Messerangriff in Lüneburg "Ein ganz normales Saufgelage"

Eine 50-jährige Rentnerin soll versucht haben, ihren Bekannten zu erstechen. Beide waren betrunken - wie auch der einzige Zeuge. Die Geschichte eines alltäglichen Verbrechens.

Sylvia S. vor Gericht: Achterbahn des Alkoholismus
DER SPIEGEL/ Johannes Arlt

Sylvia S. vor Gericht: Achterbahn des Alkoholismus


In sich versunken sitzt Friedrich W. auf einem Stuhl am Eingang des Saals 21 im Landgericht Lüneburg. Er ist als Zeuge geladen. Ein kleiner, schwarzer Rollkoffer steht neben ihm auf dem Boden. Die Nacht hat er in einer Zelle der Polizeiinspektion verbracht, ein Beamter teilt mit, dass Friedrich W. noch 0,25 Promille Alkohol im Blut habe.

Der Vorsitzende der Schwurgerichtskammer, Franz Kompisch, dirigiert Friedrich W. durch den weitläufigen Raum zum Zeugenstand. W. nimmt Platz und blickt zur Anklagebank. Dort sitzt Sylvia S., 50, gelernte Friseurin, inzwischen Rentnerin, Mutter zweier Kinder. Sie ist die Frau, mit der Friedrich W. gern sein Leben teilen würde. Eine zarte Person mit langem, blondiertem Haar und rauchiger Stimme. Eine Lesebrille steckt in den toupierten Stirnfransen. Sie ist noch nie straffällig geworden.

Sylvia S. ist angeklagt wegen versuchten Totschlags. Sie soll am 2. Juli vorigen Jahres versucht haben, "einen Menschen zu töten, ohne Mörder zu sein", sagt der Staatsanwalt. Mit 2,25 Promille Alkohol im Blut soll sie Andreas B. "ohne Grund" ein Küchenmesser in die linke Brust gerammt haben, er konnte durch eine Notoperation gerettet werden. Sein Promillewert lag bei 3,85. Sylvia S. bestreitet die Tat.

Der Fall steht für die Verbrechen, die oft vor Gericht landen, die im Grunde banal, aber in der Ausführung brutal sind. Verbrechen, die meist im Affekt geschehen und in der Regel im Rausch. Die sich in Sekundenschnelle ankündigen, sodass sie niemand verhindern kann. Der Grund: so nichtig, so absurd, so unnötig, dass sich selbst Täter und Opfer nicht mehr an den Auslöser erinnern und zur Aufklärung des Falls beitragen können, weil sie nicht Herr ihrer Sinne waren, als es geschah. Ein Verbrechen, das ihrer Sucht geschuldet ist: dem Alkohol.

Immer am Rande des Abgrunds

Die Geschichte beginnt 1998. Sylvia S. lernt bei einer Entgiftung Friedrich W., den späteren Zeugen, kennen. Sie trifft dort auch Andreas B., das spätere Opfer.

Bis zum 2. Juli 2015 fahren alle drei, jeder für sich, die Achterbahn des Alkoholismus: Sie verlieren ihre Jobs, ihre Ehen scheitern, sie klammern sich an Hochprozentiges und begegnen einander alle paar Monate beim Entzug in der Psychiatrischen Klinik Lüneburg, genannt PKL.

Der Abstieg nimmt an Fahrt auf, als Sylvia S. ihre PKL-Freundschaften in ihr gewohntes Umfeld integriert. "Wir beschlossen, uns auch mal außerhalb des PKL zu verabreden", sagt Sylvia S. Sie treffen sich frisch entgiftet, mit guten Vorsätzen, doch immer am Rande des Abgrunds. Mehrmals habe er für Sylvia S. den Rettungswagen gerufen, wenn sie unter Entzugserscheinungen gelitten habe, sagt Andreas B.

Sylvia S. behauptet, mit beiden Männern eine "reine Kumpelfreundschaft" geführt zu haben, keine sexuelle Beziehung, vor allem nicht mit Friedrich W. Der habe sie als seine "Traumfrau" gesehen, sie ihn aber als "Kumpel zum Quatschen". Sie braucht ihn vor allem, nachdem ihr Lebensgefährte verstorben ist. Sie ist verzweifelt, findet Trost im Alkohol und in dem Beruhigungsmittel Doxepin, einem Antidepressivum, das Ärzte auch Opiatabhängigen verschreiben.

