Missbrauchsfälle in NRW "Ich bin jetzt der Papa"

Jahrelang soll Andreas V. auf einem Campingplatz seine Pflegetochter und andere Kinder missbraucht haben. Laut Ermittlern bereitete er die Taten perfide vor. "Es ist kaum in Worte zu fassen", sagt ein Polizist.

Parzelle von Andreas V.
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Parzelle von Andreas V.

Von , und , Lügde


So sah es hier wohl meistens aus: Der Wohnwagen mit der verdreckten weißen Außenwand, die Holzverschläge, der alte Kleiderschrank unter freiem Himmel, das Trampolin. Rund 150 Quadratmeter auf einem Campingplatz, an einem leichten Hang gelegen, umgeben von Eichen und Birken im Landkreis Lippe. Das Reich von Andreas V., 56 Jahre alt, arbeitslos, eine Pflegetochter, ein Hund.

Eine unordentliche Parzelle. So heruntergekommen, dass die Nachbarn sich dem Chef der Anlage zufolge beschwerten. Dass bei Andreas V. offenbar viel schlimmere Dinge geschahen, davon ahnten die Nachbarn und der Betreiber wohl nichts.

Über einen Zeitraum von zehn Jahren soll Andreas V. in seiner Parzelle auf dem Campingplatz Kinder missbraucht und den Missbrauch auch gefilmt haben. Die Polizei nahm ihn am Nikolaustag 2018 fest. Am 10. und 11. Januar folgten zwei weitere Festnahmen: ein 33-Jähriger aus Steinheim bei Höxter und ein 48-Jähriger aus Stade in Niedersachsen.

Wohnwagen von Andreas V.
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Wohnwagen von Andreas V.

Alle drei Männer sitzen in Untersuchungshaft. Die Ermittler gehen von mehr als 1000 Einzeltaten aus, mindestens 23 Kinder im Alter von 4 bis 13 Jahren sollen missbraucht worden sein, überwiegend Mädchen. Der 48-Jährige aus Stade war laut Ermittlern Käufer des kinderpornografischen Materials. Er soll die beiden anderen Männer zu weiteren Taten angestiftet haben.

Die meisten Übergriffe geschahen offenbar seit 2016, denn seit dieser Zeit hatte Andreas V. eine Pflegetochter. Auch die heute Achtjährige soll er missbraucht haben. Und er soll über das Mädchen Kontakt zu anderen Kindern hergestellt haben, mit Ausflügen ins Schwimmbad zum Beispiel.

"Er hat eine Atmosphäre geschaffen, in der sich die Kinder zunächst wohlfühlten", sagt Kriminalhauptkommissar Achim Tietz. "Es gab Belohnungen für gewisse Dinge. Alles mit dem Ziel, diese Straftaten zu begehen. Das ist kaum in Worte zu fassen."

Der Fall erschüttert selbst erfahrene Ermittler. "Bei der Auswertung der sichergestellten Beweismittel und bei den Anhörungen der Kinder kamen perfide Einzelheiten zu Tage", sagt Gunnar Weiß, Leiter der Ermittlungsgruppe "Campingplatz". Sie würden ihn und die Kollegen "noch lange nach Dienstende beschäftigen".

Blick auf Elbrinxen, einen Stadtteil von Lügde
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Blick auf Elbrinxen, einen Stadtteil von Lügde

Nach den Vergewaltigungsfällen in Staufen, die vor ziemlich genau einem Jahr bekannt wurden, tun sich nun erneut Abgründe in der deutschen Provinz auf. Wenn sich die Ermittlungen bestätigen, dann hatten im Lügder Fall die Missbrauchstäter und der Abnehmer der Videos keinen persönlichen Kontakt. Sie sollen sich über das Darknet ausgetauscht haben. Und ähnlich wie beim Staufener Fall muss auch die Rolle der Jugendämter überprüft werden, schon 2016 gab es Hinweise darauf, dass die heruntergekommene Parzelle auf dem Campingplatz möglicherweise nicht der richtige Wohnort für ein kleines Pflegekind sein könnte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits gegen mehrere Mitarbeiter der Behörde.

Frank Schäfsmeier, 54, kennt Andreas V. seit Langem. Ihm gehört der Campingplatz Eichwald. Er sah, wie Andreas V. mit seinen Eltern kam, vor gut 30 Jahren. Wie sie nach einem Urlaub auf dem Platz eine Parzelle erwarben, wie sie daraus einen Dauercampingplatz machten, den sie intensiv nutzten. Nach dem Tod der Mutter habe Andreas V. die Parzelle übernommen. Ab da sei es unordentlich geworden.

