Missbrauch auf Campingplatz in NRW Die fragwürdige Rolle der Jugendämter

Wurden erste Hinweise auf sexuellen Missbrauch in Lügde nicht ernst genommen? Das Jugendamt gerät stärker unter Druck. Und auch das Vorgehen der Polizei wird überprüft.

Campingplatz Eichwald
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Campingplatz Eichwald

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Das Weltbild von Frank Schäfsmeier hat Risse bekommen in dieser Woche. Der 54-Jährige ist Chef des Campingplatzes im westfälischen Lügde. Ein Ort, der zur Chiffre geworden ist für einen Missbrauchsfall, dessen ganzes Ausmaß noch nicht absehbar ist - obwohl die Ermittler schon jetzt von rund tausend Einzeltaten ausgehen.

Drei Männer sitzen in Untersuchungshaft, darunter der mutmaßliche Haupttäter Andreas V. Seit 2008 soll er immer wieder Kinder missbraucht haben, darunter seine acht Jahre alte Pflegetochter. Laut Ermittlern ein Tatort: der Campingplatz, auf dem Andreas V. seit vielen Jahren lebte. Der arbeitslose Junggeselle galt als kinderlieb, als harmlos. "Niemand hier hätte sich das vorstellen können", sagt Schäfsmeier am Donnerstag am Telefon.

Und doch spielt die Frage, ob Alarmsignale übersehen wurden, in den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Detmold eine wichtige Rolle. Denn offenbar gab es bereits 2016, dem Jahr, in dem Andreas V. das kleine Mädchen zu sich nahm, Hinweise auf möglichen sexuellen Missbrauch.

Wie konkret die Hinweise waren, wie ernst sie genommen wurden, warum sie keine Folgen hatten - all das müssen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zeigen. Schon jetzt entsteht jedoch der Eindruck, dass sich die beteiligten Jugendämter in der Beurteilung des Falls uneins waren; dass erste Stellungnahmen anscheinend nicht die ganze Wahrheit wiedergaben; und dass es möglicherweise nicht nur bei den Jugendämtern Versäumnisse gab, sondern vielleicht auch bei der Polizei.

Unsittlich berührt

Die Mutter des kleinen Mädchens lebt im Landkreis Hameln-Pyrmont, deshalb war das dortige Jugendamt zuständig. Die Frau habe sich Anfang 2016 gewünscht, das Kind bei Andreas V. in Pflege zu geben, sagt eine Sprecherin der Behörde. Man habe daher ein Prüfverfahren eingeleitet, sich auch die finanzielle Lage und die Wohnsituation von Andreas V. angeschaut.

Während dieser Prüfung, im August 2016, meldete sich der Familienvater Jens R. mit einem schweren Vorwurf bei der Polizei, so erzählt er es der "Lippischen Landeszeitung". Seine beiden Töchter seien von Andreas V. unsittlich berührt worden.

Der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter bestätigt, dass sich ein Zeuge im August 2016 an die Polizei, das Jugendamt und den Kinderschutzbund wendete. Die Polizei habe den Hinweis an das Jugendamt Lippe weitergeleitet. Polizeiliche Ermittlungen habe es aber nicht gegeben. "Wir prüfen jetzt, ob die Polizei nicht weitere Schritte hätte einleiten müssen", sagte Vetter.

In der Stellungnahme des Landkreises Lippe war am Mittwoch von einem Hinweis wegen sexuellen Missbrauchs keine Rede. Dort wurde nur ein Verdacht auf eine Verwahrlosung der Pflegetochter erwähnt, den man Ende 2016 "umgehend" geprüft habe. Der Hinweis kam aus dem Jobcenter, das Andreas V. betreute. Das Ergebnis der Prüfung: Eine Verwahrlosung sei nicht zu erkennen, aber es bestehe eine latente Kindeswohlgefährdung. Man empfahl den Kollegen in Hameln ein anderes Wohnumfeld für das Kind.

Wohnwagen von Andreas V.
SPIEGEL ONLINE

Wohnwagen von Andreas V.

Diese Empfehlung hatte jedoch keine Konsequenzen: Andreas V. und das Mädchen lebten weiter auf der Parzelle. Das Jugendamt Hameln-Pyrmont sah darin offenbar kein Problem. "Die beiden hatten eine extrem hohe soziale Bindung", sagt eine Sprecherin.

Der Leiter des Jugendamtes Lippe, Karl-Eitel John, kritisiert die Entscheidung. "Wir hätten das Kind nicht bei Andreas V. in Pflege gegeben", sagt er dem SPIEGEL. Es habe sich nicht um eine "erziehungsfördernde Umgebung" gehandelt. Man gebe Kinder in der Regel in intakte Familien.

Das klingt nach Schuldzuweisung. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt allerdings gegen Mitarbeiter beider Jugendämter, es geht um den Verdacht auf Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht.

Die Sprecherin des Jugendamtes Hameln sagte, einen Hinweis auf sexuellen Missbrauch habe man in Zusammenhang mit Andreas V. nie erhalten. Dem Hinweis aus dem Jobcenter sei man gemeinsam mit den Kollegen aus Lippe nachgegangen. Doch möglicherweise ist auch dieser zweite Hinweis von Ende 2016 anders zu bewerten als bisher bekannt.

"Diese Anzeige bezog sich auf den Verdacht der Verwahrlosung eines Kindes - nicht eines möglichen Missbrauchs", hieß es dazu in der Mitteilung des Landkreises Lippe.

Doch die Nachrichtenagentur dpa berichtet nun unter Berufung auf Staatsanwalt Vetter, es sei dabei um Äußerungen des Pflegevaters gegangen, die auf sexuellen Missbrauch des Kindes hindeuten konnten. Auch in diesem Fall habe die Polizei den Hinweis an das Jugendamt weitergegeben. Und auch diesmal habe es keine Ermittlungen oder einen Hinweis an die Staatsanwaltschaft gegeben.

Absperrung der Polizei
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Absperrung der Polizei

So dauerte es bis zu einer Anzeige im November 2018, ehe die Pflegetochter in Sicherheit gebracht wurde. Und bis zum 6. Dezember, ehe Polizisten Andreas V. festnahmen.

Rund fünf Wochen später fassten sie einen 33-Jährigen, der gemeinsam mit ihm Kinder missbraucht und den Missbrauch auch gefilmt haben soll. Ein 48-Jähriger aus Stade soll Abnehmer des kinderpornografischen Materials gewesen sein. Insgesamt übergaben die Ermittler 13.000 Dateien an das Bundeskriminalamt. Sie gehen davon aus, dass es noch weitere Täter gibt.

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