"Zum Saufen ja, alles andere nein"

Am 1. Juli 2015 plagen Sylvia S. erstmals Halluzinationen, sie hört fremde Stimmen und den Laminatboden knacken, sie fühlt sich verfolgt. Sie hat das Antidepressivum bei einem Freund vergessen, sie schiebt ihre Angstzustände auf das abrupte Absetzen des Medikaments. Sie will nicht allein sein und fährt mit dem Taxi zu Friedrich W. Sie habe nicht vorgehabt, Alkohol zu konsumieren, sagt sie vor Gericht. Aber eine Flasche steht auf dem Tisch, sie greift zu, die Halluzinationen bleiben.

Sylvia S. übernachtet bei Friedrich W., sie auf der Couch, er im Schlafzimmer, wie sie betont. Gegen 6 Uhr nimmt sie ein Taxi nach Hause. Zu den akustischen Halluzinationen kommen nun visuelle, wie Sylvia S. sagt. Sie sieht Fremde, fühlt sich beobachtet und abgehört. Sie ruft die Polizei. Die kommt, sieht nach dem Rechten und lässt sie allein. Sylvia S. bittet erneut Friedrich W. um Beistand, er kommt mit Fanta und einer Flasche Wodka im Gepäck.

Um 11.30 Uhr kontaktiert Sylvia S. das spätere Opfer Andreas B., fragt, ob sie mit Friedrich W. vorbeikommen könne. Der willigt ein und kauft Nachschub. Sylvia S. schickt noch eine Botschaft per SMS hinterher: "Zum Saufen ja, alles andere nein." Auch Andreas B. habe ein Auge auf sie geworfen, sagt Sylvia S.

Die drei trinken Wodka mit Cola und Wodka mit Brause. Sylvia S. sagt vor Gericht: "Beide machten mir Avancen. B. wollte, dass W. geht, sie stritten sich. Ich wurde zunehmend betrunkener." Als sie von der Toilette gekommen sei, habe B. das Messer in der Brust stecken gehabt. Sie habe es herausgezogen, weil B. gerufen habe: "Nimm es raus, das tut so weh."

Die Stimmung kippt

Das Opfer, Andreas B., 51, tritt in dem Verfahren als Nebenkläger auf. Ein schwerer Mann mit grauem Schnauzer, verquollenen Augen und geröteter Haut. Er trägt noch immer seinen Ehering. Der gelernte Hotelkaufmann ist arbeitslos, er schildert den Nachmittag als "ganz normales Saufgelage". "Wir haben gut einen gezecht", sagt er. "Viel gequatscht, viel getrunken, Musik gehört, gelacht, geraucht."

Dann sei die Stimmung gekippt. Wie so oft, wenn Sylvia S. einen gewissen Alkoholpegel gehabt habe, dann werde sie aggressiv. "Sie dreht dann richtig ab." Er habe daraufhin beide Gäste rausgeschmissen. "Mein eigener Pegel war hoch genug, ich wollte meine Ruhe und ins Bett." Es war 18 Uhr. Sylvia S. sei noch einmal zur Toilette gegangen, er habe nur noch die Klinge aufblitzen sehen.

Mehrere Nachbarn bezeugen vor Gericht, dass vor der Tat Geschrei aus B.s Wohnung im Erdgeschoss auf die Straße drang. Sie erkannten die Stimme ihres Nachbarn und die einer Frau, nahmen die Pöbeleien und Drohungen allerdings nicht ernst. Lärm und Unruhe gehörten zum Alltagsrauschen aus der Wohnung rechts unten, sagen sie.

Plötzlich habe Sylvia S. das Haus verlassen, einen Korb in der Hand. Friedrich W. sei auf die Straße getorkelt und habe gebrüllt: "Hilfe! Hilfe! Er blutet!" Sylvia S. sei unbeirrt weitergegangen, schwankend, aber zielstrebig zur Kneipe "Hackbarth's Eck", keine 60 Meter entfernt. Die Frau hinterm Tresen erinnert sich vor Gericht an eine verwirrte Gestalt, die vor sich hinmurmelte: "Ich habe gestochen."

"Vielleicht sagte sie aber auch 'geschossen', ich hab' es nicht genau verstanden." Sylvia S. eilt weiter, fleht ein paar Häuser weiter bei einer Fremden um Einlass. "Sie redete wirres Zeug und hatte Angst", sagt die Zeugin.

"Sie sind nicht die gewissenlose Killerin"

Vorsitzender Richter Kompisch (Mitte):  Erschwerte Aufklärung
Johannes Arlt/ DER SPIEGEL

Vorsitzender Richter Kompisch (Mitte): Erschwerte Aufklärung

Warum eskalierte das Saufgelage? Welches Motiv könnte Sylvia S. gehabt haben, fühlte sie sich bedrängt? Richter Kompisch bemüht sich um Aufklärung, er befragt das Opfer. Neigte sich der Alkohol dem Ende? Nein. Wollte einer der Herren Zuneigung von Sylvia S.? Nein. Worum ging es dann in dem Streit, der bis auf die Straße drang? Die Nachbarn konnten keine Details verstehen. Andreas B. sagt, er habe keinerlei Erinnerung.