Frank Schäfsmeier
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Frank Schäfsmeier

Andreas V. sei davon abgesehen aber ein unauffälliger Typ gewesen. "Einer von vielen", sagt Schäfsmeier. Vor einigen Jahren sei das Mädchen aufgetaucht. Andreas V. habe erst stundenweise auf das Kind aufgepasst, die Mutter, offenbar eine Verwandte, hatte wohl "eine schwierige Lebenssituation", sagt Schäfsmeier.

2016 nahm Andreas V. das Kind in Obhut. "Ich bin jetzt der Papa", habe er gesagt, erinnert sich Schäfsmeier. "Da war ich schon verwundert", sagt der Campingplatz-Betreiber. "Er war einfach nicht der ordentlichste, seine Parzelle sah bedenklich aus."

Bedenken gab es auch von anderer Seite. Ende 2016 wurde beim Jugendamt Kreis Lippe eine Kindeswohlgefährdung angezeigt - der Hinweis soll vom Jobcenter gekommen sein, das Andreas V. betreute. Laut einem Sprecher des Landkreises bezog sich der Hinweis jedoch auf eine mögliche Verwahrlosung des Kindes, nicht auf sexuellen Missbrauch. Das Jugendamt kam nach einer Prüfung zu dem Schluss, dass nicht von einem verwahrlosten Umfeld die Rede sein könne - und ließ das Mädchen in der Obhut von Andreas V.

Man habe empfohlen, die Wohnsituation auf Dauer zu verändern, heißt es in einer Mitteilung des Landkreises Lippe. Wegen des Wohnortes der Mutter sei das Jugendamt Hameln-Pyrmont zuständig gewesen, man habe in regelmäßigem Kontakt gestanden. "Die Rückmeldungen der Behörde, unter anderem durch das Jugendamt Hameln-Pyrmont, versicherten eine Verbesserung der Lebenssituation und lieferten keine Verdachtsmomente auf einen sexuellen Missbrauch", heißt es in der Mitteilung. So lebten V. und das Mädchen weiter auf dem Campingplatz.

Andreas V. habe sich gut um das Mädchen gekümmert, habe ihr Schulhefte gekauft, sei zum Tanzkurs mit ihr gegangen oder zum Spielplatz geradelt, sagt Schäfsmeier. Nie habe es auf dem Campingplatz Gerüchte über Missbrauch gegeben.

Dass er sich um Kontakt zu anderen Kindern bemühte, fiel jedoch auf im Ort. Die Verkäuferin des letzten Supermarkts im Stadtteil Elbrinxen erzählt, V. habe einmal einen Zettel aufgehängt: Ponyreiten für Kinder habe er angeboten, seine Pflegetochter habe Pferde gehabt. Er habe sie auch direkt angesprochen, so die Verkäuferin, damit sie ihre Kunden auf das Angebot aufmerksam mache.

"Er hat auch Druck auf die Kinder aufgebaut"

Dass so lange niemand etwas mitbekam, lag laut Ermittlern auch am Vorgehen des Verdächtigen. "Er hat auch Druck auf die Kinder aufgebaut", sagt der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. "Er hat gedroht, dass etwas passieren würde, wenn man sich offenbare."

Ende 2018 fiel dann doch etwas auf. Die Ermittler erhielten Hinweise auf den sexuellen Missbrauch einer Sechsjährigen, die mit der Pflegetochter von Andreas V. befreundet war. Der 56-Jährige wurde angezeigt. Noch am selben Tag, Mitte November, habe man gehandelt und die Pflegetochter von Andreas V. in Obhut genommen, teilte das Jugendamt mit.

Jakob Wendels* Tochter ging mit dem Pflegekind von Andreas V. in die Schule. Die Kinder seien befreundet gewesen. Andreas V. habe angeboten, mit den Mädchen ins Schwimmbad zu gehen oder zum Einkaufen nach Bad Pyrmont. Er habe immer angeboten, alles zu bezahlen. Doch da Wendel den Mann nicht gut kannte, habe er abgelehnt.

Trotzdem sei seine Tochter bei Andreas V. und dessen Pflegekind gewesen, um zu spielen. Seit den Enthüllungen ist er besorgt. Seine Frau überlege, zu einem Familientherapeuten zu gehen, der dem Mädchen alles erkläre.

Als die Pflegetochter von Andreas V. Anfang Dezember nicht mehr in die Schule kam, habe er Andreas V. noch eine SMS geschrieben. Eine Antwort habe er nie bekommen. Inzwischen weiß er auch, warum.

*Name geändert

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