Sonderermittler eingesetzt Missbrauchsfall in Lügde - Beweismittel bei der Polizei verschwunden

Bei Ermittlungen im Missbrauchsfall von Lügde sind bei der Polizei offenbar Beweismittel verschwunden. NRW-Innenminister Reul hat Sonderermittler eingesetzt.

Campingplatz in Lügde
DPA

Campingplatz in Lügde


Der Missbrauchsfall in Lügde wird zunehmend auch zu einer Polizeiaffäre: Wie der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) mitteilte, sind aus Räumen der Kriminalpolizei Beweisstücke verschwunden. Ein Koffer und eine Hülle mit etwa 155 Datenträgern würden seit mehreren Wochen in der Kreispolizeibehörde Lippe vermisst, so Reul. Er habe deswegen ein Team aus Sonderermittlern eingesetzt. Reul sprach von Polizeiversagen, er sei fassungslos.

Die verschwundenen Datenträger waren bereits gesichtet worden, allerdings wurden nur drei von ihnen gesichert. Laut Ermittlern befanden sich darauf Musik, Filme und Fotos von Jungen und Mädchen, unter anderem Aufnahmen vom Tauchen. Ob sich auf den verschwundenen Datenträgern auch kinderpornografisches Material befindet, ist unklar. Am 30. Januar fiel laut Innenministerium auf, dass Beweisstücke fehlen.

Es geht offenbar auch um mehrfache Schlamperei. Der Raum, in dem sich die Asservate befanden, sei nicht wie vorgeschrieben abgesichert gewesen. Der Polizeibeamte, der das Material gesichtet habe, sei außerdem dafür gar nicht ausreichend qualifiziert gewesen, sagte Landeskriminaldirektor Dieter Schürmann dem SPIEGEL.

Ende Januar war der Missbrauchsfall in Lügde bekannt geworden. Drei Männer sitzen in Untersuchungshaft, darunter der mutmaßliche Haupttäter Andreas V. Seit 2008 soll er immer wieder Kinder missbraucht haben, auch seine heute acht Jahre alte Pflegetochter. Die Polizei geht von mindestens 31 Opfern und tausend Einzeltaten aus. Die Ermittler beschlagnahmten Tausende Kinderpornodateien, das sichergestellte Datenvolumen beträgt 14 Terabyte.

In Untersuchungshaft sitzen zudem der 33 Jahre alte Mario S., der ebenfalls Kinder missbraucht haben soll, und ein 48-Jähriger aus Stade, der den Missbrauch per Live-Chat verfolgt haben soll.

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt auch gegen Mitarbeiter der Jugendämter Hameln-Pyrmont und Lippe, es geht um den Verdacht auf Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Bereits 2016 hatte es Hinweise auf Andreas V. gegeben, denen möglicherweise nicht nachgegangen wurde. Auch gegen zwei Lipper Polizisten wird deswegen ermittelt.

Am Dienstag musste der Hamelner Landrat Tjark Bartels zudem einräumen, dass der Leiter des Jugendamtes nach der Verhaftung des Hauptverdächtigen Andreas V. im Missbrauchsfall die Akten manipuliert und nachträglich einen "glättenden" Vermerk eingefügt hatte. Überdies hatte er den Vermerk rückdatiert. Der Jugendamtsleiter wurde vom Dienst freigestellt.

hut/agr/le/dpa

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