Rechtsanwältin Angelika Bode, die Sylvia S. verteidigt, wundert sich über die Amnesie des Opfers, das sich an kein Thema während des Gelages erinnern kann, aber genau wissen will, dass es weder anzügliche Bemerkungen noch sexuelle Avancen gegeben habe. "Ich kenne meine Saufgelage, da geht es nicht um Sex", sagt Andreas B. Da schaltet sich Richter Kompisch ein: Wann es denn um Sex gehe? "Wenn nichts getrunken wird." Ja, er sei ein paarmal mit Sylvia S. intim gewesen. Na und?

Er kippte in der Wohnung um

Friedrich W., 49, arbeitsloser Möbelpacker, nimmt mit sichtbarem Unbehagen im Zeugenstand Platz. Er ist der einzige Zeuge der Tat, aber ein unbrauchbarer. Er erinnert sich nur an "sexuelle Annoncen", wie er sagt. Er meint Avancen, seine Hände zittern. "Ich weiß aber nicht mehr, worum es ging", nuschelt er ins Mikrofon. Das sei bei sexuellen Avancen relativ eindeutig, sagt der Richter und fragt: "Wer wollte denn?" Friedrich W. hebt beide Hände: "Na, er!" Aber irgendwann ist W. eingeschlafen und erst aufgewacht, als das Messer schon in der Brust des Opfers steckte. W. lief vor die Tür, rief um Hilfe, ging zurück und kippte in der Wohnung um.

Es könne auch sein, dass er etwas mit der Tat zu tun habe, sagt der Richter und hebt die Augenbrauen. "Ja, das kann sein", sagt Friedrich W. An der Tatwaffe wurden jedoch nur DNA-Spuren von Sylvia S. sichergestellt.

Nicht ohne Stolz verrät Friedrich W. vor Gericht, dass er und Sylvia S. auch mal ein Paar gewesen seien. In seiner Vernehmung auf der Polizeiinspektion sagte er, er liebe Sylvia S., sie aber erwidere seine Liebe nicht. Während des Gelages habe Andreas B. Sylvia S. umgarnt. "Am liebsten wäre ich ihm an die Gurgel." Ein Motiv? Nein, so habe er das auf dem Revier nicht gesagt, relativiert er, sagen könne man ja viel. "Das ist das Problem", konstatiert Richter Kompisch genervt.

Ein Facharzt für Psychiatrie bescheinigt Sylvia S. eine Alkoholaffinität, ihre Trinkkumpane bezeichnet er als durch den immensen Alkoholkonsum "persönlichkeitsverflacht". Er kann nicht ausschließen, dass Sylvia S. die Tat begangen hat - beherrscht von Angst, Halluzinationen und Verfolgungswahn, ausgelöst durch eine akute, psychische Störung, eine plötzliche Entgleisung, ohne Einschränkung der kognitiven Fähigkeiten.

Verteidigerin Bode sieht am Ende der Hauptverhandlung keinen eindeutigen Beweis gegen ihre Mandantin. "Nicht jeder, der eine DNA-Spur hinterlässt, war der Täter", sagt sie. Zumal Sylvia S. beim Herausziehen das Messer angefasst habe. Was sich in der Wohnung abgespielt habe, sei eine "absolute Blackbox", sagt Bode in ihrem Plädoyer und fordert einen Freispruch für ihre Mandantin.

Die 4. Große Strafkammer hält Sylvia S. für voll schuldfähig und verurteilt sie vergangene Woche zu sechs Jahren Freiheitsstrafe wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung. Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten das gleiche Strafmaß gefordert. Was in der Runde bei reichlich Wodka gesprochen worden sei, ist laut Richter Kompisch zwar nicht zu rekonstruieren, "aber wir werden nicht zum ersten Mal mit einem Saufgelage konfrontiert". Friedrich W. komme als Täter nicht infrage. Eine akute, psychotische Episode bei Sylvia S. als Auslöser für die Tat hält die Kammer für ausgeschlossen.

"Das mit dem Alkohol müssen Sie in den Griff kriegen", wendet sich Richter Kompisch in seinem Schlusswort an die Angeklagte. "Ihr Nachtatverhalten zeigt: Sie sind nicht die gewissenlose Killerin." Sylvia S. hat Revision eingelegt.



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