Getötete Ehefrau: Ein Bürgermeister unter Mordverdacht

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18 Jahre lang war Heinrich Scholl Bürgermeister von Ludwigsfelde. Nach dem Ausscheiden aus dem Amt geriet sein Leben aus den Fugen, in seiner Ehe kriselte es. Ende 2011 wurde die Leiche seiner Frau in einem Wald gefunden. Nun steht der 69-Jährige wegen Mordes vor Gericht.

Prozessauftakt: Rätselhafter Mord an Bürgermeister-Gattin Fotos
DPA

Er war der Held von Ludwigsfelde. Heinrich Scholl, genannt Heiner, gründete nach der Wende die SPD in der Plattenbau-Hochburg im Landkreis Teltow-Fläming in Brandenburg, zehn Kilometer südlich der Berliner Stadtgrenze. Die Bewohner von "Lu" wählten den Ingenieur mit überwältigender Mehrheit zum Bürgermeister, dreimal in Folge. Seine Gegner nannten den 1,60-Meter-Mann "Napoleon von Lu", viele waren es nicht.

Nach 18 Jahren ging Scholl in Rente, er hatte aus der "Autobauerstadt der DDR" einen florierenden Standort mit 600 Betrieben, mehr als 10.000 neuen Arbeitsplätzen und der größten überdachten FKK-Therme Europas gemacht. Ludwigsfelde, ein Beispiel für gelungenen Aufschwung im Osten. Scholl ließ sich von Parteigenossen wie dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder und Ministerpräsident Matthias Platzeck feiern.

Doch nach seinem Amtsausscheiden wurde es still um Scholl, was auch daran lag, dass er sich kurz danach, im Mai 2008, in Berlin-Zehlendorf ein Apartment nahm und seine Zeit mit einer thailändischen Prostituierten verbrachte, die er mit Geschenken überschüttet und finanziell mit mehr als 40.000 Euro unterstützt haben soll. Angeblich, weil er sich mit ihr eine feste Lebenspartnerschaft gewünscht hat, doch sie soll es nur auf Scholls Unterstützung abgesehen haben.

Kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres tauchte Scholl wieder in "Lu" auf, man sah das Ehepaar gemeinsam in der Stadt. Scholl hatte inzwischen eine Beraterfirma gegründet. Am 29. Dezember 2011 um 20 Uhr meldete er seine Frau als vermisst, sie sei mit Hund Ursus zum Spazieren auf ihre altbewährte Route in einen nahe gelegenen Wald gegangen. Er suchte sie bei Nachbarn, telefonierte herum.

Einen Tag später wurde die zum Teil entkleidete Leiche in jenem Waldstück entdeckt, sie war mit Moos- und Grasbüscheln bedeckt, ihr Gesicht entstellt. Ihr silberfarbener Mercedes mit dem Kennzeichen TF-BS 900 stand in einem Wohnviertel in Ludwigsfelde.

Am 24. Januar wurde Brigitte Scholl beigesetzt. Ihr Ehemann legte eine weiße Schärpe auf das Grab. "In tiefer Trauer. Dein Heiner", stand in goldener Schrift auf der Schleife. Am Tag darauf wurde Scholl um 6 Uhr in seiner Doppelhaushälfte verhaftet, das komplette Gelände durchsucht.

"Keine tragfähige Grundlage für eine Verurteilung"

Am Donnerstag hat vor dem Landgericht Potsdam der Prozess gegen den ehemaligen Bürgermeister begonnen - wegen heimtückischen Mordes an seiner Ehefrau. Scholl streitet die Tat ab. Er werde sich nicht zu den Vorwürfen äußern, sagt seine Verteidigerin Heide Sandkuhl zum Auftakt. Nur so viel: Zur Tatzeit habe sich Scholl in der Kristalltherme in Ludwigsfelde aufgehalten. "Die bislang ermittelten Indizien sind keine tragfähige Grundlage für eine Verurteilung", so die Rechtsanwältin.

