Bitten des damaligen Veranstalters eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnet hatte.

Auch an einer umfassenden Aufarbeitung der Love-Parade-Katastrophe hat Sauerland offenbar nicht mitgewirkt. Er habe keine Erinnerung daran, dass es im Nachgang noch einmal zu einem Treffen mit den Verantwortlichen aus der Verwaltung gekommen sei, um eventuelle Fehler zu diskutieren. Die Lage damals sei sehr bedrückend gewesen, die Nacht nach dem Unglück ein "Horror". Schon am ersten Tag nach der Katastrophe habe es Morddrohungen gegen ihn und andere Beteiligte gegeben. Die Situation sei eskaliert, nach einer Woche habe er seine Familie geschnappt und Duisburg verlassen.

Ende Mai ist Rainer Schaller, Chef des damaligen Veranstalters Lopavent, für drei Tage als Zeuge im Prozess geladen. Wie im Fall Sauerland konnte die Anklage auch ihm keine individuelle Schuld nachweisen.

SPIEGEL TV Magazin zur Duisburger Love Parade: Chronik einer Katastrophe

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Anmerkung: Die Firma, die die Love Parade in Duisburg veranstaltet hat, heißt Lopavent. Wir haben den Namen korrigiert.

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