Heiner Scholl soll laut Staatsanwaltschaft beim gemeinsamen Spaziergang seine Ehefrau "unvermittelt von hinten mit einem Schnürsenkel um den Hals" erdrosselt, ihr eine Plastiktüte über das Gesicht gezogen und diese am Hals mit einer Hundeleine sowie einem Stück Seil fixiert haben. Auch zwei Faustschläge ins Gesicht soll er der Wehrlosen verpasst haben. Den Cockerspaniel soll Scholl mit einem Strick getötet haben.

Die Ermittler vermuten das Motiv in der zerrütteten Ehe der Scholls. Brigitte Scholl soll sich ihrem Umfeld zufolge damit arrangiert haben, dass ihr Ehemann in Berlin ein Parallelleben führte. Sie soll von der jungen Thailänderin gewusst haben - und auch, dass ihr Mann nach seiner Rückkehr ins gemeinsame Haus in Ludwigsfelde den Kontakt zu dieser aufrechterhielt. Kurznachrichten von Scholls Handy belegen, dass er sogar kurz vor und kurz nach der Tat mit der Frau in Verbindung stand.

Es ist ein reiner Indizienprozess. Neben der Handy-Ortung, wonach Scholl zur Tatzeit in der Nähe des Tatorts gewesen sein soll, gibt es DNA-Spuren am Schnürsenkel und an Scholls Kleidung. Viel mehr aber haben die Ermittler nicht. Das ist Scholls Chance, aus Mangel an Beweisen freigesprochen zu werden. Mehr als 70 Zeugen sind bislang geladen, vor dem Landgericht Potsdam unter anderem auch zur Ehe der Scholls und einem möglichen Motiv auszusagen. Dem 69-Jährigen droht eine lebenslange Haft. Aus Sicht des Gerichts ist aber auch eine Verurteilung wegen Totschlags möglich, was eine Strafe von 5 bis 15 Jahren zur Folge hätte.

"Scheidung nie, Mord schon!'"

Eine Rolle wird auch ein Verfahren wegen Korruption der Staatsanwaltschaft Neuruppin spielen. Der SPD-Politiker soll sich von einem brandenburgischen Bauunternehmer dreimal zu Luxusreisen nach Mallorca und mehrere Dutzende Male zum Essen einladen haben lassen.

Scholl beteuert seine Unschuld und müht sich seit seiner Festnahme, seinen ramponierten Ruf wiederherzustellen. Seine Kampagne war außergewöhnlich: Er schaltete eine Annonce in der größten regionalen Zeitung mit einem Foto von sich und bat darin die Bevölkerung um Mithilfe. Er werde verdächtigt, seine Frau getötet zu haben. "Hat mich jemand am 29. Dezember 2011 in der Zeit von 12 Uhr bis 13.10 Uhr in oder auf dem Gelände der Therme in Ludwigsfelde gesehen?"

Mehr als Indizien gibt es mögliche Hinweise, die den ehemaligen Bürgermeister in den Verdacht des Mordens bringen. Er hat unter dem Pseudonym Henry Sanders das Buch "Wachgeküsst" geschrieben und bezeichnet es als "erotische Erzählung". Der Protagonist fragt darin einen befreundeten Weinhändler, ob er schon mal an Scheidung gedacht habe. Der sagt: "Vielleicht kann ich mit den Worten einer berühmten italienischen Schauspielerin antworten, die auf die gleiche Frage einmal entgegnete: 'An Scheidung nie, an Mord schon!'" Ein Passus, in den nun viel interpretiert wird.

Der Sohn der Scholls tritt in dem Verfahren als Nebenkläger auf. "Er möchte sich ein eigenes Bild machen", erklärt sein Anwalt Sven Rasehorn am Donnerstag. Der 48-Jährige wolle wissen, wie und warum seine Mutter ums Leben kam. Seinen Vater hält er anderen Berichten zufolge für unschuldig.

Mit Material von dpa

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